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Jelena Isinbajewa Aus allen Wolken gefallen

 ·  Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa zieht aus der bittersten Schlappe ihrer großen Karriere neue Motivation. Schließlich ist sie mit ihrem Salto nullo in bester Gesellschaft. Und sind es nicht erst Niederlagen, die Seriensiegern wirkliche Größe verleihen?

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Am Tag danach bekam es Jelena Isinbajewa mit den Chinesen zu tun. Nicht mit Li Ning, ihrem Sponsor, sondern mit den Journalisten. Wobei das eine mit dem anderen zusammenhängt. Ohne den millionenschweren Fünfjahresvertrag mit dem chinesischen Sportartikelunternehmen hätten die Medien aus Fernost jedenfalls keinen Exklusivtermin bei der weltgewandten Russin bekommen. Aber natürlich sind sie nicht die einzigen, die wissen wollen, was der Stabhochspringerin mit dem Sieger-Gen am Montagabend im Berliner Olympiastadion widerfahren ist.

Warum die erwartete One-Woman-Show ausfiel, warum die hoch gewettete Wahl-Monegassin aus allen Wolken fiel und nach der Bruchlandung wie ein Häuflein Elend auf der Matte kauerte, die Hände mit den lackierten Fingernägeln vors Gesicht geschlagen. Von sich selbst geschockt. Und trotzdem noch nicht ganz in der bitteren Realität angekommen. Warum eine, die sich in 26 Weltrekordschritten meist zentimeterweise bis auf 5,05 Meter gesteigert hat, einmal bei 4,75 Meter und - nach dem Auslassen der Anfangshöhe - zweimal an 4,80 Meter scheitert? Salto nullo - die Höchststrafe in der Branche, die bitterste Niederlage in einer großen Karriere.

„Für mich ist Jelena die beste Stabhochspringerin der Welt

Aber eines ist nach dem tiefen Fall von Berlin auch klar: Jelena Isinbajewa, die strahlende Olympiasiegerin und verhinderte Weltmeisterin, hat nach wie vor keine gleichwertige Gegnerin. Sie kann nur sich selbst schlagen. Das weiß auch Anna Rogowska, die ihren überraschenden Sieg mit ebenjenen 4,75 Metern ganz richtig einordnete. „Für mich ist Jelena nach wie vor die beste Stabhochspringerin der Welt. Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag.“ Oder war es ein Fall von Selbstüberschätzung, von Hochmut gar? Kann das Gefühl der Sicherheit, der Unantastbarkeit derart trügen?

Jelena Isinbajewa wusste es nach dem Wettkampf nicht. Sie war ratlos, sie war traurig, sie vergoss Tränen, aber sie flüchtete nicht. Sie hätte auch wortlos in den Gängen des Olympiastadions verschwinden können, wie das manch anderer schwer Geschlagene tut, und man hätte dafür sogar Verständnis gehabt. Aber die 27 Jahre alte Russin blieb geduldig bei jedem Mikrofon stehen, das sich ihr entgegenreckte - und das waren praktisch alle -, versuchte zu antworten, so gut es ging, und stand diesen Medien-Marathon durch. Anderthalb Stunden lang. Und mit jedem Schritt bekam sie ihre durcheinandergeratene Gefühlswelt ein wenig besser in den Griff. Freilich ohne wirklich zur Aufklärung des Mysteriums beitragen zu können.

Eine Niederlage war nicht vorgesehen. Zweifel schon gar nicht

Nichts hatte sie auf diesen Moment vorbereitet. „Für mich war alles perfekt“, sagte sie. Und erzählte, wie sie beim Aufwärmen noch locker über 4,70 Meter gesprungen sei. Sie gab sogar einen Einblick in ihre Gedankenwelt, als sie, die weiße Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, scheinbar unbeteiligt am Rande des Anlaufs hockte, während sich eine Konkurrentin nach der anderen an den Höhen abarbeitete.

