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Usain Bolt Rockstar ohne Angst

08.08.2009 ·  Die Selbstinszenierung macht ihn so attraktiv. Doch dem Klischee vom schwarzen Sportler, der Not und Elend davonläuft, entspricht Usain Bolt nicht. Er war stets gut behütet. Glück und Bewegung waren für ihn immer eins.

Von Michael Reinsch
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Eine Idylle wie Sherwood Content muss Chuck Berry vor Augen gehabt haben, als er seinen berühmtesten Song schrieb: eine bescheidene Hütte in den grünen Wäldern des Hinterlandes, einen Jungen, der hier voller Ehrgeiz und Spaß an dem aufwächst, was er tut, und eine Mutter, die ihrem Sohn prophezeit, dass einst in der großen Stadt sein Name in leuchtenden Lettern die Leute von weit her anziehen wird. Der Johnny B. Goode von heute heißt Usain Bolt.

Er spielt allerdings nicht Gitarre, wie ihn Chuck Berry vor fünfzig und Peter Tosh vor zwanzig Jahren besangen. Er rennt so schnell wie niemand zuvor. Weil er bei den Olympischen Spielen von Peking drei Goldmedaillen gewann und dabei drei Weltrekorde aufstellte, ist die Sandstraße, die zu seinem Elternhäuschen führte, nun asphaltiert. Aus der roten Erde wächst eine Gartenmauer, hinter der sich das grün gestrichene Häuschen reckt. Gerade wird es um eine Veranda mit rosafarbenem Geländer und um einen weißen Anbau erweitert. Johnny B. Goode, das ist eine Metapher, zu der man tanzen kann. Hier, im Trelawny Parish von Jamaika, an einem Berg im Norden des unzugänglichen Cockpit Country, ist der Traum vom Aufstieg wahr geworden.

Bolt ist der Rockstar der Leichtathletik. Bei seinen Auftritten in Europa lässt der 22-jährige Jamaikaner Mädchen kreischen und erwachsene Männer schwärmen, so entspannt rennt er und so schnell. Als er die hundert Meter von Peking scheinbar mühelos in 9,69 Sekunden hinter sich gebracht hatte, beherrschte ein Schlagwort die Sportteile: „Lightning Bolt“, Blitz-Schlag. Nicht nur Johnny B. Goode ist ein Wortspiel, auch Bolt lädt dazu ein. Er tanzt vor seinen Läufen, und er tanzt danach. Er flirtet mit der Kamera. Bevor sich der 1,93 Meter lange Athlet in den Startblock kauert, nimmt er die Pose eines Blitzeschleuderers ein.

Glück und Bewegung waren für ihn immer eins

Die Selbstinszenierung macht ihn attraktiv für das Musik-Fernsehen und eine Vermarktung jenseits des Sports. Dem Klischee vom schwarzen Sportler, der Not und Elend davonläuft, entspricht der erste Johnny B. Goode dieses Jahrtausends allerdings nicht. Bolt hungerte nicht in seinem Elternhaus, und er wurde auch nicht gestählt durch das Recht des Stärkeren im Elendsquartier Trenchtown. Im Gegenteil: Glück und Bewegung waren für ihn immer eins.

Eigentlich wollte er Kricket spielen, den Lieblingssport seines Vaters Wellesley, den in Sherwood Content jeder als Gideon kennt. „Gideon, wie in der Bibel“, sagt er. In seinem dunklen Fisch- und Fleischladen, wenige Minuten entfernt von zu Hause, steht der 53-Jährige hinter dem hölzernen Tresen und verwaltet, was seine beiden Tiefkühltruhen und der Kühlschrank enthalten. Von Red Snapper bis Hühnerhals und Kuhfuß bietet er auf einem handgeschriebenen Plakat feil.

Usain Bolt wurde stets behütet

„Ich mache die Regeln hier“, sagt Gideon über seinen Umgang mit Usain. „Er hat die Regeln befolgt, weil er Angst vor dem Stock hatte.“ Usain ist mit seiner fünf Jahre älteren Schwester aufgewachsen. Seit er eine Wohnung in Kingston hat, lebt er mit seinem gleich alten Halbbruder Sadiki zusammen. „Nuh tek nuh chance“ steht nicht ohne Grund auf Plakaten, die auf Fensterläden und Türen von Gideons Laden vor Krankheiten warnen, „Geh kein Risiko ein!“ Viele jamaikanische Kinder wachsen ohne Vater auf.

