01.05.2010 · „Wir reden über diese Frau. Aber diese Person ist tot.“ Wie aus dem sportlichen Mädchen Heidi, das nur dazugehören wollte, Andreas Krieger geworden ist. Ein Text von Michael Horeni mit einer Audio-Slideshow von Niklas Schenck.
Andreas Krieger sitzt auf der Wiese und lacht. Die Sonne fällt durch die hohen Bäume, und die Schatten tanzen auf seinem weißen Hemd. Es ist ein schönes, unbeschwertes Bild. Aber dem Fotografen gefällt das Bild nicht. „Können Sie nicht ernster schauen?“, fragt er. Andreas Krieger unterbricht sein Lachen und schaut ernst. Er versteht das. Das Foto würde sonst nicht zur Geschichte passen, zur Geschichte von Andreas Krieger, der als Heidi Krieger für die DDR Erfolge sammelt und jahrelang mit Doping-Mitteln gemästet wird, bis er sich in seinem Körper verliert.
Andreas Krieger kennt die Kraft, die von seinen Bildern ausgeht, spätestens seit dem 30. Mai 2000, als er im Doping-Prozess gegen die führenden Köpfe des DDR-Sports aussagt. An diesem Tag lastet die Sorge auf ihm, dass man ihm seine Geschichte nicht glaubt, dass man sein Leben und sein Leiden nicht versteht, dass man ihm seine Biographie noch einmal stiehlt. Es ist eine sehr berechtigte Sorge, denn Andreas Krieger weiß ja selbst, wie schwierig das alles zu begreifen ist, was damals mit ihm passierte.
Er muss das irgendwie klarmachen, sagt er sich. Er geht an den Richtertisch und holt ein Foto von einem fröhlichen Mädchen hervor und sagt dem Richter: „Wir reden über diese Frau. Aber diese Person ist tot.“ Heidi Krieger wollte als Mädchen eigentlich nur dazugehören. Im Sport sieht sie dafür eine perfekte Möglichkeit. Sie wird an eine Sportschule delegiert. Ihre Grundschullehrerin sagt zum Abschied: „So eine wie dich wollen sie da nicht haben.“ Heidi ist laut. Sie ist frech. Und sie raucht.
Aber Heidi hat Talent und wähnt sich auf dem richtigen Weg. „Ich dachte, wir machen im Sport alle dasselbe und haben dieselbe Begeisterung.“ Aber das war nicht so. „So wie ich gewirkt habe, passte ich nicht rein. Das hat man mich spüren lassen.“ Heidi trägt Röcke wie alle anderen, aber ihr sagt man: „Wenn du einen Rock anziehst, dann lauf wenigstens auch wie eine Frau.“
Das gute Gefühl verfliegt zu schnell
In Heidi wächst die Überzeugung, sich Zugehörigkeit nur durch Leistung erarbeiten zu können. Sie mag es, wenn man ihr nach einem erfolgreichen Wettkampf auf die Schulter klopft. Der Körperkontakt gibt ihr ein gutes Gefühl. Sie trainiert hart für dieses gute Gefühl, aber das gute Gefühl verfliegt schnell, zu schnell. „Ich habe nächtelang mit meiner Mutter telefoniert und gefragt: Woran liegt es? Ich bin doch kein schlechter Mensch.“
Heidi Krieger ist gerade fünfzehn Jahre alt, als ihre Dynamo-Mannschaftskameradin Ilona Slupianek in Moskau 1980 Olympiasiegerin im Kugelstoßen wird. Sie bekommt viel von diesem für Heidi seltenen Gefühl. Die neue Heldin wird von Willi Kühl trainiert, die junge Heidi von dessen Sohn Lutz. Sie trainiert immer härter. 1980 stößt sie die Kugel schon auf 11,93 Meter, der Diskus fliegt 33,92 Meter. Bei der Spartakiade wird sie Zweite.
„Wie ein wilder Ochse“
Ein Jahr später sind es beim Kugelstoßen schon über 14 Meter und beim Diskuswerfen über 45 Meter. Das ist eine Leistungsexplosion. Aber Heidi ahnt nicht, wie sie zustande kommt. Schon seit ihrem 13. Lebensjahr bekommt sie Mittel, deren Wirkung sie nicht kennt. Mit 16 Jahren wird Heidi Krieger als „Sportlerin 54“ in das staatlich organisierte Anabolikaprogramm aufgenommen. Ihr Trainer ist mittlerweile Willi Kühl. Er gibt ihr im Jahr 1982 Pillen, von denen er sagt, dass sie damit das Training besser verkraftet. Das Pensum steigt ja immer weiter. Sie versteht das.