„Ich habe mir schöne Sprünge vorgestellt und meinen Sieg.“ Eine Niederlage war nicht vorgesehen. Zweifel schon gar nicht. Ob es nicht doch zu kühn war, nach dem ersten Scheitern an der Höhe von 4,75 Meter auszulassen und erst bei 4,80 Metern mit nur noch zwei verbleibenden Versuchen wieder einzusteigen? Nur zehn Zentimeter unter ihrer Saisonbestleistung? „Nein“, sagt sie. „Was hätten 4,65 Meter geändert? Ich glaube, es ist passiert, weil es einfach passieren musste.“ Das klang nach Schicksal, nach Vorsehung, vielleicht auch ein wenig nach Erlösung.

„Wie in Zeitlupe“ sei sie angelaufen

Ein Nimbus kann auch zur Last werden. Aber es gab auch objektive Fakten. Der auffälligste war, dass Jelena Isinbajewa im Anlauf einfach nicht auf Geschwindigkeit kam. „Wie in Zeitlupe“ sei sie angelaufen, sagte ihr Trainer Witali Petrow später. „Sie hatte überhaupt keine Aggressivität.“ So, als hätte jemand den Stecker gezogen. Petrow war es auch, der seiner Athletin geraten hatte, vor der WM lieber eine Wettkampfpause einzulegen, wegen der Sehnenentzündung im Knie. Nichts Gravierendes, aber doch eine Behinderung im Training, die drei Wochen lang nicht das volle Programm erlaubte.

Jelena Isinbajewa winkte ab. Sie wollte sich nicht die Chance auf den Jackpot in der Golden League verbauen. Und die Niederlage vor drei Wochen beim Super-Grand-Prix-Sportfest in London, gegen Anna Rogowska, war unter dem Verletzungsaspekt leicht zu erklären und nicht der Rede wert. Es blieb ja noch genug Zeit bis zur WM in Berlin. „Physisch war sie hier wirklich in phantastischer Form“, behauptet ihr schwedischer Manager Daniel Wessfeldt und setzt noch einen drauf: „In Weltrekordform.“ Aber er räumt auch ein, dass möglicherweise die Stabilität, die Sicherheit durch die Pause ein wenig verlorengegangen sein könnte.

Es sind doch erst Niederlagen, die Seriensiegern wirkliche Größe verleihen

Natürlich hat bei einem Werbestar wie Jelena Isinbajewa ein WM-Desaster nicht nur eine sportliche Dimension. Doch Wessfeldt, der Mann, der den 7,5-Millionen-Dollar-Vertrag mit Li Ning eingefädelt hat, glaubt nicht, dass das Image seiner Athletin durch den Salto nullo jetzt angekratzt sein könnte. Auch nicht bei den Chinesen, die sie schließlich als strahlende Siegerin eingekauft haben. „Es zeigt doch nur, dass sie menschlich ist. Und sie werden mit ihr noch viele Siege feiern.“ Jelena Isinbajewa hat schon betont, wie wichtig diese Niederlage für sie sei. Als Lehre, als Motivation. „Ich hoffe, sie macht mich im Hinblick auf London noch stärker.“

Aber jetzt gilt es erst einmal, die Saison zu retten. Deshalb ist sie am Mittwoch mit Trainer Petrow zurück nach Rieti gefahren, dorthin, wo ihr Trainingsdomizil ist. Um sich auf das Golden League Meeting in Zürich vorzubereiten. So etwas soll ihr nicht noch mal passieren. Dabei ist sie mit ihrem Salto nullo eigentlich in bester Gesellschaft. Da braucht sie nur ihren Berater zu fragen, auch wenn der am Montagabend kopfschüttelnd auf der Tribüne hin und her tigerte. Wer ist denn 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona an der Anfangshöhe von 5,70 Meter gescheitert? Sergej Bubka, dessen Weltrekord von 6,14 Metern noch immer unangetastet ist. Es sind doch erst Niederlagen, die Seriensiegern wirkliche Größe verleihen.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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