20.08.2009 · Sie ist das Gesicht des deutschen Teams, auch wenn sie sagt: „Ich stehe für mich selber, ich kämpfe für mich, ich verliere für mich.“ Wobei das mit dem Verlieren grundsätzlich gemeint war, nicht im Hinblick auf die WM. Die gewinnt sie.
Ariane Friedrich wird Steffi Nerius und Robert Harting dankbar sein. Jedenfalls haben die Speerwerferin aus Leverkusen und der Diskuswerfer aus Berlin ihrer zwölf Jahre jüngeren Hochsprung-Kollegin aus Frankfurt mit der Goldmedaille ein bisschen Druck genommen. Denn die ganze Last der Leichtathletik-Nation schien auf den dünnen Schultern der 57 Kilogramm schweren Springerin zu lasten. Sie war zum Gesicht der WM auserkoren, sie war die einzige Favoritin auf Gold, nachdem die Marathonläuferin Irina Mikitenko wegen des Todes ihres Vaters ihre Teilnahme abgesagt hatte. Sie hatte mit Abstand die meisten Anfragen wegen Werbe- und Presseterminen, sie hat das Zeug zum Medienstar: Jetzt muss sie wenigstens nicht mehr die Bilanz des Deutschen Leichtathletik-Verbandes retten. Die ist jetzt schon besser als erwartet. Aber wer die 25 Jahre alte Athletin kennt, weiß, dass das an ihrem Ziel nichts ändern wird. Sie hat es ja selbst gesagt, bei ihrem einzigen öffentlichen Auftritt vor der WM: „Ich stehe für mich selber, ich kämpfe für mich, ich verliere für mich.“ Wobei das mit dem Verlieren grundsätzlich gemeint war, nicht im Hinblick auf die WM.
Ihr Auftritt im Trainingslager in Kienbaum hätte ihre Ausnahmestellung im deutschen Team kaum deutlicher zeigen können: Eine eigene Pressekonferenz war sonst keinem der 91 restlichen DLV-Athleten aus dem WM-Kader vergönnt. Ariane Friedrich durfte sich nach der halben Stunde zurückziehen. So wie sie das seit einiger Zeit schon tut. Sie muss sich ja aufs Wesentliche konzentrieren, auf diesen Donnerstag nämlich, auf das Hochsprung-Finale, statt die ewigen Fragen nach ihrer angeblichen Magersucht zu beantworten. Das lenkt doch nur ab.
Sie hat jedenfalls in den letzten Wochen keine Interviews mehr gewährt, weil ihr der Sport wichtiger ist als Publicity. Aber sie ist in Kienbaum forsch und selbstbewusst aufgetreten. „Ich bin in der Form meines Lebens, ich habe keine Angst.“ Und wer sie am Dienstag in der Qualifikation gesehen hat, weiß, dass sie ihren Worten auch erste entsprechende Taten hat folgen lassen. Sie ist - ganz schön mutig - als einzige erst bei der Qualifikationshöhe von 1,95 Meter eingestiegen - und hat sie auf Anhieb gemeistert. Und hat sich nach dem einzigen Sprung des Tages mit einem einzigen Satz wieder ins Mannschaftshotel aufgemacht: „Ich bin in guter Form und werde am Donnerstag hoffentlich gewinnen.“ Ökonomischer geht es nicht. Im Finale braucht sie schließlich jedes Körnchen Energie.
Mehr Zeit in Fernsehstudios als auf dem Trainingsplatz
Günter Eisinger, den sie als Trainer, Manager, Kumpel und „Papa“ bezeichnet, der aber auch ihr Bodyguard und Pressesprecher ist, redet seit jeher wesentlich mehr. Er hat bei der Qualifikation sogar ein kleines deja-vu-Erlebnis gehabt. „Das war wie beim Istaf.“ Und er glaubt, dass es im Finale ähnlich hoch hinausgeht wie damals am 14. Juni beim Internationalen Stadionfest in Berlin. Dort, wo der ganze Hype um die eigenwillige Hochspringerin erst richtig begonnen hat. Da entriss sie unvorsichtigerweise mit 2,06 Metern der Leverkusenerin Heike Henkel den 18 Jahre alten deutschen Rekord, und bezwang vor allem Blanka Vlasic, die Weltmeisterin aus Kroatien, die seit ihrer Niederlage 2008 beim Golden-League-Finale in Brüssel, die ihr eine halbe Million Dollar aus dem Jackpot gekostet hat, nicht mehr so gut auf ihre deutsche Kollegin zu sprechen ist.
Aber der Rekord, der sie - vorbei an Blanka Vlasic - auch an die Spitze der Weltjahresbestenliste geführt hat, war nur Nebensache in einem Psychospielchen. Sie wollte der Kollegin zeigen, dass das Olympiastadion ihr Wohnzimmer ist. Ich wollte Blanka schlagen und ihr so viele Steine in den Weg legen wie möglich.“ Die Botschaft mag angekommen sein, aber sie hatte einen unerwünschten Nebeneffekt. In der Zeit danach hätte Ariane Friedrich mehr Zeit in Fernsehstudios als auf dem Trainingsplatz verbringen können. Schon nach der Mannschafts-EM Ende Juni in Leiria fühlte sie sich urlaubsreif.
Aber sportlich betrachtet, ist das bislang ihr Jahr gewesen. Das fing mit 2,05 Metern in der Halle an, wo sie in Turin auch Europameisterin wurde und eine ausgebrannte Blanka Vlasic bezwang, und setzte sich draußen fort. In Leiria gewann sie mit 2,02 Metern, bei der Universiade in Belgrad mit exakt zwei Metern. Überall, wo sie auftauchte, war sie die Herrin auf der Sprunganlage. Auch weil Günter Eisinger die Termine sorgfältig plant - man ging Blanka Vlasic tunlichst aus dem Weg, sogar die Golden League in Paris ließ die Frankfurterin aus. Lieber genoss sie das Gefühl von Siegen, die sich zu einer ganzen Serie summierten. Nur einmal hat sie verloren, das war in Monaco - gegen Blanka Vlasic. Bei gleicher Höhe. Doch dazu sagt Ariane Friedrich nur: „Ich fühle mich in der Rolle der Jägerin sowieso wohler.“