02.03.2009 · Sie läuft 200 Kilometer pro Woche, ihre Familie ist ihre Kraftquelle: Irina Mikitenkos langer Weg nach Berlin führte am Wochenende über Rom. „Berlin, Berlin“ - Der Countdown zur Leichtathletik-WM 2009.
Von Achim DreisEinem Sprichwort folgend führen viele Wege nach Rom, wenn nicht sogar alle. Für Irina Mikitenko war der Wochenendausflug in die ewige Stadt dagegen nur ein Abstecher auf ihrer Europatournee mit Höhepunkten in zwei anderen Metropolen. „Mein erstes Ziel 2009 ist London, mein großes Ziel Berlin“, sagt die 36 Jahre alte Langstreckenläuferin, und lässt keinen Zweifel daran, dass sie beide Rennen gewinnen will: „Ein guter Sportler ist der, der sich ein Ziel setzt, und das auch erreicht.“
Dass die 2008 weltbeste Marathonläuferin (2:19:19 Stunden) beim hügeligen Halbmarathon in der italienischen Hauptstadt am Sonntag in 71:01 Minuten nur Dritte wurde, bereitete ihr keine großen Sorgen: „Wenn ich jetzt schon 68 Minuten laufen würde, dann würde etwas beim Trainingsaufbau für den London-Marathon nicht stimmen.“ Dort tritt sie am 26. April zum zweiten Mal an, nachdem sie im Vorjahr in 2:24:14 Stunden gewonnen hatte. Die Konkurrenz wird stark sein, doch das ist der Reiz: Lokalmatadorin Paula Radcliffe und die sechs Besten von den Olympischen Spielen haben gemeldet.
„Mama, Du bist die Beste“
Mikitenko hatte Peking verletzt absagen müssen - dieses Malheur aber abgehakt: „Man darf nicht nach hinten schauen“, so die 158 Zentimeter kleine Läuferin: „Das ist verschwendete Energie“ - im Laufen wie im Leben. Etwa 200 Kilometer lief die 49-Kilo-Frau selbst in der finsteren Winterzeit jede Woche. Wenn sie sich heute an ihrem Wohnort Hanau auf den Weg machen würde, könnte sie bis zur Leichtathletik-WM (15.-23. August) locker noch vier Mal von zu Hause nach Berlin und zurück joggen.
Ob ihr diese enormen Distanzen nicht auf Dauer ein bisschen zu lange werden? Keineswegs, selbst bei Wind und Wetter rennt sie gerne: „Lust habe ich immer“ sagt sie, „Spaß auch - und meine Kinder sind meine beste Motivation.“ Ihr Sohn Alexander (14) spielt zwar lieber Fußball, begleitet sie aber bei langen Läufen mit dem Fahrrad. Und die kleine Tochter Vanessa (3 1/2)? „Ich glaube, sie ist im Stadion geboren.“ Sie fragt sogar, „ob ich krank bin, wenn ich mal den ganzen Tag zu Hause bin. Vanessa geht gerne mit, denn im Stadion kann sie im Sandkasten spielen.“
„Jeder läuft für sich alleine“
„Mama, Du bist die Beste“ steht auf Plakaten, wenn Irina Mikitenko, die von ihrem Ehemann Alexander trainiert wird, von einem erfolgreichen Wettkampf nach Hause kommt. 2008 hatte sie bei sieben Starts sieben Siege gefeiert, darunter den Berlin-Marathon mit Jahresweltbestzeit und deutschem Rekord. Allerdings auf der üblichen Strecke durch die Stadt. Bei der WM werden die klassischen 42,195 Kilometer dagegen auf einem vier Mal zu durchlaufenden Rundkurs absolviert. „Ich bin noch nie einen Rundkurs gelaufen“, sagt sie, „aber ich habe die Strecke schon angeguckt. Sie ist super.“
Ob sie 2009 genauso angehen wird wie 2008? „Du kannst es nicht kopieren.“ Seit zwanzig Jahren ist die gebürtige Kasachin im Leistungssport unterwegs, sie kann ihren Körper einschätzen: „Wenn ich morgens aufstehe, weiß ich, ob ich Chancen habe.“ Wichtig sei, wie man schläft, was man isst, wann man trinkt. „Marathon ist eine Strecke, bei der alles stimmen muss.“
„Egal, ob eine Afrikanerin oder eine Deutsche neben dir läuft“
Taktische Spielchen beim „Homerun“ mit den anderen deutschen Läuferinnen schließt sie aus. „Es ist egal, ob eine Afrikanerin oder eine Deutsche neben dir läuft.“ Bei aller Liebe zu den nationalen Mitstreiterinnen: „Ich kann nicht neben Melanie Kraus herlaufen, wenn ich 2:22 laufen will.“
Irina Mikitenkos Weg führt 2009 nach Berlin - über Rom und London. Bis zum Startschuss am Brandenburger Tor sind es noch 24 Wochen. Genug Zeit für Tausende von Trainingskilometern. Ihre einzige Sorge ist die Startzeit: 11 Uhr mittags am 23. August - wegen der Fernsehübertragung. Es könnte heiß werden in Berlin. „Und jeder läuft für sich alleine.“