26.08.2009 · Die WM war insgesamt schön, aber nicht immer zufriedenstellend. FAZ.NET präsentiert Vorschläge, wie die Leichtathletik der Zukunft aussehen könnte: Hammerwerfen im Central Park, Zehnkampf statt Elfkampf und K.-o.-Duelle im Diskusring.
Von Claus Dieterle, Michael Horeni und Michael ReinschWenn Fußballklubs die Laufbahnen aus den Stadien reißen, muss man das nicht beklagen. Im Gegenteil: Kommt das Publikum nicht zur Leichtathletik, geht die Leichtathletik zum Publikum. Lasst sie laufen, die Leichtathleten! Stabhochspringer und Kugelstoßer, Marathonläufer und Sprinter machen es längst vor. Beim Berlin-Marathon starten Jahr für Jahr 40.000 Menschen. Den Leistungen an der Spitze tut das keinen Abbruch: Haile Gebrselassie will im September seinen Weltrekord zum dritten Mal verbessern. Werfer-Festivals brauchen kaum mehr als eine Wiese oder einen Markt, die Hammerschlag vertragen. Große Sprünge brauchen noch weniger Platz, wie Stabhochspringen in Einkaufszentrum und Fußgängerzone beweist. Selbst Bahnrennen lassen sich, wie Manchester mit dem 150-Meter-Lauf von Usain Bolt gezeigt hat, in Innenstädte verlegen.
Die domestizierte Leichtathletik auszuwildern hätte zwei Vorteile: Nicht nur Metropolen mit Riesenstadien könnten große Meisterschaften ausrichten, sondern auch Länder, die über sportliches Potential, nicht aber über eine Infrastruktur wie Berlin verfügen - Jamaika etwa, Kenia und die Vereinigten Staaten von Amerika. Von dort kommen die besten Athleten der Welt. Doch WM-reife Stadien? Fehlanzeige. Das Schicksal der Usain Bolt, Linet Masai und Allyson Felix als Gastarbeiter muss mit Titelkämpfen in ihren Heimatländern wenigstens symbolisch beendet werden.
Die Marathonläufe der WM im Berliner Regierungsviertel beweisen, dass Wettbewerbe portioniert und über eine Region verteilt werden können. Temporäre Tribünen können überall aufgeschlagen werden, und die Funk- und Fernsehtechnik ermöglicht Direktübertragungen aus Raumkapseln und von Segelbooten. Es ist keine Schwierigkeit, Bilder von Sprints in Montego Bay, Langläufen in Eldoret und Hammerwerfen im Central Park in alle Welt zu senden.
Über die Globalisierung der Leichtathletik hinaus wäre diese Bewegung zurück zu den Wurzeln das Ende der Weltrekorde, der unerreichbaren und vergifteten Bestleistungen. Strecken und Anlagen außerhalb strengster Normen sind einfach nicht vergleichbar. So kämen Titel, Zweikämpfe und die Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten der Natur zu größeren Ehren. Nichts wie raus!
Debakel Zehnkampfregeln: Niemand weiß, wer die Medaillen gewonnen hat
Solange die Befreiung der Leichtathletik noch nicht stattgefunden hat, gibt es genügend andere Möglichkeiten, um ein bisschen Staub abzuschütteln. Fangen wir bei den Königen der Leichtathleten an, den Zehnkämpfern. Wenn die Athleten nach zwei Tagen die 100 Meter hinter sich haben, den Weitsprung, das Kugelstoßen, den Hochsprung, die 400 Meter, die 110 Meter Hürden, den Diskuswurf, den Stabhochsprung und das Speerwerfen - dann trennen sie nur noch 1500 Meter vom Ziel. Das ist eine letzte höllische Anstrengung - aber noch gar nichts gegen die Konfusion, die im Ziel bei Zuschauern und Athleten herrscht. Niemand weiß, wer am Ende die Medaillen gewonnen hat.
Die einen liegen auf der Bahn und schnappen nach Luft, die anderen sitzen auf der Tribüne und spekulieren. Dabei gibt es doch die Gundersen-Methode. Damit kann man den komplizierten Schlüssel einfach wegschmeißen, mit dem man aus einem Zehnkampf einen Elfkampf macht. Weil man erst nachrechnen muss, wer gewonnen hat. Wenn die Zehnkämpfer ihr letztes Rennen wie die Nordischen Kombinierer hübsch der Reihe nach starten würden, wüsste man im Ziel wenigstens gleich, wer unter den Erschöpften, die hinter der Ziellinie zusammenbrechen, gewonnen hat: derjenige, der im Haufen ganz unten liegt.