Usain Bolt wurde stets behütet. „Jemand sagte: Da ist ein Junge, Miss Thorpe, den sollten wir holen“, erinnert sich die Sportlehrerin der William Knibb Memorial High School. Ein Grundschul-Team war zum Krickettraining gekommen. „Das war Usain. Das Nächste war, dass sein Trainer sagte: Kricket ist nicht dein Sport.“ Für den elfjährigen Jungen bedeutete dies die Rückkehr zu dem, was er schon immer getan hatte: Rennen. „Schade, dass der Arzt das nicht mehr erlebt“, sagt Gideon. „Als der Junge vier war, war es schwer mit ihm. Er konnte nicht still sitzen. Beim Essen haben wir ihn festgehalten. Er hat sich immer bewegen müssen. Ich dachte, irgendwas stimmt nicht.“ Der Arzt empfahl, das hyperaktive Kind laufen und toben zu lassen. „Wenn Usain mich auf dem Fahrrad kommen hörte, spurtete er den Berg hoch nach Hause“, erinnert sich der Vater. „Ich wusste, wenn ich vor ihm ankomme, stimmt irgendwas nicht.“

Ins Gras sind mit Teerfarbe acht Bahnen gezogen

Die Schule, an der Larna Thorpe bis heute unterrichtet, ist ein Betonkomplex, dessen Weitläufigkeit, blätternde weiße und blaue Farbe und üppig blühender Rhododendron die Tristesse überspielen. Das Gebäude umschließt eine alte Zuckerrohrmühle aus Feldstein. Die Geschichte der Menschen von Jamaika ist die von Verschleppung und Missbrauch, von Folter, Tod und Aufbegehren, von Verzweiflung und Hoffnung. „Der Erfolg jamaikanischer Athleten hat wohl etwas mit der Zeit der Sklaverei zu tun“, vermutet Usain Bolt, „damit, dass unsere Gene stärker und stärker wurden. Wir wollen einfach siegen. Und wir arbeiten hart, wenn wir etwas erreichen wollen.“ Hinter dem Gebäude liegt eine große Wiese. Ins Gras sind mit Teerfarbe acht Bahnen gezogen. Man mag es nicht glauben: Auf solchen Anlagen basiert der Erfolg der jamaikanischen Leichtathletik. Zwar gibt es keine Feuerlöscher in der Schule, doch sie beschäftigt zwei hauptberufliche Leichtathletiktrainer.

Als Arthur Wint and Herbert McKenley bei den Olympischen Spielen 1948 in London Gold und Silber im 400-Meter-Lauf gewannen, war dieser Triumph in der Hauptstadt der Kolonialmacht so etwas wie die Unabhängigkeitserklärung des jamaikanischen Volkes, vierzehn Jahre bevor sie politisch vollzogen wurde. Auf dreizehn Olympiasiege in der Leichtathletik kommt die Insel mit 2,8 Millionen Einwohnern und enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen inzwischen. Nicht mitgezählt sind die Goldmedaillen der auf Jamaika geborenen Briten Linford Christie (Sprint) und Tessa Sanderson (Speer) und der Kanadier Donovan Bailey (Sprint) und Ben Johnson (Sprint, wegen Dopings disqualifiziert). Allein sechs Goldmedaillen holte das jamaikanische Team in Peking. Drei gehen auf das Konto von Bolt.

„Mit elf hat er angefangen zu laufen“

Das Jahrhunderttalent Bolt traf die Welt der Leichtathletik nicht aus heiterem Himmel. Der Beweis hängt in dem kleinen Haus in Sherwood Content. Wer es betritt, steht unvermittelt in einem Wohnzimmer, das von einem Fernsehgerät und einem Sofa beherrscht wird. Über einem Schrein mit Globus und Trophäen auf Häkeldeckchen hängt eine sechs Jahre alte Doppelseite des „Jamaica Gleaner“. Das Zeitungsfoto zeigt den sechzehn Jahre alten Usain - damals schon ein Riese -, wie er einen 200-Meter-Lauf in 20,25 Sekunden gewinnt. „Thunder Bolt“ steht darüber, Donnerschlag.

