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Kommentar Glaubenssache Sport

23.08.2009 ·  Wenn Athleten betörend und verstörend Grenzen sprengen, spalten sich sowohl Sportpublikum als auch Medien auf: Erlebniskritiker gegen Erlebnisgenießer. Manche wenden sich enttäuscht ab, andere lassen sich Spaß am Event nicht verderben.

Von Michael Horeni
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In den Sekunden, bevor Usain Bolt das unglaublichste Rennen der Menschheit gewinnt, verstummt das Publikum. Wie in der Oper ist im Olympiastadion jeder Huster zu hören. Bolt wirkt hochkonzentriert. Ein paar lässige Gesten können darüber nicht hinwegtäuschen. 9,58 Sekunden später ist er am Ziel. Das Stadion rast vor Begeisterung über den schnellsten Mann der Welt. Die Zuschauer huldigen ihrem Helden.

Vier Tage später stellt der Jamaikaner einen weiteren Weltrekord auf, diesmal über 200 Meter. Auch die neue Bestzeit sprengt die Vorstellungen davon, was Menschen zu leisten vermögen. Aber manches ist anders. Bald nach dem spontanen Jubel verstummt das Publikum. Bolt selbst erscheint vor seinem zweiten Weltrekord keineswegs wie ein Übermensch, der es darauf abgesehen hat, in 19,19 Sekunden die Gesetze der Biomechanik außer Kraft zu setzen. Bolt wirkt so unaufgeregt, als ginge er ins Büro.

Betörende und verstörende Grenzüberschreitungen haben sich bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft von Berlin in eine Alltagserscheinung des Sports verwandelt - pharmakologisch, moralisch und menschlich. Die Begeisterung des Publikums über explodierende Leistungen, die den Menschenverstand und die Doping-Labore auf eine harte Probe stellen, sind dieser Tage daher oft nur noch im Energiesparmodus zu haben. Über die Antriebskräfte für Rekorde lässt sich im Sport zwar einiges vermuten und aus Erfahrung vieles befürchten - aber kaum etwas beweisen.

Wo unglaubliche sportliche Ergebnisse zur Glaubenssache werden, ob in der Leichtathletik, bei der Schwimm-WM oder der Tour de France, findet auch eine Spaltung des Publikums statt. Es bedient sich dabei der entsprechenden Medien, was die Teilung noch vertieft, in Ergebniskritiker und Erlebnisgenießer. Ein von perfekten Fernsehbildern und aufwendigen Marketingkampagnen immer stärker umworbener Teil der Zuschauer mag sich den Spaß am Event trotz düsterer Ahnungen nicht verderben lassen. Der andere Teil wendet sich erschrocken und enttäuscht von dieser Sportwelt ab - oder mag nur noch mit einem Auge hinsehen, weil er allein dem eigenen Blick Vertrauen schenkt. Die Wahrnehmung bei Zuschauern und Medien ist in Berlin nicht mehr dieselbe: Bilder, Worte und Zeiten zerfallen in verschiedene Wirklichkeiten.

Was hat man bei der leichtathletischen Leistungsshow nicht alles zu sehen bekommen. Zum Beispiel eine 18 Jahre alte Weltmeisterin über 800 Meter, von der man weiß, dass sie aus Polokwane stammt, einer kleinen Stadt aus dem Norden Südafrikas. Etwas ganz Existentielles aber weiß man nicht über Caster Semenya. Ob sie tatsächlich eine Frau ist. Oder doch ein Mann, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat?

Der Internationale Leichtathletik-Verband hat Semenya einen Geschlechtstest aufgezwungen. Ihr muskulöser Körperbau, ihre tiefe Stimme und eine erhebliche Leistungssteigerung haben sichtbare Zweifel an ihrer Identität ausgelöst. Das durfte nicht sein. Das Ergebnis der Untersuchung steht noch aus. Sicher ist jedoch, dass Semenya in Berlin vorgeführt und missbraucht worden ist. Der Verband Südafrikas hat sie für den Preis einer Medaille mit der Nominierung vor aller Welt bloßgestellt. Der Weltverband beschädigte mit dem Geschlechtstest, gleichgültig welches Ergebnis daraus folgt, Semenyas Würde.

Das deutsche Produkt einer gespaltenen Wahrnehmung dieser Weltmeisterschaften findet sich in den Auftritten von Weltmeister Robert Harting. Der gebürtige Cottbuser wird von einem Trainer betreut, der sich seit fast zwanzig Jahren der Diskussion über seine ostdeutsche Doping-Vergangenheit entzieht. Werner Goldmann fühlt sich seinen ehemaligen Athleten und ihrem zu bewahrenden Ansehen immer noch stärker verpflichtet als den Opfern von damals, die auch heute noch unter den Folgen zu leiden haben. In Goldmanns verdruckster Haltung kommt dieser Tage die sportliche Seite der Diskussion über den Unrechtsstaat DDR im Jubiläumsjahr der Wende zum Vorschein.

Harting, der Weltmeister von heute, wünschte den staatlich anerkannten Doping-Opfern wenige Tage vor seinem Wettkampf eine Diskusscheibe ins Gesicht. Die Opfer gelten nicht nur ihm als Störenfriede, weil sie auf die Doping-Problematik hinweisen, die weder Sportlern, Verbänden noch Sponsoren behagt. Der Berliner begeisterte sein Publikum im Olympiastadion gleichwohl. Auch Millionen Zuschauer vor dem Fernseher ließen sich von Hartings Sieg und der Kraft der Bilder faszinieren. Es ist gleichwohl der wohl schwierigsten Weltmeisterschaftstitel, den der deutsche Sport in den vergangenen Jahren gewonnen hat. In ihm fallen die ungelöste Trainerfrage, das Doping-Problem und die Medaillengier von damals und heute zusammen. Im Gold von Robert Harting spiegelt sich nicht weniger als der deutsche Sport - und alle seine Abgründe.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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