28.08.2009 · Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa hat mit ihrer Wiederauferstehung sogar Sprint-Superstar Usain Bolt in den Schatten gestellt. Die bei der WM in Berlin noch tief gefallene Russin sprang beim Golden-League-Meeting in Zürich Weltrekord.
Von Claus Dieterle, ZürichEs war so leicht, so unerklärlich leicht: die 18 Schritte Anlauf, der Einstich, das Katapult, die Drehung über der Latte, die Landung - alles wie in einer einzigen fließenden Bewegung. Als sei das eine Selbstverständlichkeit. Aber genau das war der 27. Weltrekord von Jelena Isinbajewa eben nicht. Nicht nach dem, was in Berlin passiert ist. Das konnte man schon daran erkennen, wie aufgedreht die Russin nach ihrem Sprung über 5,06 Meter - ein Zentimeter mehr als bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking - hinüber zur Bande raste, direkt in die Arme ihres Trainers Witali Petrow, den sie elf Tage zuvor noch in einen Schockzustand versetzt hatte.
Und wie sie sich dann, in die russische Fahne gehüllt, strahlend von den 26.000 Zuschauern im Züricher Letzigrund feiern ließ. Das war nicht die coole Branchenführerin, die eben mal Rekord Nummer soundsoviel zur Kenntnis nimmt, das war wieder die Jelena Isinbajewa, die sich fast wie kleines Mädchen freuen kann.
Drei Sprünge bis zum Weltrekord
„Ich wollte den Sieg, ich wollte den Weltrekord, ich war hungrig danach. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach würde.“ 4,71 Meter, 4,81 Meter, 5,06 Meter - drei Sprünge bis zum Weltrekord. Es war ihr fünfter Sieg in der Golden League, sie bleibt damit - genau wie 400-Meter-Weltmeisterin Sanya Richards und 5000-Meter-Weltmeister Kenenisa Bekele - vor dem Finale in Brüssel im Rennen um die Million Dollar im Jackpot. Aber viel wichtiger war die Erkenntnis: Das Feuer brennt wieder. Zuletzt war es fast erloschen.
Alle haben gerätselt, was mit der Frau passiert war, die bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin als sicherste Goldkandidatin gehandelt worden war und dann im Olympiastadion einen Salto Nullo hinlegte. Ein Favoritensturz fast ohnegleichen. „Der Unterschied zu Berlin“, sagt Jelena Isinbajewa in Zürich, „ist nur der Kopf.“ Ihre physische Verfassung sei im Olympiastadion eher noch einen Tick besser gewesen. „In Berlin war nur mein Körper anwesend, nicht mein Geist. Hier war ich hundert Prozent konzentriert.“ Sie ist nach dem Berlin-Schock sofort nach Rieti ins Trainingsdomizil zurück- gekehrt, aber entscheidender als die paar Übungseinheiten war es, sich selbst den Spiegel vorzuhalten.
Zu erkennen, wer oder was ihr da bei der WM diesen üblen Streich gespielt hat: Nicht Anna Rogowska, die staunende Weltmeisterin aus Polen, sondern sie selbst. Ihr Coach hatte schon länger beobachtet, dass sie zuletzt viel zu relaxed gewesen sei, dass sie andere Dinge im Kopf gehabt habe als den Sport, ihr Privatleben zum Beispiel. Dass langsam die Prioritäten verrutscht seien. Und Berlin war nichts anderes als die Quittung. „Es hat mir für ihn mehr leid getan als für mich. Er war so enttäuscht“, sagt Jelena Isinbajewa und ist froh, dass sie ihm in Zürich wieder Freude bereitet hat. Aber sie versucht auch zu erklären, woran sie gescheitert ist.
Erleichterung nach dem Berlin-Schock
Es ist die Geschichte einer Athletin, die mit 27 Jahren alles erreicht hat, die seit Jahren einsam in den Höhenregionen jenseits der fünf Meter thront, die Titel an Titel, Sieg an Sieg reiht, oft genug mit Weltrekord, die keine Konkurrentin zu fürchten hat. Die irgendwann glaubt, sie sei unschlagbar, und das sogar mit halber Kraft. Die sorglos wird und nachlässig, die vergisst, was sie stark gemacht hat: ihr Kopf. Weil doch alles längst zum Selbstläufer geworden ist. Nach dem Motto: Das nächste Gold gehört mir sowieso. Aber gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit: „Vor Berlin waren Siege für mich selbstverständlich geworden. Und selbst die WM war für mich wie Alltag. Keine Emotionen, ich war einfach nur müde.“ Daran konnte auch der 7,5 Millionen schwere Fünfjahresvertrag mit dem chinesischen Sportartikelunternehmen Li Ning nichts ändern, den sie im Januar abgeschlossen hat. Auch wenn sie da von einem neuen Schub für ihre Karriere gesprochen hat.
Aber er musste fast zwangläufig passieren, dieser Berlin-Schock. „Mein großer Fehler war: Ich war viel zu selbstsicher.“ Sie hat an ein leichtes Spiel geglaubt, daran, dass 4,80 Meter für den WM-Titel reichen würden. Und schon den Weltrekord im Kopf gehabt. „Dann fange ich mit dem Wettkampf an, und alles geht schief.“ Sie war hart, diese Niederlage, ein Fall von Hochmut, aber auch irgendwie eine Erlösung. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, weil ich dachte: Jetzt geht alles wieder bei null los.“ Sie hat allerdings nicht daran geglaubt, dass die Ära Isinbajewa schon Geschichte sein könnte: „Wenn meine Konkurrentinnen in Berlin Weltrekord gesprungen wären, dann wäre es für mich schwer geworden.“
Petrow hat ihr nach seiner schonungslosen Kritik jedenfalls empfohlen: „Komm, vergiss Berlin, schau nur noch nach vorne.“ Aber das eine geht ohne das andere nicht, glaubt Jelena Isinbajewa: „Dieses Gefühl von Berlin wird immer in meinem Kopf bleiben. Berlin erinnert mich immer daran: Wenn du da draußen auf der Anlage bist, musst du stets aufs Neue beweisen, wer du bist.“ Das hat sie in Zürich schon bei erster Gelegenheit eindrucksvoll getan. Sieht aus, als hätte da eine im Zeitraffer ihre Lektion gelernt.