„Mit elf hat er angefangen zu laufen“, sagt Mama Jennifer Bolt, ein Fotoalbum auf den Knien. „Mit fünfzehn ist der den anderen davongerannt.“ Mit sechzehn unterschrieb er seinen ersten Vertrag mit Puma. „Ich war wirklich schlecht in der Schule“, räumt der Läufer ein. „Weil ich so viel trainierte.“ Um seine schulischen Leistungen zu verbessern, rief der Rektor der Highschool einen ehemaligen Schüler, den Steuerrevisor Norman Peart, zu Hilfe. Auch er realisierte schnell das Potential des Jungen. „Als er 2002 mit fünfzehn bei der Junioren-Weltmeisterschaft 200 Meter in 20,61 Sekunden lief, wusste ich, wohin das führen würde“, erinnert sich Peart. „Aber das war noch keine Zeit, die man vermarkten konnte. Bei den Schulmeisterschaften 2003 ist er 20,25 gelaufen. Und 10,11 über hundert Meter. Mit sechzehn! Er war einfach heiß.“ 2004 unterbot Bolt bei den Carifta Games in 19,93 erstmals zwanzig Sekunden.

„Er war fünfzehn und ein Muttersöhnchen“

Im Jahr zuvor hatte er die William Knibb High verlassen und war mit Peart nach Kingston gezogen. Peart nahm den erfahrenen Manager Ricky Simms aus London mit ins Boot. Simms ist sicher, ihn in die Dimension von David Beckham und Tiger Woods und zu einem zweistelligen Jahreseinkommen bringen zu können.

Nach drei Jahren Wohngemeinschaft machte Bolt einen externen High-School-Abschluss. Peart hatte dafür Privatlehrer beschäftigt. „Ich wollte nicht, dass Usain zurückgeht in das jamaikanische Schulsystem und alle Rennen und alle Staffeln läuft. Er wäre verbrannt gewesen“, sagt er. „Und wir wussten, dass er nicht bereit war für ein Stipendium in den Vereinigten Staaten; er hätte es nicht überlebt. Er war fünfzehn und ein Muttersöhnchen.“ Die Junioren-Weltmeisterschaft 2002 in Kingston dienten ihm als Warnung. Fast wäre Bolt damals zerbrochen. „Er hatte solche Angst“, erinnert sich seine Mutter und klopft mit der Hand auf ihr Sofa. „Er saß hier und wollte nicht raus. Alle erwarteten von ihm die erste Goldmedaille für Jamaika. Er hat geweint.“ Vor Millionen Fremden zu laufen sei egal, sagt der Athlet. „Aber in Kingston kennt mich jeder. Damals war ich das erste Mal in meinem Leben aufgeregt. Es war Nerven zerreißend.“ Nach seinem Sieg startete er auch in den Staffeln über 4×100 und 4×400 Meter. In beiden Teams gewann er Silber. „Seitdem hatte er nie wieder Angst“, sagt der Vater.

„Wir glauben an harte Arbeit und ernsten Wettbewerb“

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF half mit der Gründung eines karibischen Leistungszentrums in Kingston beim Start von Bolts Profikarriere. Dort wurde Bolts Trainer Fitz Coleman beschäftigt. Bei den Olympischen Spielen 2004 schied der Junge mit 21,05 Sekunden im Vorlauf aus. Noch in Athen bat er Glen Mills, ihn zu trainieren.

Reicht solch ein Nachweis von Kontinuität, um Bolt vom Verdacht der Manipulation auszunehmen in einer Disziplin, die geprägt ist von Dopern? „Wir können niemanden daran hindern, zu denken, was er will“, erwidert Mills auf der abgewetzten Bahn hinter dem Nationalstadion. „Wir glauben an harte Arbeit und ernsten Wettbewerb. Und zugleich wollen wir unseren Spaß haben, trommeln und singen. Wir wollen siegen und wissen, dass dies ehrlich geschieht. Es ist eine Kultur von klein auf. Manchmal, wenn jemand weggeht, gerät er unter schlechten Einfluss und wird korrupt. Aber hier? Wir tolerieren das nicht.“

„Go, Johnny, go!“, sang Chuck Berry. Das ist die Devise von Bolt. Er rennt immer schneller. Den Leistungshöhepunkt von Bolt, sagt Mills, erwarte er erst in zwei, drei Jahren. „Er kann jetzt schon 9,54 Sekunden laufen und auf 200 Meter die 19-Sekunden-Barriere brechen“, behauptet Patrick Dawson aus Mills' Trainerstab. „In Peking hatte er doch keine Konkurrenz.“

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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