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Jamaikas Sprinter Widerstand und Gehorsam

18.08.2009 ·  Jamaika - Vereinigte Staaten 2:0. Die jamaikanischen Sprinter hatten nur eine Chance, der Not zu entfliehen: durch Bescheidenheit und Hingabe im Verhältnis zum Trainer - und Aufmüpfigkeit auf der Laufbahn.

Von Michael Reinsch
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Könnten es die Gene sein? Stephen Francis, Trainer einer Handvoll jamaikanischer Olympiasieger, widerspricht mit Vergnügen. „Menschen von der Westküste Afrikas wurden auf die ganze Welt verschleppt“, sagt er. „Aber nur bei Jamaikanern finden Sie diesen Grad von Widerstand und Aufmüpfigkeit. Das hilft im Leistungssport.“ Widerstand und Aufmüpfigkeit prägen die Geschichte des 45 Jahre alten Stephen Francis und seiner Trainingsgruppe MVP, Maximizing Velocity and Power.

Gerade musste der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF), Lamine Diack, intervenieren, damit der jamaikanische Verband nicht drei Olympiasieger von der Weltmeisterschaft in Berlin ausschließt, nur weil sie, statt ins Vorbereitungs-Camp der Nationalmannschaft, mit Francis nach Italien geflogen waren. Allein, indem Shelly-Ann Fraser, die Goldmedaillengewinnerin und nun auch Weltmeisterin über 100 Meter, Melanie Walker, die Olympiasiegerin über 400 Meter Hürden, und vor allem Asafa Powell, der in Berlin hinter Usain Bolt und Tyson Gay Dritter über 100 Meter wurde, hat sich Schwergewicht Francis wieder einmal gegen die Verbandsfunktionäre durchgesetzt. Noch vor vier Jahren hatten diese von Powell verlangt, Francis zu verlassen, wenn er nicht seine Förderung verlieren wolle.

Bei den Olympischen Spielen triumphierte der Schwergewichtstrainer Francis, der seinen eigenen massigen Körper nur mühsam bewegt. Dreizehn seiner Athleten hatten sich für das jamaikanische Team qualifiziert, das elf Medaillen gewann, sechs davon golden. Die drei Sprinter, die mit Usain Bolt die Sprintstaffel in Weltrekordzeit gewannen - Michael Frater, Nesta Carter und Powell -, trainieren alle bei Francis, ebenso wie die 400-Meter-Läuferin Shericka Williams, Sprinterin Sherone Simpson und der britische Hochspringer Germaine Mason, die Silbermedaillen gewannen. Den Krach, der nun in Berlin ausgebrochen ist, prognostizierte Francis schon Anfang des Jahres.

Es sei ein Fehler gewesen, Powell im jamaikanischen Mannschaftsquartier wohnen zu lassen, sagte er. Der fünfte Platz im Endlauf von Peking habe nicht dessen Möglichkeiten entsprochen. In welch unglaublicher körperlicher Verfassung Powell war, als Bolt die Bühne der Leichtathletik zu seiner machte, zeigte Powell als Schlussläufer der Staffel. In 8,68 Sekunden, mit fliegendem Start, sei er die letzten hundert Meter gelaufen - schneller als je ein Mensch. Während die Verbandsfunktionäre weiter Sanktionen wegen Aufmüpfigkeit androhen, wirft Francis ihnen Sabotage vor.

„Asafa kam aus dem nichts“

Der Mann verfolgt seine Ziele konsequent. Zehn Jahre ist es her, dass der ausgebildete Buchhalter und Highschool-Trainer Francis seine Stelle aufgab. „Ich wollte beweisen, dass karibische Trainer nicht unweigerlich ihre Athleten nach Amerika schicken müssen, weil dort die richtigen Trainer arbeiten“, sagt er. Er verkaufte sein Auto, und weil er kein Einkommen hatte, wurden ihm nach und nach Kreditkarte, Strom und Wasser gesperrt. Die Hürdensprinterin Brigitte Foster-Hylton kehrte aus den Vereinigten Staaten zurück, um bei ihm zu trainieren - und wurde Zweite der Zentralamerika-Spiele. Als sie sich 2001 verletzte, drohte das Unternehmen MVP zu scheitern. Da stellte die Technische Universität Francis als Trainer an - und Francis entdeckte Powell.

Der Pastorensohn aus Spanish Town steht für das Prinzip MVP. Francis holt nicht Sieger und Stars, sondern die aus der zweiten Reihe. „Für Asafa war es leicht, sich anzupassen, er kam aus dem Nichts. Bei den jamaikanischen Schulmeisterschaften hatte er ein einziges Mal das Finale erreicht“, sagt Francis. „Das ist anders als bei Bolt, der, seit er 15 war, aufwächst in dem Gefühl der Unvermeidlichkeit, der Größte der Welt zu werden.“ So kann der Trainer Dankbarkeit und Gehorsam erwarten statt Widerstand und Aufmüpfigkeit. Wer zu ihm kommt, hat keine andere Möglichkeit, der Armut Jamaikas zu entfliehen. Denn die erste Option, dafür plädiert er leidenschaftlich, ist nicht Profisport, sondern Bildung. „Ich würde mich schuldig fühlen“, sagt er, „wenn ich jemandem ausreden würde, ein Stipendium in den USA anzunehmen.“

Das nationalistische Gedröhne ist Francis zuwider

Francis verhehlt nicht, dass ihm das nationalistische Gedröhne zuwider ist, zu dem der Erfolg des jamaikanischen Eigengewächses Usain Bolt - auch er entschied sich gegen den Schritt nach Amerika - und seiner Trainingsgruppe die Funktionäre des jamaikanischen Verbandes veranlasst. Gewiss, auch er ist davon überzeugt, dass im Schulsportsystem Jamaikas kein Talent unentdeckt bleibe. Doch als Beispiel für die ganze Welt, wie es jamaikanische Funktionäre beschreiben, tauge es dann doch nicht. „Deutsche Athleten“, sagt er amüsiert, „würden es bei uns nicht lange aushalten.“

„Armut ist ein großer Vorteil im Leistungssport“, sagt Francis. Seine Athleten, auch die Weltmeister und Olympiasieger, trainieren auf einer abschüssigen Wiese am Rand des UTech-Geländes in Kingston. Mit schwarzer Farbe sind Bahnen ins Gras gezogen. Wenn Francis mit seiner dröhnenden Stimme Lektion hält, etwa darüber, negative Gedanken von der einen in die andere Gehirnhälfte zu schieben, umringen ihn zwei, drei Dutzend Sportler. Sie sitzen auf wackeligen Stühlen, hocken auf der Erde, und nicht wenige schreiben die markigen Sprüche von Francis in Schulhefte. Nachwuchsathleten wohnen auf dem Gelände. Sie suchen am Fuß der Blue Mountains, deren Ausläufer hinter dem defekten Zaun beginnen, nach Früchten und Gemüse für ihre Küche. „Auch schlecht ernährte Menschen können sich athletisch entwickeln“, sagt Francis. „Die Leichtathletik toleriert keine Fehler. Deshalb müssen die Leute hoch motiviert sein. Bei den Guten hängt ihr Überleben davon ab.“

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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