15.07.2009 · Einen Monat vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin ist von erhöhter Temperatur oder gar WM-Fieber nicht viel zu spüren. Ein schlüssiges Gesamtbild ergibt sich nicht so recht, dabei steht für die Sportart in Deutschland einiges auf dem Spiel.
Von Claus DieterleEinen Monat vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin ist von erhöhter Temperatur oder gar WM-Fieber nicht viel zu spüren. Wenn die Stirn bei manchem heiß wird, dann eher aus Sorge, dass da etwas anbrennen könnte beim sportlichen Großereignis des Jahres. Die Kartennachfrage läuft eher schleppend, die Hauptstadt-Hoteliers verzeichnen nicht gerade großen Andrang für die WM-Tage, und Umfragen besagen, dass nur jeder fünfte Deutsche überhaupt weiß, was da im August im Olympiastadion stattfindet. Die Road-Show genannte Werbetour durch deutsche Städte scheint daran nicht viel zu ändern, und die Berliner zeigen ihrer bevorstehenden WM bislang die kalte Schulter. Da wächst die Unruhe, zumal auch Usain Bolt, der angebliche Retter der kriselnden Leichtathletik, keine große Anziehungskraft zu besitzen scheint. Sonst wären die Tickets für den großen Sprint-Showdown am ersten WM-Sonntag doch längst vergriffen.
Vielleicht wissen die Leute aber auch gar nicht, wann der Jamaika-Blitz auftritt. Das wäre dann eine Werbepanne. So richtig ins Auge gestochen ist einem die große WM-Kampagne jedenfalls bislang nicht. Womöglich liegt es auch daran, dass ihr so etwas wie ein unverwechselbares Gesicht fehlt. Dafür gibt es gleich 17 deutsche WM-Gesichter von Ariane Friedrich bis Robert Harting. Von denen sich die einen beschweren, weil sie zu wenig in die WM-Promotion eingebunden seien, während andere abwinken: zu wenig Zeit. Ein schlüssiges Gesamtbild ergibt das alles nicht so recht. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so, dass selbst die große Leichtathletik keine Stadien dieser Größenordnung mehr füllen kann. Oder nur dann, wenn man über Rabatte und Sonderaktionen mit Freikarten Kapazitätskosmetik betreibt.
Für die Leichtathletik hierzulande ist diese WM jedenfalls ein Schlüsselereignis. Die olympische Kernsportart ist gerade dabei, sich auch dank der im Zuge der Heim-WM fließenden Fördergelder aus dem Olympia-Tief zu arbeiten. Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung werden kann, hängt neben der Leistung stark von der Stimmung und der öffentlichen Wahrnehmung der WM ab. Und damit auch vom Fernsehen, das die Leichtathleten zunehmend aus dem Blick verloren hat. Ein volles Olympiastadion würde für die Sicherung des Leichtathletik-Standorts Deutschland – wo es nur noch drei Stadien von internationalem Zuschnitt mit Laufbahnen gibt – überzeugende Argumente liefern. Es steht also einiges auf dem Spiel in Berlin. Ob da nicht selbst ein starke Schluss-Offensive schon ein wenig zu spät kommt?