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Im Gespräch: DLV-Vizepräsident Eike Emrich „Die Leistungsbürokratie funktioniert nicht mehr“

23.08.2009 ·  In einer offenen Gesellschaft reiche bloße Medaillenfixierung und reine Geldbelohnung nicht aus als Antrieb für Höchstleistungen, mahnt DLV-Vizepräsident Emrich. Im FAZ.NET-Interview spricht der Sportwissenschaftler Emrich über seinen Kampf gegen die DDR-Planungsprinzipien im vereinten deutschen Sport.

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In einer offenen Gesellschaft reiche bloße Medaillenfixierung und reine Geldbelohnung nicht aus als Antrieb für Höchstleistungen, mahnt DLV-Vizepräsident Emrich. Im FAZ.NET-Interview spricht der Sportwissenschaftler Emrich über seinen Kampf gegen die DDR-Planungsprinzipien im vereinten deutschen Sport.

Hat die Leichtathletik in Usain Bolt ihren Retter gefunden?

Nein. Er ist ganz bestimmt nicht der Retter der Leichtathletik. Bolt ist ein Mensch mit außergewöhnlichem Talent und hervorragendem Leistungsvermögen, der aber wenig spannende Wettkämpfe produziert. Der Ausgang ist vorher bekannt, deswegen reichert er seine Darbietung mit Clownerie und Show an. Das Gesamtpaket ist attraktiv für die Menschen. Aber Retter? Eindeutig nein.

Was treibt Bolt und die anderen Jamaikaner an, die Sieger dieser WM?

Darüber kann ich nur spekulieren. Verbrechen, Showgeschäft und Politik sind Bereiche, in denen man grenzenlos schnell aufsteigen kann, wenn man Voraussetzungen dafür hat. In Ländern mit schwierigen sozialen Verhältnissen ist der Antrieb, durch den Sport gesellschaftlich aufzusteigen und hohe Einkommen zu erzielen, ungleich höher als in Gesellschaften unseren Typs.

Macht Hunger schnell oder skrupellos?

Hunger macht sicher schnell. Aber nicht jeder, der Hunger hat, wird skrupellos. Ich weiß nicht, ob Bolt skrupellos ist. Das wäre ein Generalverdacht. Aber eines kann man sagen. Die Bereitschaft, den Erfolg außerhalb der Regeln anzugehen, nimmt tendenziell zu, je schwieriger die Lebensverhältnisse sind. Ich wünsche mir, dass man auch noch in einigen Jahren sagen kann, dass sich Usain Bolt an die Norm gehalten hat.

Was sagen uns die Resonanz des Publikums und der Sprung der Einschaltquoten nach oben, wenn Bolt läuft?

Ich halte das für einen Effekt der medialen Vorberichterstattung und der Inszenierung. Alle Leistungsmarken nach vorne schiebenden Athleten haben Unterhaltungswert. Das ist jetzt halt zufällig Usain Bolt.

Sie haben zum Abschluss der WM so etwas wie die Unabhängigkeitserklärung der Leichtathletik abgegeben. Sie wehren sich gegen die Doktrin des DOSB und seines Bereichs Leistungssport. Erklären Sie das bitte.

Es gibt verschiedene Arten, die Zukunft beherrschbar zu machen. Eine findet sich im Lied von der Unzulänglichkeit des Menschen von Brecht. Sinngemäß lautet es: „Ja; mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch nen zweiten Plan, geh'n tun sie beide nicht.“ Diese Vorstellung von Sport findet man im Bereich Leistungssport im DOSB, mit seinen Zielvereinbarungen, der Medaillenfixierung und in der Belohnung durch Geld. Dieses zentrale Planungsbüro des deutschen Sports schließt mit Verbänden Zielvereinbarungen, in denen die Zahl der Medaillen definiert wird. Das haben auch wir nach viel Widerstand unterschreiben müssen, damit Mittel fließen. Dann kommen Personen, die nie bei der Mannschaft sind, und beurteilen die Zweckmäßigkeit unserer Überlegungen. Die Mittel zur Erreichung der verordneten Ziele sind rein technokratischer Art: mehr Training, härteres Training, schärfere Wettbewerbe, mehr Behütung, mehr Versorgung, mehr Betreuung, mehr wissenschaftliche Durchdringung. Bis zu einem gewissen Punkt ist das hilfreich. Aber das ist nur die eine Seite des Sports. Ich muss doch auch junge Menschen haben, die das wollen, die einen Genuss darin sehen, sich der Unsicherheit des Wettbewerbs preiszugeben. Je mehr ich die Athleten vorab auf die Versorgungsspur setze, umso mehr schwäche ich die anderen inneren Antriebsmotivationen. Mit doppelt so viel Geld verdopple ich nicht den Effekt. Das andere Problem ist die ausufernde Bürokratie. Ich schätze, dass fünfzig Prozent der Tätigkeit von Sportdirektor Jürgen Mallow auf das Ausfüllen von Formularen und das Anfertigen von Berichten entfallen. Ich habe im Schnitt einen Tag in der Woche damit verbracht.

