28.01.2009 · An diesem Mittwoch startet das Weltwirtschaftsforum in Davos. Doch das Wirtschaftstreffen wird dieses Jahr zum Krisentreffen. Denn es geht um nichts weniger als um die Gestaltung einer neuen Welt.
Von Carsten KnopDer wichtigste Mann des Weltwirtschaftsforums ist in diesem Jahr Barack Obama. Der neue amerikanische Präsident und seine Politik werden die Gespräche der Teilnehmer des Gipfeltreffens in Davos beherrschen. Aber Obama selbst wird nicht kommen. Und auch aus seiner engeren Umgebung wird wohl nur seine Vertraute Valerie Jarrett der Einladung des WEF-Gründers Klaus Schwab folgen. Wer immer aus dem Umfeld Obamas letztlich in die Schweiz reist, wird umso mehr Zuhörer finden. Denn nicht nur die 40 Staats- und Regierungschefs, die das Kongresszentrum und die Hotels in der Umgebung bevölkern, wollen sich so schnell wie möglich eine Meinung über die künftige amerikanische Wirtschaftspolitik bilden – auch die mehr als 1400 Chefs großer Unternehmen treiben inmitten der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten kaum andere Fragen um.
Natürlich geht es ihnen in diesen Tagen vor allem um die konkreten Details künftiger regulatorischer Eingriffe des Staates, um die nächsten Schritte zur Rettung der Banken und um die Frage, wie viele Milliarden Dollar die Amerikaner in ihre Industrie pumpen werden, damit die Bänder in den Fabriken nicht (noch länger) stillstehen. Vielleicht finden sie die meisten Antworten Obamas auf diese Fragen aber schon nach einer genauen Lektüre seiner Antrittsrede, die er in der vergangenen Woche gehalten hat. Seine Formulierungen sagen den Zuhörern und Lesern zwar nicht, was er morgen und übermorgen im Detail entscheiden wird. Sie geben aber Aufschluss darüber, wie sich Obama die Welt nach der Krise vorstellt, und über den Weg, den es zu beschreiten gilt, um die Krise zu bewältigen. Damit hat er, vermutlich eher unfreiwillig, eine Rede gehalten, die zum Thema des diesjährigen Gipfeltreffens in den Schweizer Bergen nicht besser passen könnte, geht es in den kommenden Tagen bis zum 1. Februar doch genau darum. „Shaping the post-crisis world“ ist das Motto, frei auf Deutsch übersetzt also: Die Welt nach der Krise gestalten.
Alle Themen angesprochen
Obama hat in seiner Rede zudem alle Themen angesprochen, die seit Jahren ohnehin regelmäßig die Diskussionen in Davos beherrschen. Dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten geht es um eine verbesserte Zusammenarbeit und ein besseres Verständnis unter den Nationen dieser Welt. Obama strebt Allianzen an, die auf langfristigen Überzeugungen beruhen in einer Welt, die nicht zuletzt durch technische Fortschritte (die in Davos stets ein großes Thema sind) immer enger zusammenwächst. Obama pocht auf Werte wie Ehrlichkeit und harte Arbeit, auf Mut und Fairness, auf Toleranz und Neugier, auf Loyalität und Vaterlandsliebe. Er fordert eine neue Ära der Verantwortlichkeit.
Er spricht damit vielen Menschen aus der Seele. Nicht nur denen, die in den vergangenen Monaten Geld an der Börse verloren haben, sondern auch denen, die in diesen Tagen ihren Arbeitsplatz verlieren, deren Unternehmen sparen muss oder gar in die Insolvenz geht. Er spricht für Menschen, die schon seit Wochen kurzarbeiten müssen – und diejenigen, die davon vielleicht noch nicht betroffen sind, aber sich fragen, wann es sie erwischen könnte. Denn noch ist im Alltag der Menschen an die Gestaltung der Welt nach der Krise noch nicht zu denken, gilt es doch, zunächst die Fehler derjenigen auszubügeln, die die Krise verursacht haben: die Fehler verantwortungsloser Finanzjongleure eben, die in den Augen der meisten ihren vormaligen Reichtum eben nicht mit der Hilfe harter Arbeit ehrlich erschaffen haben, denen es an Mut und Fairness gefehlt hat, die ihrer Verantwortung offensichtlich nicht nachgekommen sind.
Auch künftig an die Segnungen der freien Märkte glauben
Darum geht es Obama – und auch den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums: Dass die Menschen auch künftig an alle Segnungen glauben, die freie Marktkräfte in einer globalisierten Welt für die Menschen entfalten können. Dafür aber bedarf es Führungskräften, die mit diesen Segnungen verantwortungsbewusst umgehen können, und, auch das hat Obama schon gesagt, einiger neuer Regeln, die dem Handeln der Verantwortlichen wieder einen zeitgemäßen Rahmen geben.
