18.08.2009 · Wie ist es möglich, dass sich die Deutschen ein Jahr nach der Empörung von Peking der Bolt-Party hingeben? Der Apostel Paulus empfahl den Läufern: „Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge.“ Doch der Jamaikaner verfolgt seinen Weg: unwiderstehlich, wie alles Sündhafte.
Von Michael Horeni, BerlinUsain Bolt, der coole König von Berlin, lächelt sein unverschämtestes Lächeln. Es ist die letzte Frage auf der Pressekonferenz, eine Stunde nach dem unglaublichsten Rennen der Menschheit. Und da erzählt doch ein deutscher Reporter tatsächlich von Armin Hary, der wissen will, wie Usain Bolt auf einer Aschenbahn laufen würde. Was für eine Frage! Bolt hat der Welt gerade einen Weltrekord vorgesetzt, der ihr den Atem verschlägt. Und dann soll er etwas über Aschenbahnen sagen. Bolt versteht das Wort erst gar nicht, und als man es ihm erklärt, schüttet er sich aus vor Lachen. „Old School“, sagt er glucksend, wo die Leichtathletikwelt jetzt doch eine andere ist. Nicht mehr „Old School“. Viele Reporter im Pressekonferenzzelt lachen mit. Sie sind auch angekommen in der neuen Zeit. Wegen Usain Bolt. Und der 9.58.
„Wahnsinn“ ist das Wort der neuen Zeit, mit dem die Zuschauer das Olympiastadion verlassen. Ungläubig und betört zugleich. „Und nehmen Sie ein wunderbares Gänsehautgefühl mit“, ruft ihnen der Stadionsprecher mit sich überschlagender Stimme hinterher. Aber einige hundert Fans, von Ordnern nur mit Mühe zurückzuhalten, warten auf der Haupttribüne auch eine halbe Stunde nach dem Rennen sehnsüchtig darauf, mit ihren Foto-Handys noch ein bisschen mehr von Bolt mit nach Hause zu nehmen als eine flüchtige Erregung. Der schnellste Mann des Planeten ist jedoch kaum zu fassen. Er gibt ein Interview nach dem anderen. Manchmal, wenn er das Mikrofon wechselt, blickt er kurz zur Tribüne hoch und winkt in sein Publikum, geschmückt in Jamaikas Farben und in Schwarz-Rot-Gold. Das Echo ist ein Jubelsturm. Einer ruft: „God bless Usain.“
Wie elektrisiert
Auf den Tag genau vor einem Jahr hat Usain Bolt die deutschen Sportfans noch erschüttert. Sein Weltrekord von Peking in 9,69 Sekunden mit offenem Schuh und eingebauter Bremse war ein Schock. Der Sportphilosoph und ehemalige Leistungssportler Gunter Gebauer sah Bolt aufgestiegen zum Übermenschen, das Band zum Menschsein durchtrennt. Die Medien aus dem Land der Aufarbeitungs-Weltmeister waren fassungslos. Das düstere Bild, das sie von Bolt als Sinnbild der manipulierten Spiele zeichneten, besorgte die deutschen Sportfunktionäre und Politiker. Es geriet düsterer als in allen anderen Ländern, und so etwas schmälert die Chancen auf Olympische Spiele in Deutschland. Aber selbst Bundespräsident Horst Köhler schüttelte den Kopf nach Bolts Angriff auf die Glaubwürdigkeit. Nach dem Lauf von Berlin sagte Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, ohne mit der Wimper zu zucken: „Es hat immer Jahrhunderttalente gegeben. Das hat man hier auch 1936 bei Jesse Owens gesehen.“
Beschwichtigungen aber sind gar nicht mehr nötig an diesem Abend. Das Publikum ist wie elektrisiert von diesem Moment und jenem Mann, der im Olympiastadion Menschen mit großen, strahlenden Augen hinterlässt, die sich später in der U-Bahn wie nach einem eigenen Sieg auf die Schulter klopfen und sich gegenseitig versichern: „Wir waren dabei.“
Jenseits aller Grenzen
Wie ist es nur möglich, dass sich die Deutschen, die selbsternannten Doping-Vorkämpfer, nur ein Jahr nach der geballten Empörung von Peking der großen Bolt-Party hingeben? Man kann ja nicht wirklich behaupten, dass sie solche Probleme verdrängen oder mit südländischer Nonchalance beiseiteschieben würden. Oder dass sie nicht sehr genau informiert wären, welche Kräfte noch im Spiel sein können, um einen Menschen derart zu beschleunigen, dass er im Rekordtempo noch Zeit findet, sich ein bisschen nach den Kollegen umzugucken.
