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Harald Schmids WM-Kolumne (4) Psychospiel und „Man-Killer-Event“

19.08.2009 ·  Ariane Friedrich hat das Psychospiel Hochsprung mit einer Provokation eröffnet. Beim 400-Meter-Hürdenlauf war dagegen mal wieder kein Deutscher am Start. „Wann stellt ihr euch endlich dem Man-Killer-Event“, fragt Harald Schmid in seiner WM-Kolumne.

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Der Hochsprung der Frauen ist ein Psychospiel. Und Ariane Friedrich hat den Kampf schon in der Qualifikation eröffnet. 1,95 Meter waren gefordert, um ins Finale zu kommen. An dieser „Hürde“ ist schon manche Favoritin gescheitert. In solchen Stress-Momenten senden die Nerven manchmal zu viele Signale - sorgen für Unruhe im Körper. Dann wird es schwer, eine vormals leichte Übung noch zu absolvieren. Blanka Vlasic, Arianes Rivalin um den Weltmeistertitel, machte aber einen sehr entspannten Eindruck. Ihr Gesicht schien gelöst, fast heiter. Sie nahm alle Höhen ab 1,85 leicht und locker, die 1,95 eingeschlossen. Fast hätte sie danach ihr bekanntes Tänzchen gezeigt, doch sie besann sich kurz - und ging nur mit einem kleinen Lächeln.

Ariane Friedrich dagegen machte etwas Unerhörtes. Mit einem einzigen Sprung lieferte sie die Qualifikationshöhe ab. Welche Springerin beginnt schon einen Hochsprungwettkampf bei 1,95? Sie tat es in kalter Manier. Doch ihre WM-Aufgabe wird dadurch kaum leichter. Ist ihr Plan wirklich aufgegangen? Niemand weiß, welches Feuer Ariane Friedrich mit ihrer Provokation in den Köpfen der anderen entfacht hat. Alle Hochspringerinnen trugen ihre Masken aus dem Stadion. Die Antwort finden wir im Finale (siehe: Hochspringerin Ariane Friedrich: „Ich werde die Weltrakete starten“).

Gutes Timing bei Steffi Nerius

Steffi Nerius wollte alles in den ersten Versuch legen. Sie tat es, und die 67,30 Meter sollten ihr Sieg werden: ihre Weite war so gut, dass die anderen Speerwerferinnen regelrecht geschockt waren. Gold für Steffi Nerius im letzten großen Wettkampf als Abschluss einer großartigen Karriere. Gutes Timing! (siehe: Leichtathletik-WM: Nerius vergoldet das Karriereende).

Von ihren Emotionen als Kugelstoßerin berichtete Nadine Kleinert noch einmal: „Nach meinem Superstoß auf 20,20 Meter hatte meine Konkurrentin Vili Tränen in den Augen“. Bei dieser Aussage wird klar, wie schwer es ist, den großen Stress auszuhalten, Höchstleistungen abzurufen, und alle Emotionen auf ein Stück Eisen zu übertragen.

Wann nehmt ihr diese Herausforderung endlich an?

Bei den 400 Meter Hürden, „meiner“ Strecke, stand ich unerwartet gelöst im Stadion. Was mir auffiel? Ein 17-Jähriger war mit dabei. Jehue Gordon aus Trinidad & Tobago. Er rannte das Rennen seines noch jungen Lebens, stellte einen Landesrekord auf, und verpasste in 48,26 Sekunden nur um drei Hunderstel die Bronzemedaille. Sollen wir unsere Sportler nicht auch früher an die Weltklasse führen? An dieser Frage werden sich die Geister wohl immer scheiden.

Dass der Amerikaner Kerron Clement Sieger werden könnte, hatte ich erwartet. Und er machte das Rennen, trotz eines kleinen Fehlers. Seine Siegerzeit war gut, 47,91 Sekunden, Weltjahresbestleistung. Aber meine Zeit von Rom 1987 (47,48) hätte leicht zum Titelgewinn geführt. Waren die Läufer noch müde von den harten Halbfinalläufen? 400 Meter Hürden ist eine der schwersten Strecken. Sie fordert alles. Schon dieser Sprint über eine Stadionrunde bringt den Körper an seine Grenzen. Und dann kommen noch zehn Hürden hinzu. Wer glaubt, ein Marathonlauf sei das Härteste, der probiere einmal diese Strecke.

Na ja, 400-Meter-Hürdenlauf macht in Deutschland kaum einer. Ihr jungen Leute, wann nehmt ihr diese Herausforderung endlich an? Wann stellt ihr euch dem „Man-Killer-Event“, wie die Amerikaner diese Strecke nennen?

Harald Schmid war in den 70er und 80er Jahren einer der besten 400-Meter-Hürdenläufer der Welt und ein herausragender Repräsentant der internationalen Leichtathletik. Er wurde fünf Mal Europameister, gewann drei WM-Medaillen (zwei Mal Silber 1983 und Bronze 1987) und zwei Mal olympisches Edelmetall (Bronze 1976 mit der Staffel und 1984 über 400m Hürden).

Für FAZ.NET analysiert der promovierte Sportwissenschaftler in seiner Kolumne während der Leichtathletik-WM in Berlin jeden Wettkampftag. Der Gelnhausener betreibt eine Agentur für Sport und Kommunikation. Besonders am Herzen liegt ihm die Kampagne zur Suchtvorbeugung „Kinder stark machen“ (siehe: Homepage von Harald Schmid).

Quelle: FAZ.NET
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