17.08.2009 · Usain Bolt gibt Rätsel auf. Wie lässt sich sein Weltrekord schon wieder um über eine Zehntelsekunde verbessern? Eine Abkürzung gibt es schließlich nicht einmal für ihn. „Er ist, als wäre er für ein Computerspiel geschaffen worden“, sagt ein Konkurrent.
Von Michael Reinsch, BerlinBerlin bekam, was Usain Bolt Peking vorenthalten hatte. Im Endlauf der Olympischen Spiele vom vergangenen Jahr hatte Bolt zwanzig Meter vor dem Ziel praktisch aufgehört zu rennen, klopfte sich auf die Brust – und lief dennoch in 9,69 Sekunden Weltrekord im Sprint. Am Sonntagabend nun zog er im Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaft auf der blauen Bahn des Olympiastadions durch – und verbesserte seine Bestzeit auf unglaubliche 9,58 Sekunden. Zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis jemand kam und den (wegen Dopings annullierten) Weltrekord von 9,79 Sekunden, den Ben Johnson bei den Olympischen Spielen von Seoul 1988 aufstellte, um eine Zehntelsekunde verbesserte; es war Bolt. Gerade mal ein Jahr Zeit ließ er sich, um über ein weiteres Zehntel davon abzutragen. Das Publikum schrie vor Begeisterung, Hunderte von Schaulustigen drängten zu den Fernseh-Boxen, wo Bolt nach einer ausgiebigen Ehrenrunde Interviews gab.
Scheinbar mühelos flog der 1,93 Meter lange Jamaikaner in gelbem Trikot und grüner Hose zum Sieg. Schon nach der Hälfte des Rennens war er seinen Herausforderern enteilt. Als Bolt vor dem Ziel den Kopf wandte, um erst rechts zu schauen, ob die neben ihm gestarteten Tyson Gay und Asafa Powell mitgehalten hatten, und dann nach links, um zu sehen, was aus seinem Trainingspartner Daniel Bailey geworden war, der ihn im Halbfinale zu einem Fehlstart verleitet hatte, sah er – nichts. Dann schaute er auf die Uhr hinter dem Zielstrich, breitete seine Arme aus und segelte durch die Ostkurve des Olympiastadions von 1936. Dahinter erwartete er dann seinen Landsmann Asafa Powell zu einem ausgelassenen Tänzchen.
„Dies ist ein großer Moment in der Geschichte“, sagte Bolt
Der 22 Jahre alte Bolt ist der Sieger eines unglaublichen Rennens. Titelverteidiger Tyson Gay lief in 9,71 Sekunden amerikanischen Rekord – und spielte dennoch nie eine Rolle. Powell, der viermal den Weltrekord verbessert hat, gewann in 9,84 Sekunden die Bronzemedaille und war glücklich. Auch die Nummer vier und fünf, Bailey und Richard Thompson, die für die karibischen Staaten Barbados und Trinidad antreten, blieben beide in 9,93 Sekunden unter zehn Sekunden. Glatte 10,0 erreichten der von einer Doping-Sperre zurückgekehrte Brite Dwain Chambers und Marc Burns (Trinidad). Der Amerikaner Darvis Patton kam als Letzter noch auf 10,34 Sekunden.
„Dies ist ein großer Moment in der Geschichte“, sagte Bolt noch auf der Bahn. „Aber man weiß nie, was morgen ist.“ Nicht nur das phantastische Ergebnis, nicht nur der wunderbar warme Sommerabend von Berlin, nicht nur die Totenstille in dem steinernen Oval, die nach dem Startschuss in tosendes Geschrei umschlug, nicht nur die Begeisterung, für die die beiden deutschen Silbermedaillengewinnerinnen Nadine Kleinert und Jennifer Oeser gesorgt hatten, machten diesen Lauf magisch. Es ist vor allem die Unmöglichkeit, diese Leistung zu erklären.
In Bolts Heimat brach mit dem Startschuss ein Gewitter los
In Sherwood Content, dem kleinen Heimatort von Bolt im Hinterland von Jamaika, brach praktisch mit dem Schluss des Laufes, den die Nachbarn sich gemeinsam angeschaut hatten, ein Gewitter los, wie berichtet wird. Das kann doch kein Zufall sein, dass, kaum hatte Bolt sportlich zugeschlagen, ein Donnerschlag folgte – thunder bolt, so wird er der Athlet ja auch genannt.
