20.08.2009 · Eine Berlinerin spielt in „Berlin 36“ die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann, die zwei Wochen vor den Spielen von den Nazis ausgeschlossen wurde. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über ihre Begegnung mit Bergmann und ihre Bestleistung von 1,30 Metern.
Sie ist gerade einmal 25 Jahre alt und gilt als eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen in Deutschland: Karoline Herfurth. In „Das Parfum“ von Tom Tykwer fiel sie 2006 zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit auf, dabei hatte sie ihren ersten Kinofilm „Crazy“ schon im Jahr 2000 gedreht.
Die gebürtige Berlinerin spielt jetzt Gretel Bergmann in „Berlin 36“: Jene jüdische Hochspringerin, die zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele von den Nationalsozialisten ausgeschlossen worden ist. Der Film von Kaspar Heidelbach läuft vom 10. September an in den Kinos. Gretel Bergmann ist inzwischen 95 Jahre alt und lebt in New York.
Was hat Sport mit Kunst zu tun?
Sehr viel. Schon in der Antike haben Sport und Körperlichkeit eine große Rolle gespielt. Perfektion und Präzision, gleichzeitig Spontaneität und das Streben nach dem Moment - all das macht sowohl den Sport als auch die Kunst aus.
Was ist mit dem ständigen Training? Ihnen als Schauspielerin reicht doch nicht allein Talent, um erfolgreich zu sein, oder?
Ich bin jemand, der immer lernt. So bin ich erzogen worden. Ich glaube, dass dreißig Prozent Talent ausmachen und der Rest Arbeit ist. Überall. Talent ist der Motor, aber es erschöpft sich eben auch irgendwann. Gerade meine Art von Kunst, die ich im Schauspiel ausübe, hat viel mit meinem Körper zu tun. Über ihn brauche ich die Kontrolle, ihn muss ich in allen Phasen beherrschen - und genau das muss ich trainieren. So, wie ein Sportler es machen muss.
Im Film „Berlin 36“ spielen Sie die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann, und man sieht, wie Sie die Latte im Schersprung überqueren. Wie haben Sie das gelernt?
Wir haben mit Klaus Beer, dem Olympiazweiten von 1968, trainiert. Vor dem Film hatte ich überhaupt keine Ahnung von den Disziplinen in der Leichtathletik, geschweige denn vom Schersprung. Wir haben uns historische Bilder angesehen und sie haarklein analysiert. Wir haben darauf geachtet, wie weit entfernt Gretel Bergmann von der Latte abgesprungen ist, wie sie sich in der Luft gedreht hat, wie die Beine gestreckt waren und wann sie die Beine angewinkelt hat. Dabei sah sie immer sehr elegant aus. Das habe ich auch probiert. Wir haben im Sportforum Berlin trainiert. Zu jener Zeit, als sich die anderen deutschen Sportler auf die Olympischen Spiele in Peking vorbereitet haben. Zu erleben, wie schnell die gelaufen sind, welche Fähigkeiten ihre Körper besitzen - das war unglaublich. Und Klaus Beer war richtig stolz auf uns. „Guck mal, wie sie springt“, hat er immer gesagt.
Seinerzeit hat Gretel Bergmann mit übersprungenen 1,60 Metern einen deutschen Rekord aufgestellt, wo liegt Ihre Bestmarke?
Bei 1,30 Metern. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, über die Latte zu springen. Wenn man den Absprung an der richtigen Stelle mit den richtigen Muskeln erwischt, dann hebt man einfach ab und spürt überhaupt keine Last mehr. Es ist, als ob man fliegen würde. Das wollte ich erleben. Ich hätte Gretel Bergmann nicht spielen können, ohne ihren Sport zu verstehen. Ihren Ehrgeiz und ihre Leidenschaft. Für sie war der Hochsprung eine Lebensentscheidung - genau wie Kunst eine ist. Für mich war es toll, zu erleben, wie man um jeden einzelnen Zentimeter kämpft.