Weiße Blitze - ein Wettbewerb für Unterprivilegierte
Eurozentristisch gesehen, gibt es in den Sprintwettbewerben den dringendsten Reformbedarf. Im Gewichtheben gibt es verschiedene Gewichtsklassen, im Boxen und im Judo auch. Das leuchtet ein: Große gegen Kleine, das ist unfair. Und bei den Sprintern? Haben wir da in den vergangenen Jahren in irgendeinem Endlauf irgendwo einen weißen Läufer gesehen? Nein. Auch unfair.
Okay, wir hatten mal Dieter Baumann, den weißen Kenianer. Aber das war über 5000 Meter und ist schon lange her. Politisch mag das zwar nicht ganz korrekt sein, aber sollte man nicht auch im Sprint einen Wettbewerb für unterprivilegierte hellhäutige Läufer einführen, Kategorie der weiße Blitz - als Antwort auf Usain Bolt? Das haben wir schon, wenden Sie ein? Na gut. Nennt man aber nur Europameisterschaft.
Mehr Entscheidungen am Abend - und nicht alle auf einmal
Also, so eine WM hat unbestritten ihre magischen Momente. Aber sie ist doch die meiste Zeit ein verdammt zähes Geschäft. Dieser ganze Qualifikations-Müll. Das mag ja noch angehen in der Morgen-Session. Aber wenn das alles schon sein muss, dann könnte man wenigstens die Zuschauer umsonst ins Stadion lassen. Dann müsste man auch gar nicht zusammenzählen, wie viele es morgens und abends insgesamt waren, und damit nebenbei die Stadionkapazität sprengen.
Der Abend, kostenpflichtig, sollte schon den großen Augenblicken vorbehalten sein. Und zwar weitgehend ungestört. Damit die Hochspringerinnen künftig nicht mehr vom Wirbelwind Bolt in ihrem Rücken ausgerechnet in der entscheidenden Phase fast weggefegt werden; damit Jennifer Oeser und Nadine Kleinert künftig unbehelligt auf die Ehrenrunde gehen können, ohne dass der Herr der Blitze zürnt, weil er nicht pünktlich in den Startblock kommt. Als ob das so wichtig wäre. Der überholt ja doch wieder den Zeitplan. Und genau das wäre - im übertragenen Sinne - ja auch nötig. Das Abendprogramm müsste schon wenigstens sechs, sieben Entscheidungen bieten, und die nicht alle auf einmal. Da könnte man schon mal die WM um zwei Tage verkürzen.
K.-o.-Runden mit Speer, Diskus, Hammer und Kugel
Viele haben gefordert, die Wurfdisziplinen ganz aus dem Stadion zu verbannen, weil sie die Läufer bloß stören. Und die Zuschauer angeblich auch. Das soll einer mal Robert Harting ins Gesicht sagen. Nein, es reicht, wenn man das Jürgen Mallow, dem Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, unter die Nase reibt. Da wird er fuchsteufelswild. Nicht etwa, weil es die deutsche Bilanz verhageln würde, nein, selbstverständlich wegen der Ästhetik. Sieht doch toll aus, wenn die Diskuswerfer die lange Armschleuder auspacken. Sollen sie ruhig weiter tun. Aber ganz unreformiert kommen sie nicht davon.
Bei der Mannschafts-EM in Portugal gab es schon ein paar brauchbare Ideen. Da haben sie mit Eliminierungsrunden gearbeitet. Allerdings bei den Langstreckenläufen. Wie wär's, wenn man so etwas in den meisten technischen Disziplinen einführt. K.-o.-Runden, wie im Tennis. 16 aus der Quali treten an, und wer verliert, ist raus. Das betont den Duell-Charakter, den alle doch immer so schön hervorheben, das sorgt für ein straffes Programm, und die Zeiten, dass einer praktisch mit dem ersten Wurf Gold gewinnt, wären vorbei. Ganz im Sinne der Dramaturgie. Dann könnte man sich im Finale sogar best of three leisten.
Warum eigentlich nicht
Martin Scheidemann (MartinSche)
- 26.08.2009, 17:39 Uhr
Diskuswerfen u.ä.
Klaus Hill (morchel)
- 26.08.2009, 18:14 Uhr
Doping frei geben!
Wilhelm Westerkamp (Ralf128)
- 28.08.2009, 00:21 Uhr
@Westerkamp
Reiner Luecker (Reinerluecker)
- 28.08.2009, 02:38 Uhr