„Es gibt keine Worte, ihn zu beschreiben“, stammelte der amerikanische Sprinter Patton. „Er ist, als wäre er für ein Computerspiel geschaffen worden. Er ist wie ein cheat code, so gut ist er.“ Patton lag nichts ferner, als mit dem Hinweis auf Zahlenkombinationen, mit denen Computerspieler schwere Aufgaben umgehen können, auf Betrügereien oder Doping anzuspielen. Auch er scheint fassungslos, da Bolt eine Abkürzung für die schnurgerade Sprintstrecke angeboren zu sein scheint.
Die wundersame Geschichte des Läufers Bolt ist nicht zu Ende
„Ich bin froh, dass Usain den Rekord aufgestellt hat. Ich habe immer gesagt, dass es menschlich möglich ist, unter 9,6 zu laufen“, widersprach der tapfere Gay allen Gedanken an göttliche Fügung oder teuflische Manipulation. „Schade nur, dass es mir nicht gelungen ist. Aber ich habe noch viel Sprit im Tank.“ Ob dieser allerdings reicht, seinen Titel auf der 200-Meter-Strecke zu verteidigen, mochte der Amerikaner nicht sagen. Ihn schmerzt eine Leistenverletzung. Auch Powell freute sich mit Bolt und versprach: „Ich werde fleißig trainieren, um eine 9,5 zu laufen.“
Die neue Dimension, in die er den Sprint getrieben hat, nahm Bolt sachlich. „Wir machen unseren Sport interessant“, sagte er grinsend. „Das zieht hoffentlich Sponsoren an, dann haben wir ein schöneres Leben.“ Sein Premierminister nahm es ähnlich. Noch am Sonntagabend rief Bruce Golding zu Fleiß und Arbeit auf. „Dies ist ein weiterer stolzer Moment für Jamaika, eine weitere Demonstration, dass wir in allem erfolgreich sein können, an das wir unser Herz hängen“, sagte er in Kingston, nachdem er Powell und Bolt auf der Laufbahn in Berlin angerufen hatte.
„Für den Weltrekord werden wir im nächsten Jahr trainieren“
„Usain Bolt ist ein Beispiel dafür, was wir mit Disziplin und harter Arbeit erreichen können.“ Lamine Diack, der Präsident des Welt-Leichtathletik-Verbandes, setzte sich zu Bolt, Gay und Powell in die Pressekonferenz und gab sich praktisch als erster Fan des Sprinters zu erkennen. „Ich bin froh, Teil dieser Szene, Teil der neuen Ära zu sein“, sagte der 76 Jahre alte Senegalese. „Ich habe mein ganzes Leben gelebt, um dies hier zu erleben.“
Die wundersame Geschichte des Läufers Bolt ist noch lange nicht zu Ende. In Berlin will er in dieser Woche auch über 200 Meter und mit der Staffel Weltmeister werden. Noch sei Bolt nicht ausgereift, wird sein Trainer Glen Mills nicht müde zu sagen. Er werde noch viel schneller werden. Da im nächsten Jahr keine große Meisterschaft bevorsteht – auf die Commonwealth-Spiele in Glasgow hat Bolt keine Lust –, werden er und Mills sich wohl an die Jagd nach dem Rekord machen. Die Verbesserung um ein weiteres Zehntel, sagen sie, sei drin. Er glaube, „eine 9,4“ rennen zu können, hat Bolt einmal gesagt. „Aber die Welt hört bei 9,4 auf.“ Bisher sei es nur ums Siegen gegangen, so Bolt in Berlin aufreizend. „Für den Weltrekord werden wir im nächsten Jahr trainieren.“
Gratulation Herr Reinsch - die Überschrift bringt das Thema auf den Punkt
Anton Seidel (ase)
- 17.08.2009, 19:10 Uhr
Ein CHEAT CODE ist definitiv kein TRICKSER-KODEX
Mathis Lohaus (m.lohaus)
- 17.08.2009, 19:22 Uhr
Kann man heutzutage noch einem Rekord trauen
Thomas Rühl (steuerthomas)
- 17.08.2009, 22:18 Uhr
Anmerkung zur Übersetzung...
Karl Drumdee (drumdee)
- 18.08.2009, 01:59 Uhr