„Seht her, ihr Bastarde, so gut kann eine Jüdin sein“ - Gretel Bergmann hat aus ihrer Wut über die Nationalsozialisten eine ganz spezielle Motivation gezogen. War das ihre Art zu kämpfen?
Je mehr Druck Gretel Bergmann bekommen hat, je mehr Widerstand sie gespürt hat, desto besser wurde sie. All das hat sie fliegen lassen. Sie war niemand, der an solchen Situationen verzweifelt ist. Diese Diskriminierung und Ausgrenzung haben sie nur noch stärker gemacht.
Vor einigen Wochen sind Sie ihr in New York begegnet. Was haben Sie dabei gefühlt?
Es ist nicht zu beschreiben, was ich im Moment der Begegnung empfunden habe. Wie klar Geschichte zur Wirklichkeit wurde. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich verstehe zumindest zum Teil, wie unvorstellbar diese Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten waren, die sie erlebt hat. Ich hatte all die Regeln, die damals gebrochen worden sind, vor Augen, und es hat dazu geführt, dass ich mich bei der Begegnung mit Gretel Bergmann zum ersten Mal in meinem Leben wirklich dafür geschämt habe, deutsch zu sein. Ich habe das noch nie so empfunden. Aber dann stand sie vor mir, und ich hatte das Gefühl, dass ich die Last einer ganzen Generation trage. Mein größtes Anliegen war, dass Gretel Bergmann, wenn sie den Film sieht, sagen kann: Das stimmt, das war ich. So hat es sich damals angefühlt, und du hast mich begriffen. Ich hatte das Glück, dass sie mir genau das bestätigt hat.
Die Nationalsozialisten haben bei Olympia 1936 den Sport für ihre Zwecke missbraucht, mehr als 70 Jahre später - bei den Spielen von Peking 2008 - hatte man das Gefühl, dass sich Geschichte wiederholt. Was hat Sport mit Politik zu tun?
Sport und gerade Olympia beinhalten den Gedanken von Internationalität und der Zusammenführung von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Wir haben „Berlin 36“ gedreht, als wegen der Gewalt in Tibet darüber diskutiert wurde, ob man die Olympischen Spiele boykottieren sollte. Genau wie 1936 die Amerikaner drohten, nicht nach Deutschland zu kommen, sollten keine Juden an den Spielen teilnehmen dürfen. Wenn ein Land den Sport als politisches Instrument missbraucht, dann muss man politisch reagieren. Ein Boykott wäre in jedem Fall eine logische Konsequenz. Wer nicht nach dem Geist der Olympischen Spiele handelt, der kann nicht erwarten, dass die Welt sein Gast sein wird.
Welche Bedeutung hat Sport in Ihrem Leben?
Ich treibe Sport seit meiner frühesten Kindheit. Ich wüsste gar nicht, wie sich mein Körper ohne diese Bewegung anfühlen würde. Das ich so, als wenn mich jemand fragen würde, wie es sich anfühlt, eine andere Hautfarbe zu haben. Ich habe einfach keine Ahnung. Angefangen hat alles im Kinderzirkus, dann wollte ich sehr lange eine Ballerina werden. Ich reite sehr gern und schwimme sehr viel. Durch all das habe ich gewisse Grundfertigkeiten im Umgang mit meinem Körper erlangt. Wenn ich mich zwei Wochen nicht bewege, dann habe ich wahnsinnig schlechte Laune. Zuletzt habe ich Bikram-Yoga ausprobiert, was ich großartig finde. Die Übungen werden in einem auf 40 Grad aufgeheizten Raum gemacht. Eineinhalb Stunden. Die Belastung ist kaum in Worte zu fassen.
Wie wichtig ist diese körperliche Belastungsfähigkeit für Ihren Beruf?