Heidi gebärdet sich in der Schule weiter „wie ein wilder Ochse“. Sie schlägt um sich, um das Lästern zu beenden. Einmal ist sie im Treppenhaus, als eine Gruppe von Boxern hinter ihrem Rücken über sie herzieht. Irgendwann erträgt sie es nicht mehr. Sie dreht sich um und schlägt zu. Mit ausgestreckter Faust. Der lästernde Boxer liegt am Boden. „Dann war Ruhe hinter mir, und ich bin einfach weitergegangen. In dem Moment hätte es mich nicht gestört, wenn er tot gewesen wäre.“
Blutig gekratzte Hände
Im Sport wird sie immer besser, aber es geht ihr immer schlechter. Sie weiß nicht, warum. Sie richtet ihre Wut und Verzweiflung gegen sich selbst. Heidi beginnt sich selbst zu verletzten. Sie kratzt sich die Hände blutig. „Ich bin in depressive, selbstzerstörerische Phasen gefallen, in denen ich keine Chance hatte, mich mit jemand darüber zu unterhalten.“ Sie bekommt einen Psychologen zugewiesen. Ihm vertraut sie sich an, wenn auch nicht mit „allertiefster Seele“.
Aber was Heidi dem Psychologen offenbart, bekommt sie beim nächsten Training sofort von ihrem Trainer erzählt. „Wem soll man da noch vertrauen?“ Das Einzige, was sie genießen kann, ist der Erfolg im Wettkampf. Bei den Junioren-Europameisterschaften gewinnt sie zweimal Gold mit der Kugel und mit dem Diskus. Sie erfüllt die Norm. Aber eigentlich gewinnt Heidi, „um dafür ein freundschaftliches ,Das hast du toll gemacht' zu bekommen. Das waren Worte, nach denen ich gegiert habe.“ Da ist Heidi schon 18 Jahre alt. Ihre Bestleistungen liegen bei 19,03 Meter im Kugelstoßen und 61,98 Meter im Diskus. Aber die schönen Worte verlieren zu schnell ihre Wirkung.
1820 Milligramm Oral-Turinabol in 22 Wochen
Der Körper, in dem sie steckt, verändert sich immer weiter. Schon im Jahr 1982 bekommt Heidi in gut drei Monaten 885 Milligramm Oral-Turinabol. Die blauen Pillen sind der Beschleuniger, den der DDR-Staatsplan 14.25 hervorbringt. Es geht dabei um ein großangelegtes Programm des immer effektiveren Dopings. Der Sportmedizinische Dienst übergibt die Pillen an die Trainer, die verabreichen sie ihren Athleten. Ein Jahr später sind es 1820 Milligramm in 22 Wochen.
Es gibt aber auch einen Wissenschaftler in Leipzig, der sich sorgt wegen der Hormonbomben, die im Körper von Heidi zum Einsatz kommen. Mehr als 1000 Milligramm Anabolika im Jahr sollten auf keinen Fall in den noch nicht vollständig ausgebildeten Körper verabreicht werden, heißt es in einer vertraulichen Expertise. Aber das ändert nichts. Im Jahr 1984 wird die Dosis auf 2590 Milligramm gesteigert. Das ist die doppelte Menge an Testosteron, die ein Mann in dieser Zeit produziert. Die Kugel fliegt über zwanzig Meter, und Heidi bekommt für den dritten Platz bei den Europameisterschaften in der Halle auf die Schulter geklopft. „Ich wollte unbedingt Anerkennung. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich ankomme.“
Im Sinne des Doping-Staatsplans ist Heidi perfekt präpariert
1986 gewinnt Heidi Krieger in Stuttgart die Europameisterschaft. Sie ist im Sinne des Staatsplans perfekt präpariert. Alles geht im Neckarstadion wie von selbst. Sie stößt die Kugel im ersten Versuch auf 21,10 Meter. Sie verbessert ihre Bestleistung um 37 Zentimeter und kehrt mit der Goldmedaille zurück. Erich Honecker schickt noch am Wettkampfabend ein Telegramm an die „liebe Sportkameradin Heidi Krieger“. Der Körper der lieben Sportkameradin aber wird immer männlicher und zeigt die Folgen des rücksichtslosen Umgangs: Schäden an Rücken, Hüfte und Knie machen sich bemerkbar, mit großen Leistungen wird es nichts mehr. 1991 hört Heidi Krieger, 1,87 Meter groß und 100 Kilo schwer, mit dem Leistungssport auf.
