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Leichtathletik Experiment gescheitert

21.06.2009 ·  Die Leichtathleten wollen sich mit Regeländerungen attraktiver machen für Fernsehen und Zuschauer. Der erste Testlauf ging daneben. Auch weil die Funktionäre einen Wettbewerb in der Leichtathletik-Diaspora wählten.

Von Claus Dieterle
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So ist das mit Veränderungen: Aller Anfang ist schwer, Widerstände sind garantiert. Dem Europäischen Leichtathletik-Verband (EAA) gebührt mit seinem neuen Produkt Mannschafts-Europameisterschaften samt seinem innovativen, wenn auch keineswegs revolutionären Regelwerk immerhin das Verdienst, ein offensichtliches Problem aktiv anzupacken: die Zukunftssicherung der Leichtathletik. Dass sich die olympische Kernsportart immer mehr an den Rand des sportlichen Spektrums bewegt, ist ja keine neue Erkenntnis. Man musste nur ins Stadion von Leiria schauen, um das Problem zu erkennen: Zu viele Sitze blieben leer.

Warum die Leichtathletik trotz prominenter Protagonisten nicht mehr die großen Stadien füllt und kaum noch Sendezeiten bekommt, es sei denn Usain Bolt läuft, darüber gibt es kontroverse Ansichten. Als gemeinsamer Nenner bleibt übrig, dass die große Vielfalt mit ihren vielen Disziplinen und ausufernden Zeitplänen nicht mehr den modernen Konsumgewohnheiten gerade des Fernsehpublikums entspricht. Knapp und kompakt, lautet die Formel, der auch die EAA folgt. Mehr Leichtathletik in weniger Zeit, ohne den Charakter zu verändern, heißt die Devise.

Feldversuch in der Leichtathletik-Provinz

Theorie und Praxis können bisweilen ganz schön auseinanderklaffen. Und so manch gutgemeintes Experiment wirkt beim Feldtest ziemlich ernüchternd. Ob es nun der Leichtathletik mehr Spannung verleiht, wenn drei Langstreckenläufer unterwegs ausscheiden müssen oder Stabhochspringer nach vier Fehlversuchen ihre Stäbe einpacken, darüber ließe sich vielleicht noch diskutieren. Zum Glück ist wenigstens die Idee, bei den Horizontalsprüngen und Würfen nur den letzten Versuch der besten vier zu werten, am Widerstand der Verbände gescheitert. Das hätte zu der absurden Situation geführt, dass ein Athlet im ersten Versuch theoretisch Weltrekord springt, und am Ende vielleicht doch nur Vierter wird. Das wäre wohl kaum vermittelbar gewesen.

Und wenn man sich schon mit Experimenten auf die große Bühne begibt, müssen wenigstens die Rahmenbedingungen stimmen. Man will doch Überzeugungsarbeit leisten. Wenn man sich moderner Technik bedient, muss sie im Ernstfall auch funktionieren, wenn man etwas Neues präsentiert, wäre womöglich ein leichtathletikaffines Land die bessere Wahl, zumal mit Kampfrichtern, die den Anspruch der Professionalität erfüllen. Was nützt ein strafferer Zeitplan mit Ausscheidungscharakter, wenn die Kampfrichter beispielsweise beim Dreisprung zwei Minuten brauchen, um die Grube mit südländischer Gelassenheit und preußischer Akribie wieder jungfräulich glatt zu streichen.

Warum verspielt man den Vorteil der Reduzierung von Versuchen, indem man jetzt zwölf statt bislang acht Mannschaften in der ersten Liga spielen lässt? Zumal es schon sportlich nicht zu begründen ist. Zu heterogen sind die Felder. Wer hat etwas von Duellen Weltklasse gegen Kreisklasse? Wenn, wie in Leiria, statt Klarheit und Begeisterung viel zu oft Verwirrung und Unsicherheit herrschen, wenn Athleten diskutieren und protestieren, wenn weder Publikum noch TV-Zuschauer mit dem neuen Format zurechtkommen, wenn TV-Kommentatoren verzweifeln, dann muss man das Experiment wohl als gescheitert erklären. Die Zukunft der Leichtathletik hat Leiria jedenfalls nicht gesehen.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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