02.08.2009 · Fast alle deutschen Leichtathleten präsentieren sich in Wattenscheid gut vorbereitet für die WM in Berlin. Gewinnerin des Tages ist Verena Sailer. Sie hat sich auf den letzten Drücker fürs 100-Meter-Einzelrennen empfohlen.
Von Claus Dieterle, WattenscheidAuf den ersten Blick hätte Verena Sailer fast der Schlag getroffen: 11,11 Sekunden über 100 Meter, so schnell wie nie: „Damit bin ich in Berlin“, schoss es der Sprinterin aus Fürth durch den Kopf. Der zweite Blick war dann schon wieder ein herber Dämpfer. 2,6 Meter pro Sekunde Rückenwind zeigte der Windmesser an, 0,6 Meter zu viel. „Das ist so schade.“ Es wäre ihr zweiter Sprint unter der WM-Norm für Berlin gewesen, nach jenen 11,18 Sekunden bei den deutschen Meisterschaften. „Jetzt kann ich nur noch hoffen.“ So wie es aussieht, werden die Hoffnungen von Verena Sailer auf das Last-Minute-Ticket nach Berlin nicht enttäuscht werden. „Sie wäre auch mit 1,9 Metern Rückenwind richtig schnell gewesen“, sagte Jürgen Mallow, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik -Verbandes (DLV) am Sonntag nach der Gala des Verbandes in Wattenscheid, der letzten Gelegenheit, sich noch als Berlin-würdig zu erweisen.
Die endgültige Nominierung wird zwar erst an diesem Montag verkündet, aber Mallow lässt schon mal durchblicken, dass sich zu den 73 bereits im ersten Anlauf nominierten deutschen Athleten noch 13 weitere auf das Großereignis in der Heimat einstellen dürfen. Und er sagt auch: „Wir freuen uns auf Berlin, denn unsere Athleten sind gut vorbereitet.“ Trotz einiger kleiner Fragezeichen.
Bayer nur Zuschauer
Dreizehn Tage sind es noch, und da steigt die Fieberkurve, und in den meisten Fällen auch die Formkurve. Wenngleich nicht jedem die DLV-Gala Sonntag im Wattenscheider Lohrheidestadion in den Berlin-Fahrplan passt. Das gilt im besonderen für die festen Größen im Team. Und wirklich neue Erkenntnisse hat das deutsche Sportfest mit internationalen Gästen ja auch nicht gebracht. Die üblichen Verdächtigen haben vor den 10.000 Zuschauern fast allesamt ihre WM-Reife nachgewiesen, sofern sie nicht, wie Weitsprung-Halleneuropameister Sebastian Bayer, wegen einer Kapselverletzung aus Vorsicht verzichtet haben.
Dafür erlebte er vor Ort mit, wie seine andere Hälfte, die Hürdensprinterin Carolin Nytra, in 12,88 Sekunden der Nominierung für Berlin entgegen rannte. Reine Formsache. Speerwerferin Steffi Nerius war nach ihrem Coup vom Freitagabend in Leverkusen (siehe Bericht auf dieser Seite) nur als Zuschauerin im Lohrheidestadion. Entschuldigt, sozusagen.
Ariane Friedrich über 1,99 Meter
Ariane Friedrich, eine der Medaillenkandidatinnen des DLV für die WM, hätte sich den Abstecher nach Wattenscheid gerne erspart, aber sie entledigte sich der Pflichtaufgabe souverän, wenn auch nicht mit letztem Einsatz. 1,99 Meter, das reichte für den Sieg, aber mehr war auch nicht geplant. „Ich hätte nach dem Meeting am Dienstag eigentlich eine Woche zur mentalen Regeneration gebraucht. Der wirkliche Test für mich war Monaco.“ Dort war Ariane Friedrich im Duell mit der kroatischen Weltmeisterin Blanka Vlasic 2,03 Meter gesprungen und hatte nur aufgrund der Fehlversuchsregel verloren. Die erste Niederlage der Saison, aber auf einem Niveau, das alle Wünsche für Berlin offen lässt. „Bei mir ist alles im Lot“, sagte die Frankfurterin.
Auch Robert Harting kann das getrost von sich behaupten. Der WM-Zweite von 2007 lieferte im zunehmend schlüpfriger werdenden Diskusring einen seiner besten Wettkämpfe des Jahres ab. Nicht, nur weil er seine Saisonbestleistung um einen Zentimeter auf 68,10 Meter verbesserte. Keine seiner Scheiben landete vor der 65-Meter-Marke. Der Mann ist in Form, aber dennoch unzufrieden: Zu viele Unterbrechungen wegen der Läufer, dann kam der Regen: „Ich hätte gerne noch eine bessere Nachricht in die Welt geschickt.“ Das ging an die Adresse des Esten Gerd Kanter. Der Spitzenreiter der Jahresweltbestenliste hatte Harting bei seinem WM-Tipp nur auf Rang vier gesetzt: „Das wird ihm noch leid tun“, sagte der Berliner mit funkelnden Augen.
Startet Dietzsch wirklich in Berlin?
Von Kampfeslust ist seine viel erfahrenere Disziplinkollegin Franka Dietzsch derzeit weit entfernt. 58,73 Meter mit dem Diskus sind für eine, die schon gut zehn Meter weiter geworfen hat, keine Empfehlung. Aber die Neubrandenburgerin ist immer noch Weltmeisterin und als solche mit einer Wildcard für Berlin ausgestattet. Ob sie sich mit einem Start einen Gefallen tut? Nach ihren gesundheitlichen Problemen ist die 41 Jahre alte Diskus-Veteranin jedenfalls nie in Form gekommen.
Das ist der große Unterschied zu Christina Obergföll. Die einzige deutsche Leichtathletin, die in Peking mit Bronze eine Medaille gewonnen hatte, steht seit ein paar Wochen zwar neben sich, aber bei ihr war schon alles da. Deswegen führt sie mit 68,59 Metern immer noch die Weltjahresbestenliste an. Aber seit den deutschen Meisterschaften Anfang Juli „treffe ich keinen Speer mehr.“ Auch am Sonntag krebste sie bei 60,33 Meter rum. „Die Form ist da, aber ich habe technische Probleme.“ Jetzt wartet sie im Training auf „ein Aha-Erlebnis.“ Trainer Werner Daniels glaubt fest, dass „sie wieder dahin kommt, wo sie schon war.“ Und zwar rechtzeitig. So etwas nennt man Optimismus.