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Leichtathletik-WM Teamgeist ist deutsche Pflichtsache

14.08.2009 ·  Am Samstag startet die Leichtathletik-WM. Die Deutschen sollen im abgeschiedenen Trainingslager in Kienbaum Lust bekommen auf das grelle Berliner Rampenlicht. Es ist ein Treffen der Generationen. Doch die Idylle wird empfindlich gestört.

Von Claus Dieterle, Berlin
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Es ist ein harter Kontrast, wenn man aus der pulsierenden Metropole Berlin hinaus aufs Land fährt. Schummerige Alleen, Äcker, unterbrochen von Waldstücken, hier und dort ein glitzert eine Wasserfläche, gänzlich unberührt. Und nach einer Autostunde Richtung Nordosten kommt dann doch noch das Hinweisschild, an das man schon nicht mehr geglaubt hat: Kienbaum, zwei Kilometer. Manche sagen, es liege in der Mitte von Nirgendwo, und doch steht man plötzlich, vor der Schranke zu einem von Deutschlands bekanntesten Trainingszentren. Es ist in diesen Tag ein letzter Rückzugsort, bevor sich die deutschen Leichtathleten dann hinauswagen ins Scheinwerferlicht der großen Leichtathletik-Welt, wenn am Samstag in Berlin die WM beginnt (siehe auch: FAZ.NET-Sonderseite zur Leichtathletik-WM). Ihr Heimspiel, ihr großer Auftritt.

Kienbaum ist nicht jedermanns Sache, aber Kienbaum ist Pflicht. Selbst Ariane Friedrich, die eine Sonderstellung im Team genießt, ist wie die anderen 90 WM-Starter dem Ruf des deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) nach Brandenburg gefolgt, obwohl sie lieber zu Hause geblieben wäre. Aber auch die Hochspringerin aus der Großstadt Frankfurt kann der Ruhe und Abgeschiedenheit des Zentrums mit seinen hervorragenden Trainingsmöglichkeiten etwas abgewinnen. „Fast wie Urlaub“, sagt die größte deutsche Medaillenhoffnung und lacht. Es ist zumindest die Ruhe vor dem Sturm, und um den heil zu überstehen, dient Kienbaum auch dazu, den Teamgeist zu beschwören. Was bei Individualisten nicht ganz so leicht ist. Ariane Friedrich sagt auch ganz klar: Ich gehe nicht für die Nation ins Trainingslager. Ich kämpfe für mich, und ich verliere für mich.“ Aber sie stehe selbstverständlich hinter dem Team (siehe auch: Leichtathletik-WM: Schweigen ist Gold).

Sie unternehmen beim DLV ja seit Jahren eine Menge, um den Gemeinschaftsgeist zu fördern. Hier in Kienbaum haben sie die Generationen zusammengebracht – Franka Dietzsch ist 41, Kugelstoßer David Storl gerade mal 19 – haben ein Grillfest veranstaltet, eine Bootstour auf der Spree gemacht, was Professor Eike Emrich, dem Delegationsleiter und DLV-Vizepräsidenten ein Bild voller Symbolkraft für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Leichtathletik liefert: „Alle in einem Boot.“ Auch die Sache mit dem Mannschaftsfoto, sonst ein großes Hin- und Hergeschiebe, hat diesmal reibungslos geklappt, was bei 91 WM-Teilnehmern gar nicht so einfach ist. Wieder so ein Indiz für die „Gesinnungsgemeinschaft“, wie der Professor das gerne nennt.

„Ich habe keine Angst. Ich bin in der Form meines Lebens“

Aber vielleicht – und das stört die Idylle – vielleicht ist auf dem Mannschaftsfoto jemand drauf, der da möglicherweise nicht hingehört. Spätestens seit der ARD-Film „Geheimsache Doping“, der Mittwoch um Mitternacht über den Sender lief, ist die Gemeinschaft zumindest verunsichert (siehe auch: Leichtathletik: Bedenkliche Schlupflöcher im Kontrollsystem). Was ist dran an dem deutschen Leichtathletik-Meister 2009, noch dazu Läufer, der angeblich Kunde des österreichischen Managers und Dopinghändlers Stefan Matschiner gewesen sein soll, wie Matschiner selbst in dem Film behauptet? Ohne freilich einen Namen zu nennen. Da muss Professor Emrich als Krisenmanager einspringen. Die rhetorischen Fähigkeiten dazu hat er. Aber auf den Kern reduziert, läuft es auf einen Satz hinaus: „Wir wüssten tatsächlich gerne, wer wann was von wem bekommen hat.“ Damit man aktiv werden könne. So lange gebe es aber keinen Grund, in Panik zu verfallen. Weil Spekulationen nichts brächten.

Die Sportler selbst haben anderes zu tun, als sich ausgerechnet in der letzten Phase des WM-Countdowns mit diesem eher vagen Verdacht zu beschäftigen. Was sollen sie auch groß sagen? Das Spektrum reicht zwar von Ungläubigkeit bis Empörung, aber stets unter Vorbehalt. Es passt auch ganz und gar nicht in die Aufbruchstimmung. Man will den Landsleuten im Olympiastadion schließlich zeigen, dass die Talsohle von Peking, wo Bronze von Speerwerferin Christina Obergföll die einzige Medaille blieb, durchschritten ist. Schon die Hallen-Europameisterschaften in Turin und die neue Mannschafts-EM in Leiria hätten das gezeigt. Aber Europa ist nicht die Welt. Immerhin, entgegnet Emrich, stünden 20 deutsche Athleten unter den besten acht der bereinigten Weltjahresbestenliste. „Aber Prognosen werden sie von mir nicht hören.“

Entspannt wirken die Aktiven, und sie haben die Lust am Heimspiel entdeckt. „Angst? Ich habe keine Angst“, sagt Ariane Friedrich, „ich bin in der Form meines Lebens, und ich freue mich auf den Hochsprung.“ Auf das Duell mit der Kroatin Blanka Vlasic. Der Berliner Diskusriese Robert Harting hat wohl noch den Besuch von Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung im Kopf, als er davon spricht, „dass ich mein Olympiastadion ja verteidigen muss“. Christina Obergföll, bei der WM-Generalprobe Anfang August nach einer Serie von Misserfolgen noch ganz geknickt, sieht plötzlich wieder Licht am Speerwurf-Horizont. „Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Hammerwerferin Betty Heidler hält eisern am Unternehmen Titelverteidigung fest. Und selbst Franka Dietzsch, zweite deutsche Titelverteidigerin von Osaka 2007, zuletzt aber ganz und gar außer Form, denkt plötzlich wieder an den großen Wurf. Es könnte alles so harmonisch-optimistisch sein. Wenn nicht diese mitternächtlichen Anschuldigungen in die Idylle geplatzt wären.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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