Es dauert noch Jahre, bis sie versteht, was mit ihr passiert ist. Sie verdrängt, dass das Buch von Brigitte Berendonk exakt belegt, was Heidi Kriegers Körper zugefügt worden ist. Ihre Mutter hatte Heidi das Buch 1991 gezeigt, aber die glaubte, der Westen wolle nur die Leistungen der DDR schlechtmachen. Ein Jahr später zieht Heidi Krieger mit einer Frau zusammen. Die Konfusion legt sich nicht: „Ich dachte bis 1995, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass es an mir liegt. Ich mag Frauen. Ich bin nicht lesbisch. Ich hatte dafür keinen Namen.“
„Es liegt nicht an mir. Ich bin nicht schuld“
Dann erfährt sie etwas von Transsexualität - und was eine Operation bewirken kann. Heidi Krieger geht diesen Weg und nennt sich von nun an Andreas. Er muss kurz darauf vor Gericht aussagen. Es geht um Unrecht im DDR-Sport. Er ruft Professor Franke an und fragt: „Hat das Zeug aus mir einen Andreas gemacht?“ Franke sagt ihm, dass es Teenager gibt, die in der Pubertät in der Geschlechterrolle noch nicht festgelegt sind; dann können diese Mittel wie ein Katalysator wirken. Da wusste Andreas Krieger: „Es liegt nicht an mir. Ich bin nicht schuld.“ Er wird wütend und beginnt zu kämpfen.
In dieser Zeit, sagt er, rät er niemandem von der alten DDR-Sportgarde, in seine Nähe zu kommen. Er kann für nichts garantieren. Die Wut legt sich, und er geht vor Gericht. Bei dem Prozess im Jahr 2000 gegen Manfred Ewald, den ehemaligen Sportchef der DDR sowie gegen Manfred Höppner, den stellvertretenden Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, legt er dann das Foto von Heidi auf den Tisch. Von der Heidi, die es nicht mehr gibt.
In Harting sieht Krieger einen Gorilla
Es ist der heißeste Tag des Jahres 2009, und Andreas Krieger erzählt an diesem Tag wieder seine Geschichte. Es ist der Tag, an dem die „Heidi-Krieger-Medaille“ während der Leichtathletik-Weltmeisterschaft an Menschen vergeben wird, die sich in Ost und West couragiert dem Doping widersetzten (siehe:Anti-Doping-Auszeichnung: „Ich bitte Euch ganz ernsthaft, kein einziges Mittelchen zu schlucken“) . Andreas Krieger gibt zahlreiche Interviews, auch Reporter aus dem Ausland sind gekommen. Das Thema Doping lässt ihn nicht los, in diesen Tagen und Wochen ist es präsent wie lange nicht mehr. Es ist mittlerweile in Trainererklärungen nur noch von „sogenannten Doping-Opfern“ die Rede.
Krieger hat das Gefühl, dass aus Opfern Täter gemacht werden. Und dann kam auch noch die Sache mit Robert Harting, der den Opfern bei der WM drohte (siehe: Robert Hartings Eklat: „Hoffe, dass der Diskus Richtung Brille springt“). „Er sagt, dass er gegen Doping ist - und schimpft dann auf Doping-Opfer. Er hat den tieferen Sinn unserer Aktion nicht verstanden. Doch wenn sich sein Trainer wegdreht, was kann man dann von seinem Ziehsohn erwarten?“, sagt Krieger. Den Wettkampf aber hat er sich trotzdem angeschaut. Was er sah, war kein Held, sondern ein Gorilla. Einer, der auf Schwächeren rumhackt.
Andreas Krieger wirkt an diesem Tag ganz bei sich, aufgeräumt, wie man so sagt. Auf einer Parkbank sitzen seine Frau und die Tochter, „meine Glücksfälle“, wie er sagt. Das Mädchen ist 22 und hat ihm Brote geschmiert für den langen Tag. Krieger imponiert immer wieder ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein. Er ist überzeugt, dass sie es im Leben immer schaffen wird. „Sie streitet sich mit ihren Freundinnen, und da knallen auch mal die Türen. Aber sie kommen immer wieder zurück. Wie macht sie das, kann sie zaubern?“, fragt sich Andreas Krieger. Er sagt dann wie zu sich: „So wäre ich früher auch gern gewesen.“