Obama, ohnehin ein Freund historischer Vergleiche, schreckt in dieser Hinsicht vor dem Blick auf größte Vorbilder nicht zurück. Er erinnert daran, wie die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika ihren Bürgern die Regeln gaben, die auch heute noch die Grundlagen für Recht und Gesetz in einem freien Land sind. Hieran will er in seiner Regierungszeit anknüpfen und versucht, den Menschen den Mut zu geben, der dafür nötig ist, dunkle Zeiten zu überstehen: Nein, die Fabriken und die Menschen, die in ihnen arbeiten, sind durch die Krise nicht unproduktiver geworden, als sie es zuvor waren, und auch die handwerklichen oder geistigen Fähigkeiten sind nicht geringer geworden.
Wie stark darf ein Staat in schweren Zeiten werden?
Und der Präsident hat auch gleich eine Antwort auf zwei weitere Diskussionen, die in den kommenden Tagen nicht nur die Teilnehmer des Treffens in Davos beschäftigen, sondern schon seit Monaten heiß diskutiert werden: Wie stark darf ein Staat in schweren Zeiten werden? Und sind die Kräfte des Marktes gut oder schlecht? Seine Antworten kommen wie aus dem Buch mit vielen klugen Thesen, das die Veranstalter des Forums den Teilnehmern vorab zugeschickt haben. Es geht für ihn (ebenso wie für die Autoren des Forum-Buchs „The Gobal Agenda 2009“) nicht darum, ob ein Staat zu viel oder zu wenig macht, sondern ob er funktioniert. Und es besteht für ihn auch kein Zweifel daran, dass es kein besseres Wirtschaftssystem als die Marktwirtschaft gibt. Es gelte allerdings, ein wachsames Auge darauf zu haben, dass der Markt nicht außer Kontrolle gerät. Und eine Nation könne auch nicht reich werden, wenn sie nur den Reichen diene.
Es geht also, und so schreiben es auch die Autoren des WEF-Buchs, um ein komplementäres Verhältnis von Staat und Markt. „Der neue amerikanische Präsident steht, so denke ich, für eine verstärkte Kooperation, ein übergreifendes Denken und die Abkehr von Schwarzweißmustern“, hat Schwab im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt: „Daneben repräsentiert er ein neues Zeitalter, in dem die wissenschaftliche Entscheidungsfindung und die soziale Verantwortung auch von globalen Eliten eine sehr viele größere Rolle spielen werden.“ Das fließe entsprechend in die Beratungen von Davos ein.
Davos pur
Obama spricht also Schwab und wohl auch den meisten seiner Gäste aus dem Herzen: Brücken und Straßen sollen gebaut, Stromnetze und die digitale Infrastruktur modernisiert, die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft gestärkt, alternative Energiequellen stärker angezapft und die Schulen und Universitäten modernisiert werden. Zugleich sollen die Bauern in Entwicklungsländern unterstützt und ihnen der Zugang zu sauberem Wasser gesichert werden. Das ist, wenn man so will, Davos pur. Und hatte man in den vergangenen Jahren als Besucher des Weltwirtschaftsforums den Eindruck, diese hehren Themen würden nach den schönen Tagen in den Bergen schnell an den Rand der grauen Aktualität des Alltags gedrängt, so könnte es dieses Mal umgekehrt sein: Die (Tages-)Schwierigkeiten lassen die großen Themen zunächst unwichtiger erscheinen, tatsächlich sind es aber wohl gerade diese Aufgaben, mit deren Erledigung sich die Volkswirtschaften dieser Welt aus der Krise befreien – und die Welt danach formen können.
Dass es nötig ist, diese positive Grundüberzeugung auch wirklich zu vermitteln, zeigt eine Umfrage unter mehr als 800 Managern der obersten Führungsebene, aus der das Beratungsunternehmen Booz & Co. jüngst eine Studie zusammengestellt hat. 40 Prozent der Befragten gehen nämlich – ganz im Gegensatz zu den malerischen Vorstellungen Obamas über eine bessere Welt – davon aus, dass es im Zuge der Krise zu einer drastischen Verringerung der Aktivitäten in den Bereichen Umweltpolitik und sozialer Verantwortung kommen wird. Das betreffe vor allem die in diesem Sektor einflussreichsten Branchen Energie und Transportwesen. Schlimmer noch: Nur 60 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass ihr Unternehmen ein tragfähiges Konzept hat, um in der Krise zu bestehen. Und immerhin 20 Prozent der Manager unterhalb der Ebene des Vorstandsvorsitzenden trauen der obersten Führungsebene nicht zu, entsprechende Maßnahmen erfolgreich umzusetzen. Gelingt es den Politikern und den vielen Vorstandsvorsitzenden, die sich in Davos versammeln, nicht, eine gegenteilige Überzeugung zu vermitteln, steuert die Welt genau in die Richtung, die bei der Gestaltung der Zeit nach der Krise besonders unerwünscht wäre.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
Jüngste Beiträge