Im Vorlauf hält Bolt ein Schwätzchen auf der Rennbahn, während die anderen hinterherhecheln. Im Finale macht er Ernst, für seine Verhältnisse. 9,58. Aber was heißt das schon? Im Olympiastadion spricht niemand von einem Jahrhundertrekord, einer Marke für die Ewigkeit. Vielleicht ist er ja schon beim nächsten Rennen schneller. Bolt hat in Berlin alle Grenzen hinter sich gelassen. Und die Vorstellung von Ewigkeit gleich mit.
Coole Schule
Drei Tage vor dem Lauf, der noch vor einem Jahr die Phantasie vollends gesprengt hätte, findet im Berliner Dom ein ökumenischer Gottesdienst zur Leichtathletik-WM statt. Bischof Wolfgang Huber predigt. Er sagt, dass die Menschen von sich aus nichts Höheres erlangen können als den „vergänglichen Ruhm“, den der Sport gewährt. Er trägt aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther vor: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegerpreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge.“ Der Bischof spricht von der Kanzel von der „unumgänglichen Enthaltsamkeit“, die Sportler leisten müssten, um erfolgreich zu sein, von dem entscheidenden Kampf der Athleten gegen sich selbst.
Nach der Predigt tritt Bolt auf die Bühne, nur ein paar Sprints in Richtung Ostbahnhof entfernt. Er präsentiert sich in einem von seinem Sponsor gemieteten Klub. Alles ist im jamaikanischen Stil, oder zumindest so, wie Jamaika in der Werbung aussehen soll. Auch Bolt hat eine Botschaft. „Fun, fun, fun.“ Das sind die Worte, die er in dieser halben Stunde am häufigsten benutzt. Von Anstrengung spricht er nicht. Auch nicht vom Kampf gegen sich selbst. Und auch nicht von Enthaltsamkeit. Nur von Fun. Das ist die coole Schule. Der Vorstandsvorsitzende seines Ausrüsters schwärmt, dass man seinen jamaikanischen „Lifestyle“ und den Sport nun auf die Straße bringen werde. Während der gesamten WM läuft im Club jamaikanisches Programm. Cool, relaxed.
Der große Star lebt
Olympiastadion, 19.10 Uhr. Es sind noch gut zwei Stunden bis zum Showdown. Die Siebenkämpferinnen sind mit dem Speerwurf dran. Die Dreispringer kämpfen abseits in der Grube um die Qualifikation. Das Stadion ist gut gefüllt, aber Tausende sind noch nicht auf ihren Plätzen. Das Halbfinale über 100 Meter. Partystimmung, ein bisschen wie im Klub. Und dann passiert es. Fehlstart von Bolt. Ungläubiges Gemurmel geht durch das Stadion, aber auch Kopfschütteln, als wollten die Zuschauer sagen: Macht er Witze und inszeniert er sich zum Spaß als Mensch mit Schwächen – oder ist der Übermensch wirklich nervös?
Der zweite Versuch. Wieder ein Fehlstart. Jetzt stöhnt das Olympiastadion auf. Ein banges Gefühl geht um: bloß nicht Bolt. Für Sekunden befällt Tausende im Stadion und Millionen vor dem Fernseher die Sorge, die große Show könnte vorbei sein, bevor sie richtig begonnen hat. Der betörende Lauf, von dem alle träumen, bliebe nur ein Traum. Aber es ist der Brite Tyrone Edgar, der die Rote Karte sieht. Die Sorgen verfliegen wie nach einem Blitzstart von Bolt. Wer ist schon Edgar?
Der große Star lebt und zieht das Publikum wieder in seinen Bann. Nach dem Fehlstart, als Bolt seinen geschmeidigen Körper wieder in die Startmaschine gleiten lässt, bekreuzigt er sich und blickt in den Himmel. Das macht er auch vor dem Endlauf. Dann geht er, alle Blicke auf sich gezogen, seinen Weg. So schnell wie kein Mensch auf dieser Welt. Unwiderstehlich, wie alles Sündhafte.
Immer die gleichen, wenn auch nicht immer dieselben
Rudolf Stein (RUDLITH)
- 18.08.2009, 01:25 Uhr
Einfach unglaublich Leistung! (egal wie...)
Christian Becker (cjb-78)
- 18.08.2009, 10:16 Uhr
@ Rudolf Stein
Matthias Damm (dammm)
- 18.08.2009, 11:35 Uhr