Ich habe einmal zwei Monate für das Theater geprobt, und es war wahnsinnig anstrengend. Wenn man jeden Tag zwei Durchläufe von jeweils zwei Stunden macht in einer Rolle, die körperlich sehr fordernd ist, dann braucht man Kondition. Sie ist der Boden für so viele Dinge, die ich machen muss. Dafür, dass ich die verschiedenen Tanzszenen in „Im Winter ein Jahr“ selbst machen konnte. Dass ich in „Eine andere Liga“ selbst Fußball spielen konnte. Genau das ist mir so wichtig, weil ich diese Rollen in all ihren Facetten spielen möchte. Dazu passt kein Double, das mir die körperlich anspruchsvollen Szenen abnimmt. Wenn ich das nicht leisten kann, dann kann ich auch die Figur nicht spielen. Natürlich gibt es Grenzen: Ich kann nicht so hoch springen wie Gretel Bergmann.
Was lernen Sie durch Sport über Ihren Körper?
Es gibt Sportarten, die zeigen mir Kraft, Ausdauer und Mut. Über die Latte zu springen hat sehr viel mit Überwindung zu tun. Es gab oft die Situation, dass ich kurz vor dem Absprung abgedreht bin. Für mich ist Sport etwas, das mich wahnsinnig zu mir selbst holt.
Sport beinhaltet viele positive Aspekte. Manchen, beispielsweise den dopenden Protagonisten im Radsport, aber geht es nicht mehr um Gesundheit oder Leistungssteigerung aus eigener Kraft. Wird damit der Grundgedanke des Sports ad absurdum geführt?
Natürlich. Ich muss es akzeptieren, wenn ich etwas nicht leisten kann. Aber es ist ein Phänomen unserer Gesellschaft, dass man zum Teil unerreichbare Leistungen vollbringen soll oder will. Das ist wie eine Hybris. Ein Anspruch auf Übermenschlichkeit. Ich finde das furchtbar, weil dieses System irgendwann einmal vollends kollabieren muss. So, wie es in der Wirtschaft schon passiert. Es geht beinahe überall nur noch um das Höher, Weiter, Schneller. Sportarten, in denen es zuletzt viele Doping-Fälle gegeben hat, schaue ich mir überhaupt nicht mehr an. Sie langweilen mich. Es geht dann nur um die medizinische Entwicklung, aber nicht mehr darum, dass es jemand schafft, seinen eigenen Körper zu bezwingen.
Welche Parallelen bestehen zwischen einem Wettkampf und einer Aufführung?
Du erlernst die Technik, du probst, wie es in dem einen Moment gehen soll. Aber wie es letztlich wird, kannst du niemals bestimmen. Gerade dann, wenn man mit einem Partner spielt. Es gibt so viele Bedingungen, die darauf Einfluss nehmen. Wenn ich eine Szene spiele, ist sie immer wieder verschieden. So wie ein Sprung, ein Lauf, ein Spiel. Für mich ist jeder Film ein Sprung, und in jedem Film habe ich gute und schlechte Sequenzen. Ich bin in keinem Film perfekt, es gibt ganz viele Momente, von denen ich nachher weiß, dass ich sie noch besser machen kann. Das ist wie ein Training - und mit jeder Rolle lerne ich mehr und mehr.
Schauen Sie sich die Leichtathletik-WM in Berlin an?
Definitiv. Aber ich weiß nicht, ob ich tatsächlich im Stadion sein kann. Ich drehe zu dieser Zeit gerade in München, der Sommer ist für mich immer eine Hoch-Zeit der Arbeit. Am 20. August aber haben wir die Premiere von „Berlin 36“ und werden in Berlin sein. Vielleicht kann ich mir sogar den Hochsprung anschauen, der an diesem Tag stattfindet. Aber inzwischen hat der ja überhaupt nichts mehr mit der damaligen Technik zu tun. Gesprungen wird im Fosbury Flop, der Weltrekord der Damen liegt inzwischen bei 2,09 Metern.