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Harald Schmids WM-Kolumne (2) Bolts Rekordlauf hat mich kaum berührt

17.08.2009 ·  Der Rekordlauf des Usain Bolt gilt als Höhepunkt der Leichtathletik-WM. Doch die wahren Königinnen des Stadions waren Jennifer Oeser und Nadine Kleinert. Außerdem: Wirkliche Bewunderung haben die Geher verdient. Die WM-Kolumne von Harald Schmid.

Von Harald Schmid
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Der Magier Usain zeigte uns seinen größten Trick - doch wir kannten ihn schon. Es war ein Auftritt ohne Spannung. Ach, es war eigentlich nur noch eine rein numerische Angelegenheit: welche Zahl - sicher kleiner 9,69 - würde am Ende auf der Anzeigentafel erscheinen? Wie konnte es geschehen, dass mich dieser schnellste Lauf aller Zeiten kaum berührt? Da ist immerhin das Staunen über die perfekte Lauftechnik. Jede Faser des Sprinterkörpers sorgt für Vortrieb. Und er kann sein Biosystem von einem Zustand der größten Lässigkeit mit nur einem Augenzwinkern in rasende Kraftekstase versetzen (siehe auch: Weltmeister mit Weltrekord: Das Spiel des Usain Bolt).

Soll ich den Versuch machen, Usain Bolts Leistung zu erklären? Selbst wenn ich es könnte, wem würde es schon nützen? Wer könnte es ihm gleich zu tun? Ich hatte das Gefühl, neben Enttäuschung auch einen Anflug von Hoffnungslosigkeit in den Augen von Tyson Gay, dem Zweitplazierten, wahrzunehmen. Die Zuschauer hatten schon vor dem eigentlichen Höhepunkt des Abends längst ihre Königin des Stadions bejubelt. Jennifer Oeser zeigte nach ihrem Sturz im 800-Meter-Lauf ganz großen Sport. Sie kämpfte im Sturm der tobenden Menge und gewann neben Silber im Siebenkampf die Herzen der Leichtathletikfans.

Nadine Kleinerts Blick überzeugte mich in einer Sekunde von ihrer höchsten Konzentration. Die folgende Explosion beschleunigte ihre Kugel für einen Flug auf eine neue Bestweite von 20,20 Meter. Fast hätte der soweit entfernte Einschlag Neuseeland hart getroffen, doch die Favoritin Valerie Vili wusste ein richtig schönes Loch mit ihrem Wurfgerät in den Teppichrasen zu sprengen. Es lag in einer Distanz von 20,44 Metern zum Abstoßort und damit dort, wo man Gold findet. Nadine Kleinert bekam mit Silber das mindeste an Anerkennung für das, was sie wollte: „im entscheidenden Moment alles geben“ (siehe auch: Leichtathletik-WM: Oeser und Kleinert gewinnen Silber).

Respekt und Bewunderung für die Leistungen der Geher

Wer in Deutschland geht schon noch irgendwohin? Wir sind doch ein Volk der Autofahrer geworden und schaffen es kaum, eine tägliche Gehstrecke von einem Kilometer auf unserem Bewegungskonto zu sammeln. Wie kann dann eine junge Frau auf die Idee kommen, Gehsport zu betreiben? Sabine Krantz hat ihre große Chance blendend genutzt und hat sich zumindest am Anfang an der ersten Stelle des Gehwettbewerbs gehalten. Es ist eine „oft belächelte“ Sportdisziplin. Ich rate allen Lächlern, es einmal bei der Hitze nachzumachen. Der Respekt und die Bewunderung für solche Leistungen werden sich schnell einstellen (siehe auch: 20 km Gehen: Berlins schnellster Spaziergang).

Und die Frauen trumpften weiter auf. Mit Halbfinalläufen über die Stadionrunde (für die Leichtathletiklaien: das sind 400 Meter) sorgten sie für ein besonderes Highlight. Eine solch hohe Qualität gab es noch nie zuvor und es war noch nie so schwer, in den Endlauf zu kommen. Die Zeiten liegen zwar deutlich hinter denen früher absoluter Weltklasse, doch die Breite ist bemerkenswert. Dabei kommen die Läuferinnen immer wieder aus kleinen Ländern, selbst von Inselstaaten, bei denen man Zweifel hat, ob überhaupt genug Platz für eine 400-Meter-Bahn vorhanden sein könnte.

Was machen wir nur falsch? Weder auf der 400-Meter-Strecke noch auf den 400-Meter-Hürden können wir mithalten, auch im Sprint nicht. Sollen wir mehr auf Inseln trainieren? Oder unsere Sportausrüstung optimieren? Immerhin bot eine der schnellsten Sprinterinnen einen aufregenden Ansatz dafür. Sie kommt von den „British Virgin Islands“. Na ja, die Fernsehkamera zeigte den gekonnt hinten auf der Sprinthose aufgebrachten Schriftzug.

Harald Schmid war in den 70er und 80er Jahren einer der besten 400-Meter-Hürdenläufer der Welt und ein herausragender Repräsentant der internationalen Leichtathletik. Er wurde fünf Mal Europameister, gewann drei WM-Medaillen (zwei Mal Silber 1983 und Bronze 1987) und zwei Mal olympisches Edelmetall (Bronze 1976 mit der Staffel und 1984 über 400 Meter Hürden).

Für FAZ.NET analysiert der promovierte Sportwissenschaftler in seiner Kolumne während der Leichtathletik-WM in Berlin jeden Wettkampftag. Der Gelnhausener betreibt eine Agentur für Sport und Kommunikation. Besonders am Herzen liegt ihm die Kampagne zur Suchtvorbeugung „Kinder stark machen“ (siehe: Homepage von Harald Schmid).

Quelle: FAZ.NET
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