21.08.2009 · 1963, in den Anfängen des großen Dopingzeitalters, schreibt die Leipziger Rudertrainerin Johanna Sperling einen Brief an ihre „Sperlinge“, ihre Sportlerinnen, und bittet sie eindringlich, sich nicht dem Dopingdruck zu beugen. 46 Jahre später wird Sperling für ihren Brief und ihre Haltung ausgezeichnet.
Von Michael Horeni, BerlinDer Hörsaal 6 im Virchow-Klinikum in Berlin liegt im Keller. Es ist ein fensterloser Raum, 13 Sitzreihen steigen steil nach oben. Nur wenige Plätze sind besetzt. Wenn auf dem Tisch nicht eine Trophäe aus Kristall stünde und in den ersten Reihen einige Kameras, ahnte man nicht, dass in dem schmucklosen Vorlesungsraum eine Feierstunde für vier couragierte Kämpfer aus dem Osten und Westen des Landes gegen Doping stattfindet.
Der Verein der Dopingopfer vergibt die „Heidi-Krieger-Medaille“, und es könnte dafür eigentlich keinen passenderen Tag geben. Am Abend zuvor hat ein paar Kilometer entfernt Robert Harting im Olympiastadion die Weltmeisterschaft im Diskuswurf gewonnen, zwei Tage nachdem er die Dopingopfer scharf angegriffen hatte. Die deutschen Dopingbekämpfer sind aber auch an diesem Morgen weitgehend unter sich. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ist nicht zur Feierstunde erschienen und auch kein Mitglied des Sportausschusses des Bundestags.
Der Verein hat auch versucht, Robert Harting einzuladen, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich bei den Dopingopfern zu entschuldigen. Aber das Telefon des Weltmeisters blieb stumm. Andreas Krieger allerdings, der 1986 bei den Europameisterschaften in Stuttgart vor seiner geschlechtsangleichenden Operation als Heidi Krieger den Titel gewann und dem Preis seinen Namen gab, hat trotzdem eine Botschaft an den Weltmeister von heute. „Harting soll sich öffentlich entschuldigen bei den Dopingopfern, seine Prämie für Dopingopfer zur Verfügung stellen und sich im Kampf gegen Doping engagieren“, sagt Krieger. Er rechnet nicht damit.
In der vierten Reihe des Hörsaals, ganz am Rand, sitzt Johanna Sperling. Sie ist 77 Jahre alt und hört aufmerksam zu, als Werner Franke eine donnernde Anklage auf die Dopingsysteme in Ost und West erhebt. Die Rede hätte auch eine einfühlsame Laudatio auf vier Menschen werden können, die sich jeweils auf ihre Weise den jeweiligen Dopingsystemen widersetzten. Johanna Sperling und Henner Misersky aus dem Osten, Hans-Jörg Kofink und Horst Klehr aus dem Westen.
Ein Brief von den Anfängen des Dopingzeitalters
Henner Misersky, der Vater von Biathlon-Olympiasiegerin Anke Misersky, hat sich auch vor der Wende stets gegen Doping ausgesprochen und wurde gemobbt. Hans-Jörg Kofink war Anfang der siebziger Jahre Bundestrainer im Kugelstoßen. Er trat zurück, weil er der Meinung war, dass seine Athletinnen ohne Doping die Norm nicht schaffen könnten. Horst Klehr, ein Apotheker und Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, profilierte sich als entschiedener und unbequemer Anti-Doping-Kämpfer in den siebziger und achtziger Jahren.
Johanna Sperling indes hat ihre Haltung in einem Brief zum Ausdruck gebracht, den sie vor fast einem halben Jahrhundert geschrieben hat, in den Anfängen des großen Dopingzeitalters. Eine ehemalige Athletin hat ihn aufgehoben. Den Brief hat die Leipziger Rudertrainerin 1963 an die „Sperlinge“ adressiert, ihre Athletinnen im Trainingslager der Ruderauswahl der DDR in Berlin-Grünau. Es ist „das erste Dokument eines individuellen Widerstands“, wie Dopingbekämpfer Franke in seiner Würdigung hervorhebt.
„An der eigenen Willensstärke erleidet ihr keinen Schaden“
Der Brief gibt Zeugnis davon, dass man sich als Trainer auch in der DDR dem Dopingdruck nicht immer beugen musste. „Sie haben die Courage zu widerstehen und eine erstaunliche literarische Begabung“, sagt Franke und zitiert aus einem Dokument von eindringlicher Kraft: „Noch eins“, schreibt Johanna Sperling damals. „Ich bitte Euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das Eure Leistung angeblich steigert, und wenn es als noch so harmlos, als vollkommen unschädlich oder wunderwirkend Euch gepriesen wird. Auch wenn man Euch sagt, dass Ihr dann die Einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück, seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an Eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet Ihr keinen Schaden, und davon habt Ihr genügend zur Verfügung. Ich kann Euch Beispiele nennen, welche Auswirkungen solche Mittel der Wettkampfvorbereitung hatten - jetzt würde das zu weit führen, glaubt mir nur so viel, dass es nie gut ist.“
Johanna Sperling konnte sich gar nicht mehr recht daran erinnern, dass sie damals den Brief geschrieben hat, sagt sie in Berlin. „Erst als ich ihn gesehen habe, musste ich zugeben, dass er von mir ist. Ich habe das damals auch nicht als heroische Leistung gesehen.“ Sie war damals zuständig für die besten Ruderinnen beim SC DHfK Leipzig, aber ein paar Jahre später wurde sie zum Nachwuchs zurückversetzt. „Ruderinnen haben zu mir gesagt, dass ich zu hart mit ihnen umging. Sie wollten weniger trainieren. Sie haben aber nie gesagt, warum bei anderen Trainern weniger trainiert wurde“, sagt Johanna Sperling. Das sei ihr erst später klargeworden.
Sie selbst war mehrfache Meisterin der DDR und glaubte an den Sozialismus. Aber ihr fiel irgendwann auf, dass die anderen Trainer mit ihr nie über Doping sprachen. Sie hat sich dann „sehr zurückgezogen“, wie sie sagt, „nicht nur vom Rudern“. Mit den ehemaligen Kollegen von einst hat sie keinen Kontakt, sie meidet ihn bewusst. „Es ist mir unangenehm, mit diesen Leuten zusammenzukommen, weil keiner diese Sachen offen bespricht“, sagt sie. Das Wort Doping nimmt Johanna Sperling nicht einmal in den Mund.