21.08.2009 · Caster Semenya kommt aus Südafrika und kann sehr schnell laufen. Ein 18 Jahre altes Menschenkind, mit dessen Würde ein gefährliches Schindluder getrieben wird. Denn sie versetzt eine ganze Branche, die kurz vor dem Kippen steht, in Angst und Schrecken.
Von Evi SimeoniCaster Semenya kommt aus Südafrika und ist 18 Jahre alt. Eigentlich hätte der vergangene Mittwoch einer der größten Tage ihres jungen Lebens sein müssen, denn sie gewann in Berlin den Weltmeistertitel über 800 Meter. Und das so überlegen, wie man es sonst nur bei Usain Bolt sieht. Sie kam aus dem Nichts, doch ihre Zeit von 1:55,45 Minuten ist Jahresbestleistung. Sie nahm der Zweiten mehr als zwei Sekunden ab. Sie müsste also im Triumphmarsch auf Schultern getragen werden. Aber das geschah nicht. Sie durfte nur eine halbe Ehrenrunde drehen und wurde dann diskret aus dem Stadion gewinkt. Statt ihr zuzujubeln, rückten die Menschen wie neugierige Insektenforscher ihre Brillen zurecht und fragten: Was ist das für ein Wesen?
Ja, was? Ein Kind Südafrikas, das sehr schnell laufen kann. Und es ist die große Frage, ob dieses Talent wirklich gut ist für Caster Semenya. Tausende schauen sie an. Sie sieht aus wie ein junger Mann. Tausende Augen fragen: Was ist das? Angeblich ist das flinke Wesen von Kindesbeinen an solche Fragen gewohnt. Doch zu Hause, in dem abgeschiedenen Dorf, wo es weder Strom noch Wasser gibt, konnte ihre Familie sie beschützen. Ihre Großmutter zum Beispiel, die sagt: „Gott hat sie so gemacht.“
Die große Leichtathletik-Familie beschützt sie nicht. Der südafrikanische Verband hat sie in das Stadion geschickt, ins Licht der Sport-Öffentlichkeit, vor all die Kameras, Objektive und Linsen, mitten hinein in das internationale Panoptikum dieses Sports. Bloßgestellt, freigegeben für allerhand Spekulationen, wie es sich wohl in Wahrheit mit ihrer Blöße verhält. Die internationalen Funktionäre sagen, weil Semenya bisher völlig unbekannt war, hätte die Zeit nicht mehr gereicht, um die angemessenen Maßnahmen der Geschlechtsbestimmung zu ergreifen. Die werden nachgeholt.
Wer oder was ist also Caster Semenya? In ein paar Wochen kennt der Internationale Leichtathletik-Verband darauf angeblich die Antwort. Ihr selbst wird sie nicht viel weiterhelfen, egal, ob sie ihre Goldmedaille am Ende behalten darf oder nicht. Eines steht nämlich jetzt schon fest: Caster Semenya ist ein Menschenkind, mit dessen Würde ein gefährliches Schindluder getrieben wird. Man hat sie der öffentlichen Fleischbeschau ausgesetzt, und sie ist durchgefallen.
Es ist nicht mehr weit zur Freakshow
Selbst im Getriebe der vermännlichten Frauen und der hypertrophen Männer, der hochspringenden Zaunlatten und Kugeln schleudernden Litfaßsäulen stach sie noch heraus. Es wird sie wohl nicht trösten, dass sie damit die ganze Branche in Angst und Schrecken versetzt hat, weil diese kurz vor dem Kippen steht. Es ist nicht mehr weit zur Freakshow. Die ganze Szene schaute in einen Zerrspiegel.
Aber das ist noch nicht die ganze Last, die Caster Semenya tragen soll. Die Diskussionen um sie schlagen immer höhere Wellen. Nun wird sie auch noch dazu benutzt, die schändliche Rassismusgeschichte ihrer Heimat zu illustrieren. Und dazu, das eurozentrische Welt-Schönheitsideal anzuprangern. Und sogar zu einem Angriff auf die angebliche internationale Leit-Schönheit Paris Hilton genutzt, die ja auch nie einen Geschlechtstest hat machen müssen. Mit dem Startschuss zum 800-Meter-Finale nahm auch das zynische Geschnatter seinen Lauf. Es geht eben immer wieder rund in den Stadien dieser Welt. Und immer wieder wird ein Mensch dabei durch den Wolf gedreht.