Sie haben den Eindruck, dass zu viele DDR-Strukturen wieder Einzug in den deutschen Sport gehalten haben?

Diesen Eindruck habe ich – und dagegen wehren wir uns. Aber ich möchte differenzieren. Die Trainerkollegen, die im DDR-System gearbeitet haben, halte ich für hervorragende Trainer. Mit der Wiedervereinigung hatte der westdeutsche Sportapparat die einmalige Chance, die Struktur des bewunderten DDR-Sportsystems zu übernehmen. Man übernimmt sie aber in die Kernstrukturen einer offenen Gesellschaft: die verordneten Medaillen; die Medaillenzählerei; das Abarbeiten von Planungskennziffern, Weltstandsanalysen, dieses Jahr 40 Stunden die Woche Training, nächstes Jahr 50 Stunden! Der Glaube der zentralen Planungsbürokratie im BL, alles zu wissen und alles planen zu können, ist auch aus der DDR herübergewachsen. Und dann ist man ganz überrascht, dass dies nicht funktioniert. Warum sollte ein junger Mensch in einer freien Gesellschaft die Befriedigung aktueller Bedürfnisse zurückstellen, um ein weit entferntes Ziel anzustreben, dessen Erreichung höchst unsicher ist? Das macht er nur, wenn er am Ende sagen kann: „Es hat sich gelohnt.“ Auch wenn es nicht funktioniert hat.

Die Deutschen haben bei der WM neun Medaillen gewonnen. Sie müssten sehr zufrieden sein, dass die Idee Erfolg hat.

Sehen Sie Betty Heidler – sie hatte Freude am Wettbewerb. Sie hatte Freude, sich zu riskieren. Das war das Primäre. Die Medaille war eine erwünschte Nebenfolge. Wenn man aber versucht, Medaillen direkt anzusteuern, zu planen, nimmt man dem Sport seine innere Qualität. Das Paradoxe ist: Man wird Medaillen auch nicht in dem Maß gewinnen, wie man möchte. Aber noch einmal: Medaillen sind nicht das primäre Ziel. Ich meine, wir haben mit unserem Modell von Leistungssport in offenen Gesellschaften ein Modell entwickelt, das geeignet ist, Sport für junge Menschen attraktiv zu machen. Ich bin viel gescholten worden von der zentralen Planungsbürokratie. Es ist störend, immer wieder sein Konzept in den Grundstrukturen erläutern zu müssen. Man wird als jemand empfunden, der nicht ganz bei Trost ist.

Da stehen sich zwei unvereinbare Philosophien gegenüber.

Selbstverständlich – mit einem Unterschied. Ich entwickele eine Idee, nachdem ich empirische Daten gesammelt habe. Ich habe das jahrelang untersucht.

Aber erst mit den Medaillengewinnen von Berlin können Sie gegen die Leistungsplaner des DOSB öffentlich antreten.

Genau das ist die Paradoxie. Unsere Idee kann erst durch die erwünschte Nebenwirkung der Medaillen hoffähig werden. Erst dann wird erkennbar: Was ich nicht direkt ansteuere, wird dadurch erst in besonderem Maß möglich. Nehmen wir als Vergleich Biathlon: Dort würde das Konzept der Leistungsplanung scheitern, wenn die Konkurrenz größer wäre, so wie in der Leichtathletik. Da braucht man einen anderen Athletentypus. Er muss das Bewusstsein haben: Hier kann ich schon in der Qualifikation verlieren – und sich der unsicheren Situation doch stellen. Im Biathlon ist die Konkurrenz viel kleiner, ist das Risiko viel geringer.

Wird Ihre Idee vom Leistungssport in einer offenen Gesellschaft bestehen bleiben, falls Sie bei den DLV-Präsidiumswahlen im Oktober nicht mehr als Vizepräsident kandidieren sollten?

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich wieder kandidieren werde. Aber unser Modell hat die Mentalität unserer Mannschaft eindeutig verändert. Es läuft ja seit fünf Jahren. In Peking waren unsere jungen Athleten noch nicht so weit, dass sie sich in der extremen Bewährungsprobe zurechtfanden. Aber junge Leute, die einmal Freude an der Unsicherheit im Wettkampf gewonnen haben und daraus inneren Nutzen ziehen, lassen sich nicht mehr in die Leistungsbürokratie zwingen. Das ist rum.

Das Gespräch führten Michael Horeni und Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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