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Sanya Richards Plan B gegen die Panik

13.07.2009 ·  Die Amerikanerin Sanya Richards will nichts so sehr wie den WM-Titel über die 400 Meter. Doch das bedeutet, dass die ihre Nerven in den Griff bekommen muss.

Von Claus Dieterle, Rom
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Sanya Richards ist die Freundlichkeit in Person. Nicht jeder Athlet bleibt in der Mixed Zone stehen, wenn er nach dem Rennen verschwitzt und vielleicht nicht ganz mit sich zufrieden auch noch Fragen beantworten soll. Asafa Powell zum Beispiel zieht sich in aller Ruhe um, gewinnt dann plötzlich an Speed und verschwindet kommentarlos in einem der Gänge des Olympiastadions.

Gut, der zweitschnellste Mann aus Jamaika hat beim Golden Meeting in Rom gerade das Sprintduell gegen Tyson Gay verloren, aber 9,88 Sekunden wären doch gewiss ein paar Anmerkungen wert gewesen. Gay hat es zwar auch eilig, aber ein paar Sätze hat der Texaner dann doch übrig. „Ja, das war genau das, was ich mir vorgestellt habe“, sagt er zu jenen 9,77 Sekunden, mit denen er sich zum Herausforderer Nummer eins von Olympiasieger und Weltrekordhalter Usain Bolt (9,69) befördert hat. Dann siegt der Sprinter ihn ihm – und weg ist er.

Ein besonderes Stehvermögen

Sanya Richards hat da bedeutend mehr Stehvermögen, das muss sie ja auch als 400-Meter-Läuferin. Sie bleibt bei jedem stehen, der etwas wissen will, grüßt mit einem freundlichen „Hi“ und lässt keinen ohne ein „Thank you“ zurück. Dabei könnte auch sie ein Haar in der Suppe finden, wenn sie danach suchen würde. „Eigentlich wollte ich hier 49,2 Sekunden laufen“, sagt die schnellste Viertelmeilerin der Welt, „aber ich nehme auch die 49,46.“

Dass sie damit gewinnen konnte, fast mit Sekundenabstand vor Shericka Williams (50,31) aus Jamaika, versteht sich derzeit fast von selbst. Es ist ihr dritter Sieg im dritten Golden-League-Auftritt. Sie gehört neben Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa (4,85 Meter), Sprinterin Kerron Stewart (10,75 Sekunden) und 5000-Meter-Läufer Kenenisa Bekele (12:56,23 Minuten) zu dem auf vier Kandidaten geschrumpften Kreis der Jackpot-Anwärter auf die letzte Million Dollar, bevor es von 2010 an Diamanten als Lohn gibt.

Leichtathleten - stets auf sich selbst fixiert

Es ist nicht so, dass sich die 24 Jahre alte gebürtige Jamaikanerin, die seit 2002 einen amerikanischen Pass besitzt, nichts aus Geld machen würde. Sie hat sich den Pott sowohl 2006 als auch 2007 mit Jelena Isinbajewa geteilt, aber sie schaut zur Stabhochsprung-Queen aus Russland auf, weil die etwas besitzt, was sich Sanya Richards sehnlichst wünscht: Olympia-Gold und WM-Titel.

Sicher, sie ist Staffel-Olympiasiegerin, aber Leichtathleten sind nun mal auf sich selbst fixiert. Es klingt wie ein schlechter Witz, dass die Frau, die seit September 2004 kein einziges Golden-League-Rennen verloren hat, ohne großen Titel dasteht. Dabei hat sie im Olympiastadion sogar mit einer ehemaligen Kollegin gleichgezogen, von der sie stets mit Respekt spricht. Rom war der 36. 400-Meter-Lauf ihrer Karriere unter 50 Sekunden. „Ja“, sagt sie, „und ich habe damit Marita Koch eingeholt. Das ist ein riesiges Kompliment für mich, denn Marita war lange Zeit die größte Viertelmeilerin.“

Weltrekord aus einer „anderen Ära“

Sanya Richards ist nicht naiv. Sie weiß genau, dass der Weltrekord der DDR-Lauf-Ikone (47,60 Sekunden im Jahr 1985) aus einer „anderen Ära“ stammt. Eine, in der in Deutschland-Ost nach Staatsplanthema 14.25 vorgegangen wurde. Und dieser Rekord – ihr eigener steht bei 48,70 – sei für sie „im Moment unerreichbar“.

„Ich muss erst mal kontinuierlich Zeiten unter 49 Sekunden laufen, ehe ich an eine 47 vor dem Komma überhaupt denken kann. Vielleicht irgendwann in der Zukunft.“ Immerhin ist schon jetzt klar, dass sie Marita Koch als „Sub-Fünfzigerin“ entthronen wird. Aber das sind Nebenschauplätze. In dieser Saison würde es ihr reichen, ein einziges Rennen zu gewinnen: das 400-Meter-Finale am 18. August in Berlin. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher als diesen WM-Titel. Der hat für mich absolute Priorität.“

Am Ende reichte die Kraft nicht

Was vor allem bedeutet, dass sie ihre Nerven in den Griff bekommen muss, ihre fast panische Angst zu verlieren. Dass sie 2007 wegen Krankheit die WM-Qualifikation über ihre Spezialstrecke verpasste, war Pech. Aber die Niederlagen bei der WM 2005, als Tonique Williams-Darling von den Bahamas gewann, und bei Olympia 2008, als die Britin Christine Ohuruogu und Shericka Williams noch vorbeizogen, folgtem dem gleichen Muster. Sie hat sich verleiten lassen, schon früh zu attackieren, am Ende reichte die Kraft nicht.

Von Christine Ohuruogu scheint ihr derzeit keine Gefahr zu drohen. Die lief am Samstag bei den britischen Meisterschaften 51,26 Sekunden. Doch Sanya Richards traut dem Frieden nicht. „Auf sie habe ich immer ein Auge. In Berlin wird sie bereit sein“, sagt die Amerikanerin. Sie aber auch. An der Renneinteilung hat sie mit ihrem Coach Clyde Hart, der auch dem 400-Meter-Kollegen Jeremy Wariner wieder zu jener verblüffenden, beinahe ermüdungsfreien Leichtigkeit verhelfen soll, verstärkt gearbeitet. „Er hat einen guten Job gemacht.“

Gänsehaut-Feeling in Berlin?

Und was die Psyche angeht: In Berlin wird sie sich vom großen Team abschotten und nach dem Motto vorgehen: Große Meisterschaften sind auch nichts anderes als ganz normale Meetings. Dabei ist Berlin schon aus einem anderen Grund etwas ganz Besonders. Sanya Richards ist Jesse-Owens-Fan und verehrt jenen Mann, der 1936 Hitlerdeutschland mit vier Goldmedaillen trotzte. Dort zu stehen, wo er einst stand, wäre ein unvergessliches Erlebnis. Sie kann die Gänsehaut schon spüren.

Sie laufen, werfen, gehen, springen und haben dabei nur ein Ziel: Die Leichtathletik-WM vom 15. bis 23. August in Berlin. FAZ.NET begleitet die Topathleten auf ihrem Weg zu dem Sportereignis des Jahres: „Berlin, Berlin“ - Der Countdown zur Leichtathletik-WM 2009. Noch fünf Wochen (siehe: FAZ.NET-Sonderseite zur Leichtathletik-WM).

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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