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Hochsprung „Da gehört kein Zickenkrieg rein“

21.08.2009 ·  Ariane Friedrich zeigte sich erlöst vom Erfolgsdruck und lächelte sogar während des Wettkampfs. Ihrer Konkurrentin Blanka Vlasic gönnt sie den Hochsprung-Sieg. Ihre Jahresbilanz stimmt auch ohne WM-Gold: „So gut war ich noch nie.“

Von Claus Dieterle, Berlin
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Sie spricht wieder, sie ist befreit, erlöst von dem Druck, der sich da in den letzten Wochen aufgebaut hat. Erleichtert, dass sich der ganze Einsatz, der Rückzug in die Trainingsklausur, der Verzicht auf manche Annehmlichkeit gelohnt hat. Wehmut, gar Enttäuschung, dass es im eigenen Wohnzimmer „nur“ Bronze geworden ist? „Nee“, sagt Ariane Friedrich entspannt, „das war meine erste WM, ich habe alles getan, was ich konnte, und deshalb bin ich stolz auf mich.“ Und die beiden anderen, die seien einfach besser gewesen an diesem „fantastischen“ Abend. „Man muss sich gegenseitig auch den Sieg gönnen können.“

Die beiden anderen, das waren Blanka Vlasic, die alte und neue Weltmeisterin aus Kroatien, die im Olympiastadion als Einzige 2,04 Meter übersprang, und die Russin Anna Tschitscherowa, die ihrer deutschen Konkurrentin bei Höhengleichheit (2,02 Meter) die geringere Anzahl an Fehlversuchen voraushatte und später sagte: „Ich habe schon mitgekriegt, dass mit mir keiner gerechnet hat.“ Das galt aber nur für die Öffentlichkeit. Zuletzt hatte sich alles auf dieses Duell Vlasic/Friedrich kapriziert, was die Deutsche in einer Hinsicht zumindest sogar positiv findet: „Das rückt den Hochsprung noch mehr in den Fokus“, sagt sie. Auch wenn sie persönlich durchaus darunter gelitten hat: „Ich hatte so viel Druck, ich bin froh, dass es vorbei ist.“

Da kann ihr Blanka Vlasic nur beipflichten. Sie mochte dieses Gerede, diese Zuspitzung nie: Das widerspricht ihrer Philosophie: „Hochsprung ist kein Boxkampf. Die Latte ist unser Gegner, nicht die Konkurrentin.“ Sie habe diesen ganzen Ballast einfach im Hotel gelassen. Aber auch sie kann wieder lächeln nach einem der schwierigsten Wettkämpfe der Karriere, ausgerechnet im Wohnzimmer ihrer Konkurrentin. Aber die 25 Jahre alte Kroatin hat ein feines Gespür. „Ich fühle genau, ob das Publikum einfach nur so klatscht. Aber die Leute wollten, dass ich hoch springe. Ich habe diese positive Energie in mich aufgenommen.“

Vlasic: „Hochsprung ist kein Boxkampf“

Da lag sie mit Ariane Friedrich auf einer Wellenlänge. Die hat es irgendwie fertiggebracht, der Erlebniswelt Olympiastadion bei allem Druck auch noch einen Spaßfaktor abzugewinnen. Man sah im Wettkampf immer wieder dieses fast selige Lächeln. Was sie so erklärte: „Natürlich war ich aufgeregt, aber ich habe versucht, meine innere Ruhe zu finden und zu genießen. Es wäre schlimm gewesen, in so einer großartigen Atmosphäre verbissen zu sein.“ Es war nicht wie sonst, wo sich die kleine Wettkampf-Welt der Ariane Friedrich auf die paar Quadratmeter vor der Matte konzentriert. Sie hatte diesmal den Blick für das große Ganze, sie hat sich nicht hinter ihrer Sonnenbrille abgeschottet.

Sie hat sogar die jungen Männer gesehen, „die meinen Namen auf ihren nackten Oberkörper geschrieben haben. Dass ich so was erleben darf, hätte ich nie für möglich gehalten.“ Natürlich war nicht alles der pure Genuss an diesem Abend. Es gab diese Krisensituation, als Bolt in Weltrekordzeit um die Bahn fegte, mitten hinein in die Konzentrationsphase. „Ich habe mich ein bisschen von der Bolt-Mania anstecken lassen. Das war natürlich klasse für die Leichtathletik, aber nicht für uns.“ Vor diesem dritten Versuch über 2,02 Meter sei ihr „ganz schön die Düse gegangen. Da bin ich zwei Jahre älter geworden.“ Und einen kurzen Moment habe sie sich gefragt: Was machst du bloß, wenn das nicht hinhaut? Da hätte das System Friedrich auf dem Spiel gestanden.

Friedrich: „Aus dem Duell mit Blanka bin ich erst mal raus

Sie war nicht unbedingt auf Gold programmiert, aber sie hätte es freiwillig auch keiner anderen überlassen. Sonst hätte sie nicht die 2,06 Meter auflegen lassen, nachdem sie zweimal an 2,04 Meter gescheitert war. „Wenn ich um Silber gesprungen wäre, das wäre nicht ich gewesen.“ Es war ein Sprung, der vielleicht sogar Gold wert gewesen wäre. „Nur der Abstand hat nicht gestimmt. Einen halben Fuß zurück, und ich wäre drüber.“ Aber jetzt ärgern, warum denn? „Ich bin erst im zweiten Jahr in der Weltspitze, ich bin noch ein Rookie. Es war spannend hier, es war bewegend, ich habe unheimlich viel mitgenommen: Das wird mich weiter nach vorne peitschen.“ Die Jahresbilanz stimmt auch ohne WM-Gold. „So gut war ich noch nie.“ Dazu kam in Berlin ein kleines Jubiläum: Es war ihr 25. Sprung über zwei Meter.

Nein, es wird alles so weitergehen wie bisher im System Friedrich: mit ihrem Trainer-Manager und Bodyguard Günter Eisinger, dem sie für seine Dienste einen Wellness-Urlaub schenken will. Mit ihrem Job bei der Polizei, der für sie als zweites Standbein „ungeheuer wichtig“ ist. Und mit der mitunter schillernden Figur Friedrich selbst, in all ihren Facetten: mal unnahbar, mal aufgekratzt, mal quirlig, mal zickig. „Ich bin so, wie ich bin, und ich werde mir jetzt keinen Imageberater nehmen. Das wäre nicht echt.“ Auch am Verhältnis zu Blanka Vlasic wird sich nichts ändern: keine Freundschaft, aber faire Konkurrenz. „Hochsprung ist so eine spannende, elegante und ästhetische Disziplin. Da gehört einfach kein Zickenkrieg rein“, sagt Ariane Friedrich und fügt mit dem Blick auf die Ergebnisliste lächelnd hinzu: „Aus dem Duell mit Blanka bin ich erst mal raus.“ Doch das glaubt nicht einmal sie selbst.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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