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Fazit der Leichtathletik-WM Neue Generation, neuer Geist

25.08.2009 ·  Die deutschen Leichtathleten haben die Heim-WM zur Image-Korrektur in eigener Sache genutzt. Sie waren nicht nur erfolgreich, sondern auch sympathisch. Es mag eine Spaßgesellschaft sein, aber eine mit hohen Ansprüchen.

Von Claus Dieterle, Berlin
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Es gab diesen einen Moment, der Clemens Prokop besonders im Gedächtnis haften bleiben wird. Es war gleich am Anfang der Weltmeisterschaften, als die Siebenkämpferin Jenny Oeser im abschließenden 800-Meter-Lauf stürzte: „Ich dachte, jetzt ist alles vorbei“, sagt der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), auch noch mit dem Abstand einer Woche sichtlich bewegt. Aber Jenny Oeser hat sich wieder aufgerappelt, hat gekämpft, und ist für ihren Einsatz mit Silber belohnt worden. Ein Bild, dem Prokop „fast symbolhaften Charakter“ bemisst. (siehe: Leichtathletik-WM: Oeser und Kleinert gewinnen Silber).

Weil es die Situation der deutschen Leichtathletik so treffend illustriert. Stürzen, aber nicht liegen bleiben. Sie war ja am Boden nach Peking, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und in der reinen Medaillenbilanz – einmal Bronze –, aber sie hat sich in Berlin eindrucksvoll zurückgemeldet. „Wir haben die WM nach Berlin geholt, um die deutsche Leichtathletik neu zu positionieren, um neuen Schwung zu bekommen. Das ist uns gelungen“, sagt Prokop und schwärmt von „sensationellen TV-Quoten“, von der Faszination, von der Begeisterung im Stadion, von einer jüngeren Zielgruppe als in der Vergangenheit. Das ist schön, aber eben nur eine Momentaufnahme. Denn über die Nachhaltigkeit ist damit nichts gesagt. Das ist auch Prokop bewusst. „Aber die Begeisterung gibt uns Mut für die Zukunft.“

Für die sportliche Bilanz ist Jürgen Mallow zuständig, und der Sportdirektor des DLV reibt sich die Hände, nachdem er seinen Ärger über diejenigen, die die Leichtathletik totgesagt haben, losgeworden ist: Er habe schon im April 2008 sein WM-Ziel für Berlin erstmals öffentlich formuliert: „2005 hatten wir fünf Medaillen, 2007 sieben, also mussten es 2009 neun sein.“ Er ist damals belächelt worden, aber er hatte das ernst gemeint. Nun ist die Prognose eingetroffen, und damit ist Mallow den Rechtfertigungszwang, unter dem er stets zu stehen scheint, erst einmal los. Mallow nutzte seine Chance, in die Offensive zu gehen: „Alle lassen uns im Regen stehen. Der DLV hat sich durch die schlechten Leistungen in Athen 2004 und Peking 2008 bei der Förderung nach unten katapultiert. Wir sollen mit immer weniger Mitteln immer mehr Erfolge gegen immer stärkere Konkurrenz erreichen. Das ist ein Paradoxon. Die deutsche Leichtathletik könnte besser sein.“

Es geht um die innere Einstellung

Aber die Medaillenzählerei ist ohnehin nicht das Entscheidende. Es geht mehr um die Frage der Präsentation, der inneren Einstellung. Und da hat sich die deutsche Leichtathletik zumeist hohe Sympathiewerte erworben – durch das Auftreten ihrer Protagonisten. Lächelnd, sympathisch, entspannt, mit dem Publikum flirtend, aber im entscheidenden Augenblick hochkonzentriert. Das ist eine neue Qualität. Nicht mehr die Verbissenheit, die Verkrampfung, die früher so oft ein Markenzeichen war.

Ob Betty Heidler oder Ariane Friedrich, ob Steffi Nerius oder Nadine Kleinert: Sie alle haben entdeckt, dass ein Wettkampf auf diesem Niveau nicht nur Stress, sondern auch Genuss sein kann, Lust statt Last. Dass sich Spaß und Leistung nicht ausschließen, sondern vielleicht sogar bedingen. Dass das emotionale Erlebnis das nüchterne Ergebnis bei weitem übertreffen kann. Wie hat es Betty Heidler formuliert: „Der Wettkampf ist so viel mehr wert als die Medaille. Silber nimmt mir nichts von meiner Begeisterung.“

Die pure Lust am Wettkampf

Es mag eine Spaßgesellschaft sein, die da in Berlin aufgetreten ist, aber eine mit hohen Ansprüchen. Hochspringer Raul Spank, der in Peking noch überrascht moniert hatte, dass das olympische Motto „dabei sein ist alles“ für viele Teamkollegen der höchste Anspruch gewesen sei, stellt fest: „Hier wollte jeder etwas erreichen, das hat man von Anfang gespürt.“ Es ist eine neue Generation, und mit ihr ist auch ein neuer Geist eingezogen, auch wenn sie immer noch die Altlasten mitschleppen muss, die sich in der Diskussion um Diskus-Weltmeister Robert Harting, seinen Trainer Werner Goldmann und die Doping-Opfer zeigen (siehe: Kommentar: Glaubenssache Sport).

Jürgen Mallow spricht gerne von einer Solidargemeinschaft. Was das in der Praxis bedeutet, formuliert die bekennende Individualistin Ariane Friedrich so: „Wir sind im Trainingslager in Kienbaum zusammengewachsen. Als Ralf Bartels die erste Medaille gewonnen hat, hat hier die Hütte gewackelt.“ Die pure Lust am Wettkampf hat Eike Emrich, den DLV-Vizepräsidenten Leistungssport, am meisten beeindruckt auch deshalb, weil das seine Philosophie vom Hochleistungssport bestätigt und als Absage an die Medaillen-Planwirtschaft nach Art der DDR gesehen werden kann. „Ich bin froh, dass unser Modell funktioniert“, sagt Emrich nicht ohne Genugtuung.

Steineschmeißer mit großer Distanz zum Sport

Aber es gibt viele, auch in der Leichtathletik, die anders denken, und es gibt ein Problem. Mallow, der 2004 zunächst als Leitender Bundestrainer und seit Peking als Sportdirektor mit hanseatischer Sprödigkeit, aber exzellentem Sachverstand das neue Gesicht der deutschen Leichtathletik geprägt hat, geht Ende September in Ruhestand. Und Vordenker Emrich hat anklingen lassen, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass er sich beim DLV-Verbandstag im Oktober zur Wiederwahl stellen wird. Da muss man schon fragen, ob die deutsche Leichtathletik auf diesem Weg überhaupt weitergehen kann.

Die personelle Zäsur kommt im ungünstigsten Moment, jetzt, wo man darangehen könnte, mit dem Rückenwind von Berlin in die Zukunft zu gehen. Mallow ist gleichwohl froh, bald aufhören zu können. Und sagt auch, warum. „Am Freitag um 11.01 Uhr traf ein Fax vom Bundesinnenministerium ein. Darin wurden wir aufgefordert, bis kommenden Dienstag die Ergebnisse und Fakten für vier Olympia-Stützpunkte für die Jahre 2005 bis 2009 zusammenzustellen, damit da eine Prüfung stattfinden kann. Das sind Steineschmeißer. Man muss viel Liebe zur Leichtathletik haben, um zu verstehen, was diese Leute mit großer Distanz zum Sport von uns fordern. Ich bin froh, dass ich das bald hinter mir habe.“ Die Planwirtschaft wartet schon.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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