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Leichtathletik Wo liegen die Grenzen?

23.08.2009 ·  Am Sprintwunder Usain Bolt scheiden sich die Geister. Die einen loben seine perfekten biomechanischen Voraussetzungen, die anderen sprechen ihm menschenmögliche Leistungen schlicht ab. Wissenschaftler versuchen, sein Geheimnis zu ergründen.

Von Claus Dieterle, Berlin
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Er hat ein Faible für Fastfood, er denkt nicht daran, sich aufzuwärmen, er macht lieber Faxen vor dem Start, er treibt kleine Spielchen mit seinem Trainingskollegen im WM-Halbfinale und nimmt dafür schon mal einen Fehlstart in Kauf. Und dann rennt er die Konkurrenz in Grund und Boden und sämtliche Prognosen über den Haufen, obwohl die blaue Berliner Bahn als weich und damit eher langsam gilt. An Usain Bolt, dem Sprintwunder aus Jamaika, scheiden sich die Geister. Auch die aus der Wissenschaft. 9,58 und 19,19 Sekunden, das sind die neuen Marken, die der 23 Jahre alte „Marsianer“ den staunenden Erdenbürgern im Vorbeirauschen vorgesetzt hat. Und nicht jeder glaubt, dass man - fast schneller als die Polizei erlaubt - mit Tempo 44,72 über die Bahn flitzen kann. Jedenfalls nicht allein mit körpereigenem Antrieb.

Fritz Sörgel, der Nürnberger Pharmakologe und Anti-DopingKämpfer, hat das so ausgedrückt: „Diese Leistung spricht gegen alle wissenschaftlichen Lehren über die menschliche Leistungsfähigkeit. So etwas ist ohne Doping nur schwer vorzustellen.“ Dass die Testkultur auf der Insel noch im Anfangsstadium ist, ist bekannt. Aber Bolt ist bislang unbescholten und offenbar doch mehr als nur ein laufender Doping-Verdacht.

Hans Holdhaus, Leistungsdiagnostiker und Anti-Doping-Experte aus Österreich, hat schon vor einem Jahr auf die Proportionen des 1,93 Meter großen und 88 Kilogramm schweren Jamaikaners hingewiesen. „Wenn man sich die Beinlänge und die Proportionen der Unter- und Oberschenkel anschaut - aus biomechanischer Sicht ist das perfekt. Er gewinnt bei jedem Schritt zehn Zentimeter, die Hebelverhältnisse sind so günstig, er braucht nicht mehr die Kraft, die andere brauchen.“ Und er schwärmt von Bolts Leichtfüßigkeit und kommt zu dem Fazit: „Das ist ein komplett neuer Typ Sprinter.“

Im Vergleich zu den rasenden Bodybuildern Ben Johnson oder Linford Christie ein geradezu „schmächtiger Athlet“. Auch der amerikanische Physiologe Peter Weyand, der sich an der Southern Methodist University in Dallas mit der Biomechanik des Sprints befasst und in den letzten 15 Jahren die Körperstatur von 45 olympischen Sprintern untersucht hat, hält Bolt für eine Ausnahmeerscheinung. „Wenn jemand so groß ist, kann er normalerweise nicht starten.“ Bolt kann es inzwischen, wie man weiß. „Er vereint die mechanischen Vorteile größerer Menschen mit den schnell zuckenden Muskelfasern kleiner Menschen“, sagt Weyand. Will heißen: Bolt ist quasi ein 400-Meter-Läufer mit Sprintmotor. Mit seiner Schrittlänge ist er klar im Vorteil gegenüber den anderen Läufern, denn die Formel lautet: Sprintgeschwindigkeit ist das Produkt aus Schrittlänge und Schrittfrequenz. Wenn bei Bolt die Frequenz stimmt, ist er einfach schneller.

