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Harald Schmids WM-Kolumne (3) Es gibt keine zweite Chance

18.08.2009 ·  Es ist eine große Kunst, auf dem Punkt fit zu sein. Doch das allein genügt noch nicht. Die deutschen Stabhochspringerinnen zeigten eine gute Leistung - nur waren es nicht die Bestleistungen. Das ist der kleine Unterschied zum Medaillengewinn. Die WM-Kolumne von Harald Schmid.

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Eine antike Fabel von Äsop berichtet von einem prahlerischen Fünfkämpfer: „Ein Fünfkämpfer wurde ständig von seinen Mitbürgern wegen seiner Untüchtigkeit kritisiert. Er ging außer Landes, kehrte nach einiger Zeit zurück und prahlte, er habe auch sonst oft, besonders aber auf Rhodos einen Sprung hingelegt, den kein Olympionike erreichen könne. Als Zeugen, sagte er, werde er die Leute aufbieten, die dabei waren, sobald sie ins Land kämen. Aber ein Anwesender fiel ein und sagte zu ihm: 'Hör mal! Wenn das wahr ist, brauchst du keine Zeugen, denn hier ist Rhodos, springe hier!' Die Fabel zeigt, dass für das, was sich unmittelbar durch die Tat überprüfen lässt, jedes Wort erübrigt.“

Es ist das Wesen des Sports und besonders das der Leichtathletik, dass es gilt, zum richtigen Zeitpunkt und am vorbestimmten Ort seine Leistung zu zeigen. Hinzu kommt die große Objektivität der Leistungsmessung. Da helfen keine Vorschusslorbeeren, keine Meriten. Es ist eine große Kunst, verbunden mit von der Natur geschenktem Talent, auf dem Punkt fit zu sein. Doch das allein genügt noch nicht.

Der Wettkampf selbst erfordert Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden. Es gibt keine zweite Chance. Sicher war Jelena Isinbajewa bereit, ihre Leistung in Berlin zu zeigen. Alle ihre früher erzielten Weltrekorde nützten ihr nichts. Ihren Fehler konnte sie nicht korrigieren (siehe: Stabhochspringen: Hochmut kommt vor dem Fall). Die deutschen Stabhochspringerinnen zeigten als Team wirklich eine gute Leistung - nur es waren nicht die Bestleistungen. Die hatten sie woanders in diesem Jahr erzielt. Der kleine Unterschied zum Medaillengewinn.

Die Hämmer fliegen nicht mehr so weit

Begeisternd waren die Läuferinnen über die 3000-m-Hindernisstrecke. Diese Disziplin ist noch nicht lange im internationalen Wettkampfprogramm, aber eine echte Bereicherung! Anje Möldner lief wieder Deutschen Rekord und wurde Neunte. Den 100-m-Sprint haben Jamaikas Frauen gewonnen. Mit fantastischen Zeiten. Jamaika dominiert den Sprint. Nein, diese Formulierung wird nicht ausreichen. Wir müssen damit rechnen, dass jamaikanische Sportlerinnen und Sportler auf den anderen Sprintstrecken noch viel mehr zeigen werden (siehe auch: Jamaikas Sprinter: Widerstand und Gehorsam). Kann aus „Jamaika“ eines neues Synonym für „Schnelligkeit“ werden? Hoffen wir, dass es zu keiner anderen Wendung kommt.

Im Hammerwurf waren die Deutschen vorn dabei - immerhin. Und die Hämmer aller Werfer fliegen längst nicht mehr so weit wie in den 80er und 90er Jahren. Ist das erfreulich? Pamela Jelimo ist die Olympiasiegerin über 800 m. Sie war im Jahr 2008 in einer unglaublichen Serie durch die Stadien der Welt gestürmt. In einem Alter von gerade 18 Jahren sammelte sie dabei Millionen Dollar. Zurück in Kenia, verlor sie ihren Rhythmus und konnte ihn bis zum Halbfinale in Berlin nicht wiederfinden. Im Finale wird sie nicht dabei sein. War ihr Tempo 2008 zu hoch gewesen? In Deutschland hätte man die junge Frau mit soviel Talent vielleicht behutsam aufbauen wollen. Doch selbst wenn ihr nur das eine grandiose Jahr 2008 bleiben würde: mir ist es lieber so.

Harald Schmid war in den 70er und 80er Jahren einer der besten 400-Meter-Hürdenläufer der Welt und ein herausragender Repräsentant der internationalen Leichtathletik. Er wurde fünf Mal Europameister, gewann drei WM-Medaillen (zwei Mal Silber 1983 und Bronze 1987) und zwei Mal olympisches Edelmetall (Bronze 1976 mit der Staffel und 1984 über 400 Meter Hürden).

Für FAZ.NET analysiert der promovierte Sportwissenschaftler in seiner Kolumne während der Leichtathletik-WM in Berlin jeden Wettkampftag. Der Gelnhausener betreibt eine Agentur für Sport und Kommunikation. Besonders am Herzen liegt ihm die Kampagne zur Suchtvorbeugung „Kinder stark machen“ (siehe: Homepage von Harald Schmid).

Quelle: FAZ.NET
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