25.01.2009 · Ab Mittwoch dieser Woche trifft sich die Wirtschaftselite in den Schweizer Bergen. 2500 Manager und Politiker suchen nach Orientierung - so viele wie nie. Gerade alte Männer wie Helmut Schmidt, Paul Volcker oder George Soros genießen neues Vertrauen. Denn sie wissen noch, wie es war, als es zum Schlimmsten kam.
Von Georg Meck und Winand von Petersdorff"Aufs und Abs und ökonomische Blasen hat es seit den Höhlenmenschen gegeben", sagt Ökonom Paul Samuelson, der zwangsläufig in historischen Perspektiven denkt. Er ist 1916 geboren, 13 Jahre vor jener Finanzkrise, die bis kürzlich als schwerste überhaupt galt. Die aktuelle Depression allerdings könnte schwerer werden, sagte Samuelson jüngst. Er hat Vergleichsmöglichkeiten: Aktiv wurde der brillante Ökonom 1932 auf dem Tiefpunkt der Krise als Mitarbeiter der amerikanischen Notenbank. Später beriet er die Kennedy-Regierung. Sein Programm war immer keynesianisch: Mit Fiskalpolitik und Staatsausgaben muss die Marktwirtschaft stabilisiert werden, die sonst verrückt spielt. Sein Draht zur neuen Administration ist bestens: Neffe Larry Summers wird Barack Obamas Chefberater für Wirtschaftsfragen.
Keynesianische Politik ist en vogue wie seit Roosevelt nicht mehr: Mit solchen Programmen versuchen gerade die Regierungen aller Industrienationen, ihre Volkswirtschaften zu retten.
Spektakuläres Comeback
Jetzt, da sich die Welt verdüstert, erleben greise Weise und ihre Ideen ein spektakuläres Comeback. Sie bestimmen die öffentlichen Debatten, sie geben den Ton für den Wirtschaftsgipfel in Davos (28. Febraur bis 1. März) vor. Schmückte man sich dort in den vergangenen Jahren mit den Jungspunden der Web-2.0-Welt, so ist jetzt eine neue Ernsthaftigkeit gefragt: Senioren statt Milchbubis. Wer nicht mindestens ein halbes Dutzend Konjunkturzyklen am eigenen Leib erlebt hat, hat es plötzlich schwer. Die Welt lechzt nach Erfahrung, in Davos wie anderswo, in der hilflosen Annahme: Wenn uns jemand aus den aktuellen Wirren führt, dann die Alten.
So gehört Paul Volcker (81), früher Notenbankchef und nicht mehr so weit davon entfernt, ins schwarze Loch der Vergessenheit zu rutschen, zu den wichtigsten Beratern der Obama-Administration. Der ehemalige Bundeskanzler und Finanzminister Helmut Schmidt, 90, wird in diesen Tagen in Deutschland gefeiert, als habe er Friedens- und Ökonomienobelpreis gleichzeitig gewonnen. Sein frisches Buch "Außer Dienst" steht ganz oben auf den Bestsellerlisten. Seine Abrechnung mit den Akteuren der Finanzmärkte und der Regulierung in der Wochenzeitung "Zeit" fand zustimmende Leser, darunter den Linkspopulisten Oskar Lafontaine, der Schmidts Thesen für eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte und Banken als Antrag seiner Partei in den Bundestag einbringen will.
Lebendiger Geist eint sie
Was die alten Männer eint, ist ihr lebendiger Geist, ihre Bereitschaft, rücksichtslos abzurechnen, und die Erfahrung in Krisen jeder Art. Helmut Schmidt hat in verantwortlicher Position Sturmfluten, Terrormorde, Regierungs- und Wirtschaftskrisen und vor allem einen Krieg erlebt und überlebt. Gnadenloser Pragmatismus bestimmte seinen Regierungsstil, Dauer-Skepsis prägte seine Rhetorik. Visionäre wollte Schmidt zum Arzt schicken. Er bewährte sich nicht als Stratege, sondern als Nothelfer. Diese Fähigkeit ist jetzt gefragt. Sein Bruder im Geiste ist der frühere amerikanische Notenbank-Chef Volcker, der seinen Skeptizismus über neue Finanzprodukte voriges Jahr zu einem rhetorischen Höhepunkt trieb mit einer der meistzitierten Reden der Finanzkrise: Die Finanzwirtschaft habe sich zu einem hochkomplizierten System entwickelt, das zu seinem größten Teil außerhalb staatlicher Kontrolle stehe. Zwar habe es riesige Gewinne abgeworfen. Doch fehle der Nachweis, dass die neue Finanzwelt der Volkswirtschaft und der Gesellschaft genützt habe. Wachstum und Produktivität entsprächen den Kennzahlen der fünfziger und sechziger Jahre, nur dass damals Reichtum besser verteilt war.