„Bolt läuft extrem effizient“

Auch Gert-Peter Brüggemann, Leiter des Instituts für Biomechanik an der Sporthochschule Köln, hat bei dem Versuch, dem Phänomen Bolt auf die Spur zu kommen, festgestellt: „Es könnte sein, dass er im Knie und Sprunggelenk weniger Energie verliert als andere Sprinter. Er hält beide Gelenke ziemlich steif, beugt das Knie weniger.“ Deswegen verliert Bolt auch im Gegensatz zur Konkurrenz, die nach 60 bis 70 Metern abbaut, kaum Geschwindigkeit im Finale: „Bolt läuft extrem effizient.“

Wo aber liegen seine Grenzen? Vom idealen Sprinteralter ist er mit 23 noch ein paar Jahre entfernt, den optimalen Rückenwind (2,0 Meter pro Sekunde) hat er in Verbindung mit dem idealen Untergrund auch nicht gehabt, in der Ernährung gibt es Spielraum nach oben.

Joachim Mester vom Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Sporthochschule Köln hält inzwischen eine Zeit „um die 9,50 für realistisch“. Dass ein Sprinter in den nächsten zwanzig Jahren die 100-Meter-Distanz unter neun Sekunden läuft, kann er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Bolt selbst hat die Frage nach dem Limit so beantwortet: „9,4. Ich glaube, die Weltrekorde sind bei 9,4 zu Ende.“ Wann und wo der laufende Mensch an seine Grenzen stößt, darüber gibt es zwar einige wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Modelle, aber die haben alle ihre Schwächen. Und manche hat längst die Realität überholt. Über die 10,1 Sekunden, die der kalifornische Dozent Brutus Hamilton 1931 als Schallgrenze vorhergesagt hatte, lächelt man heute nicht einmal mehr. Auch die 9,67 Sekunden, die der Freiburger Sportmediziner Hans-Hermann Dickhuth 2005 „in den nächsten 20 Jahren für möglich“ hielt, sind Geschichte. Genauso wie der Wert (9,726 Sekunden), den die Forscher des Biomedizinischen und Epidemiologischen Instituts für Sport in Paris im vergangenen Jahr errechnet hatten. Dann kam Bolt.

Niemand kann mit Gewissheit sagen, wo der Weg noch hinführt

John Einmahl, Mathematik-Professor der Universität Tilburg in den Niederlanden, ist in seinen Prognosen kühn: Nach seiner Extremwertstudie könnte ein Mensch die 100 Meter in 9,29 Sekunden laufen - rein theoretisch. Er hat sich zwar später auf 9,51 Sekunden korrigiert, nachdem er die Hochdoper-Phase in den achtziger Jahren ausgeklammert hatte. Aber es bleibt ein mathematisch-empirisches Modell, in dem Parameter wie Größe, Gewicht, Alter oder Muskelmasse keine Rolle spielen. Eine Projektion der Vergangenheit in die Zukunft. Also mehr ein Zahlenspiel. Um das Bild abzurunden: Marc Denny, Biomechaniker an der Stanford University, kam in seinem Artikel „Grenzen der Laufgeschwindigkeit bei Hunden, Pferden und Menschen“ auf eine maximale 100-Meter-Zeit von 9,48 Sekunden.

Aber niemand kann mit Gewissheit sagen, wo der Weg noch hinführt. Es gibt nicht einmal einen Bauplan für den idealen Sprinter. Und wenn es ihn gäbe, müsste er wegen Bolt umgeschrieben werden. Der Biomechaniker John Hutchinson von der University of London glaubt allerdings - im Angesicht von Biotechnologie und Gentherapie - an einen anderen leistungslimitierenden Faktor bei der Frage, wie schnell Menschen laufen können. „Die Grenzen werden im Wesentlichen von den Regeln des Internationalen Olympischen Komitees bestimmt.“ Womit wir wieder beim Thema Doping wären.

Übrigens ist Usain Bolt möglicherweise schon in Berlin seinem potentiellen Nachfolger in den Weltrekordlisten begegnet. Alonso Edward, der 19 Jahre alte Mann aus Panama, ist hinter dem Jamaikaner in 19,81 Sekunden Zweiter über 200 Meter geworden. In dem Alter ist Bolt „nur“ 19,88 gerannt. Das wäre zumindest ein schöner Ansatz für ein neues Rechenmodell.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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