21.08.2009 · Warum weckt der Sport, zumal die Leichtathletik, seit einiger Zeit schon so stark diese Zirkus- und Magier-Assoziationen? Usain Bolt beherrscht seinen Trick - Weltrekord - zu gut, um ihm dabei auf Dauer zuzusehen. Es geht nichts schief. Der Trick wird langweilig.
Von Jörg HahnStichwort Langeweile: Wie oft schaut man sich ein und denselben Zaubertrick an? Ein-, vielleicht zweimal ist man fasziniert, je nachdem, wie spektakulär die Vorführung ausfällt. Dann aber weiß man – und dafür muss man gar nicht hinter die Kulissen blicken können –, dass der Trick funktioniert, dass in der Regel nichts schiefgeht. Und wenn wir wissen, was uns erwartet, stecken wir auch schon mittendrin in der Langeweile.
Warum weckt der Sport, zumal die Leichtathletik, seit einiger Zeit schon so stark diese Zirkus- und Magier-Assoziationen? Doch nicht wegen der paar Grimassen und Posen von Startern und Sieger. Es steckt viel mehr dahinter. Unsere Erfahrung, unser Wissen wird erschüttert, weil wir mit bloßem Auge Dinge erkennen, die doch nicht sein können: Frauen, die wie Männer aussehen; Muskeln, die wie gemalt erscheinen; ein Läufer, der ohne Anstrengung Bestmarken, die zuvor lange Jahre unantastbar waren, pulverisiert.
Usain Bolt macht es gut, zu gut, um ihm auf Dauer zuzusehen. Er hat nun schon zwei Mal in Berlin die Behauptung widerlegt, die blaue Bahn sei „nicht schnell“. Dafür werden allerlei technisch-wissenschaftliche Erklärungen angeboten – doch was sind sie gegen diese Zahlen: 9,58 und 19,19; Weltrekorde auf der angeblich langsamen Bahn. Der ungünstige Bodenbelag, sein schlechter Start, die fehlende Windunterstützung, das heiße Wetter, Müdigkeit, Zipperlein – was wird nicht noch alles ins Feld geführt, um auszudrücken, dass der Jamaikaner miserable Voraussetzungen hatte für Spitzenleistungen. Aber sein Trick hat trotzdem funktioniert.
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von den Bolt-Feiern in Kingston auf Jamaika und zitiert einen Fan so: „Ich glaube, er kann an jedem beliebigen Tag loslegen und sich sagen: Was für eine Langeweile heute, ich muss mal eben Weltrekord laufen. Und dann tut er es.“ Und das wissen wir ja nun schon ganz genau, nach seinen fünf Weltrekorden innerhalb eines Jahres – der sechste ist mit der Staffel an diesem Samstag zu erwarten. (Eigentlich sind es sogar jetzt schon sechs, wenn man das Marketing-Rennen über 150 Meter an einem regnerischen Mai-Sonntag auf einer Straße in Manchester hinzuzählt, als Bolt in 14,35 Sekunden die alte Bestzeit des Italieners Pietro Mennea aus dem Jahr 1983 von 14,8 „zerschmetterte“, wie britische Blätter es nannten.)
Magier Bolt muss sich etwas Neues überlegen
Der Magier Bolt braucht also entweder ständig neues Publikum, die seine Show noch nicht kennen (das in der heutigen Medienwelt schwierig zu finden sein dürfte) – oder er muss sich immer wieder etwas Neues überlegen, und da reicht eine Clownsnummer nicht. Carl Lewis etwa war auch Weitspringer; Ben Johnson lief sogar gegen Pferde. Wobei: Lewis’ Tricks haben bis zum Schluss funktioniert, Johnson dagegen wurde – wie viele andere Zauberlehrlinge nach ihm – auf offener Bühne für sein aufgeflogenes Illusionstheater ausgepfiffen. Bolt könnte gegen einen Red-Bull-Rennwagen antreten, er könnte die Rekorde über 100 Yards oder 175 Meter angreifen, sich beim Empire-State-Building-Lauf versuchen . . . Aber das wäre natürlich alles nur Zirkus. Und wer will das schon?
Die Langeweile totaler Dominanz
Anna Schuster (Anna_Schuster)
- 22.08.2009, 16:20 Uhr