„Finanzsystem hat den Markttest nicht bestanden“
Und dann kommt jener Satz, der wie eine Nadel in eine große Blase sticht: "Einfach ausgedrückt: Das glänzende neue Finanzsystem mit all seinen brillanten Akteuren und seinen großen Vergütungen hat den Markttest nicht bestanden."
Dass das Alter keine Garantie auf Ruhm gibt, zeigt der Abstieg einer anderen Legende: an Greenspan, der nicht weit von seiner Heiligsprechung entfernt war, erntet nun kübelweise Kritik für seine expansive Geldpolitik und seinen Widerstand gegen Regulierung.
Die Kurve bekommen hat dagegen George Soros, der als Spekulant eigentlich die besten Voraussetzungen mitbringt, auf der Reputationsstufe von Gaunern zu landen. Mit Hilfsprogrammen hat er armen Ländern in Osteuropa geholfen. In seinem neuen Buch, das die Bestsellerränge erobert, erklärt er seine Sicht auf die Finanzmärkte. In Davos, so viel scheint sicher in den unsicheren Zeiten, ist er einer der gefragtesten Gesprächspartner.
Aus der Gästeliste
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos rechnet dieses Jahr mit einer Rekordbeteiligung: Mehr als 2500 Teilnehmer aus 96 Staaten werden vom 28. Januar bis 1. Februar über Ursachen und Folgen der Finanzkrise diskutieren. „Die Welt nach der Krise gestalten“ lautet das Motto der Konferenz, die prominenter besetzt ist denn je. 48 Staatschefs und 200 Regierungsmitglieder haben ihren Besuch angekündigt. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin wird die Eröffnungsrede halten. „Der chinesische Premierminister Wen Jiabao reist mit zehn Kabinettsmitgliedern an“, sagt WEF-Gründer Klaus Schwab. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zugesagt, ebenso Japans Ministerpräsident Taro Aso, Großbritanniens Premier Gordon Brown und Domínique Strauss-Kahn, Präsident des Internationalen Währungsfonds. Die neue amerikanische Regierung ist durch Barack Obamas Wirtschaftsberater Larry Summers vertreten, ein Stammgast in Davos seit Jahren. Aus den Führungsetagen internationaler Konzerne kommen unter anderen Microsoft-Gründer Bill Gates, Stahl-Milliardär Lakshmi Mittal und Medienunternehmer Rupert Murdoch.
Die Riege der Vorstandschefs von Dax-Konzernen reist fast geschlossen in die Berge: Josef Ackermann (Deutsche Bank), Frank Appel (Deutsche Post), Peter Bauer (Infineon), Wulf Bernotat (Eon), Nikolaus von Bomhard (Münchener Rück), Eckhard Cordes (Metro), Reto Francioni (Deutsche Börse), Jürgen Großmann (RWE), Jürgen Hambrecht (BASF), Peter Löscher (Siemens), Herbert Lütkestratkötter (Hochtief), René Obermann (Deutsche Telekom), Kasper Rorsted (Henkel), Ekkehard Schulz (Thyssen-Krupp), Werner Wenning (Bayer), Martin Winterkorn (VW).
Goerge Soros?!?
Alexis Schweitzer (alexisschweitzer)
- 25.01.2009, 19:32 Uhr
Sehnsucht nach dem Weiter-So in der bequemen Crash-folgt-Crash-Ordnung
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)
- 25.01.2009, 21:34 Uhr
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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