16.08.2009 · Der Startschuss zur Leichtathletik-WM in Berlin ist gefallen. Der Kugelstoßwettbewerb mit Ralf Bartels war voller Dramatik. Und Usain Bolt fiel durch ein Schwätzchen während des Laufs auf. Das ist doch eine Demütigung! Die WM-Kolumne von Harald Schmid.
Von Harald SchmidMir wurde es am Samstag leicht gemacht. Mit einem Hauch, einem milden Hauch, wehte der erste Startschuss all die Geplänkel vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin hinweg. Seitdem verzaubert mich das Olympiastadion mit einem unvergleichlichen Farbauftritt. Betrachtet man die Szenerie um die blaue Laufbahn am Fernsehbildschirm, dann scheint sie fast wie eine virtuelle Welt, wie ein Computerspiel.
Ganz echt sind die Sportler. Und es ist der Wettkampf, die Konzentration auf den entscheidenden Moment, die Lauftaktik, das Vorbereiten des Anlaufs, das Gefühl für die Kugel, der Nervenkitzel, die Freude über das Gelingen des Versuchs, die Erschöpfung nach der Anstrengung, das Ringen um Luft, das Strahlen im Erfolg und der Kampf mit den Tränen in der Niederlage.
Die Sportler ziehen mich in ihren Bann, und ich befinde mich in dem Dilemma, dass ich nicht sicher bin, wie ich meinen Sport annehmen soll. Ich weiß zuviel über unerlaubte Methoden und Mittel zur Manipulation der in der Leichtathletik geforderten Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit. Sind die Athleten sauber am Start? (siehe auch: FAZ.NET-Sonderseite zur Leichtathletik-WM)
„Ich bin gefesselt von der Leichtathletik. Der Unterhaltungswert ist da“
Bertolt Brecht meint: „Selbstverständlich ist Sport, nämlich wirklicher passionierter Sport, riskanter Sport, nicht gesund. Da, wo er wirklich etwas mit Kampf, Rekord und Risiko zu tun hat, bedarf er sogar außerordentlicher Anstrengungen des ihn Ausübenden, seine Gesundheit einigermaßen auf der Höhe zu halten.“ Brauchen wir die Leichtathletik wirklich als Beispiel für die Gesellschaft? Es wären genügend verlockende Argumente dafür anzuführen, dass Leichtathletik in der Schule gelehrt würde und sich die Nation durch Dauerlauf gesund hielte. Stände dem nicht das unangenehme Bild der Manipulationsdiskussion gegenüber.
Ich bin gefesselt von der Leichtathletik. Die Wettkämpfe werde ich am Bildschirm und im Stadion verfolgen. Seit dem Startschuss geht es mir so. Ich bin dabei. Es geht um Sport. Der Unterhaltungswert ist da.
Als Usain Bolt im Zwischenlauf antritt, schießen mir die Gedanken wieder durch den Kopf: was ist mit den anderen Werten wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Achtung vor der Leistung des Nächsten (Sportlers), Liebe zum Wettstreit? Ein Schwätzchen während des 100-Meter-Sprints (siehe auch: WM kompakt: Bolt joggt - Oeser kämpft - Masai triumphiert). Das ist doch eine Demütigung der Mitstreiter! Aber diese Unterhaltung hat natürlich großen Unterhaltungswert. Kommen deswegen so viele Zuschauer ins Stadion?
Der Kugelstoßwettbewerb war voller Dramatik. Ralf Bartels zeigte gutes Kugelstoßen, Tomasz Majewski und Christopher Cantwell sorgten für Kampf und Spannung. Cantwell vorn, dann Majewskis großer Wurf. Cantwells Ringen um den Konter. Es scheint nicht zu gelingen, dann die schnelle Drehung mit einem Stoß über 22 Meter (siehe auch: Kugelstoßen: Bartels sorgt für bronzenen Auftakt). Dieses Duell um den Titel, diese wenigen Zentimeter, die den Unterschied am Ende brachten - es blieb mir keine Zeit, über die Muskelmacher nachzudenken.
Ich werde wohl aus diesem Dilemma nicht herauskommen. Ich liebe diesen Sport. Jeder mache sich sein eigenes Bild davon.