29.01.2009 · Davos zieht Gutmenschen an: Sie glauben, dass die Finanzkrise Stiftungen belasten, aber nicht stoppen wird. Gelder aus den staatlichen Konjunkturprogrammen sollten gleichwohl zu einem festen Prozentsatz für arme Bevölkerungsschichten reserviert werden.
Von Carsten Knop, DavosIst das ein Zeichen der Krise: Wenn viele Flugzeuge der reichen Besucher des Weltwirtschaftsforums auf Flughäfen geparkt sind, die von den Schweizer Bergen so weit entfernt sind wie Mailand? Das fragt sich der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton. Ist man arm, wenn man durch die Finanzkrise Milliarden verloren hat, aber immer noch über ein Vermögen von Milliarden verfügt? Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus stellt diese Frage nur rhetorisch. Ist es möglich, zum Beispiel in China genug Millionäre zu finden, um den Vermögensverlust von 20 Prozent auszugleichen, den die Stiftungsvermögen im Zuge der Finanzkrise bisher erlitten haben? Bill Gates, der Mitbegründer des Softwarekonzerns Microsoft, glaubt daran.
Gleichgültig ob Clinton, Yunus oder Gates: Sie sind davon überzeugt, dass die Krise kein Grund dafür sein darf, das Engagement für die gute Sache zurückzustellen. „Menschen sind doch viel mehr als Maschinen zum Geldverdienen“, sagte Yunus auf einer gemeinsamen Veranstaltung am Rande des Forums. Deshalb sei ein Bill Gates schließlich so ein großer Stifter geworden. Der Kapitalismus sei zwar das einzige Wirtschaftssystem, das funktioniere, ist sich Yunus mit dem Multi-Unternehmer Richard Branson (Virgin) einig: „Allerdings muss der Kapitalismus um Dimensionen erweitert werden, die mehr Facetten des menschlichen Wesens ansprechen“, wünscht sich der Friedensnobelpreisträger Yunus.
„So etwas muss doch vom Herzen kommen“
Der Zahlenmensch Gates erwiderte darauf trocken, er sei zu jedem Zeitpunkt seines Lebens „immer ein gleich guter oder gleich schlechter Mensch geblieben“ und er glaube auch nicht, dass es viele Menschen gebe, die nun gerade wegen der Krise mehr Geld spendeten als zuvor: „So etwas muss doch vom Herzen kommen“, sagte Gates. Die Gründe der Krise seien auch nicht ausschließlich auf der moralischen Ebene zu suchen: „Wir werden niemals den einen Schuldigen finden. Die Wirtschaft bewegt sich eben in Zyklen.“
Da es sich derzeit aber um einen deutlichen Abschwung handle, bestehe tatsächlich die Gefahr, dass die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten träfen - und die Stiftungen damit überfordert seien, die Folgen zu mildern. Somit komme dem Staat auch in dieser Hinsicht eine gestiegene Verantwortung zu. „Ich hoffe, dass Präsident Barack Obama einen festen Prozentsatz des Geldes aus seinem neuen Konjunkturpaket besonders für die Menschen vorsieht, die für die Krise zwar nichts können, nun aber ihren Arbeitsplatz verlieren“, sagte Clinton. Nach der Ansicht von Yunus sollte dieser Anteil sogar bei 10 Prozent des Umfangs eines jeweiligen staatlichen Rettungspakets liegen.
Clinton appellierte an die Stiftungen, in der Krise ihre Aufgaben nach Wichtigkeit zu ordnen: „Erstens geht es darum, in den Entwicklungsländern die Menschen am Leben zu erhalten. Zweitens muss die Wirtschaft der ärmsten Länder trotz Krise weiter wachsen. Drittens muss die Zahl derjenigen, die sich mit ihrem Geld für wohltätige Zwecke engagieren, gesteigert werden.“ Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die Menschen im wirtschaftlich eher rückständigen Nordirland in Großbritannien seit jeher die größten Spender seien: „Das zeigt doch, dass man wegen einer Krise nicht aufgeben muss.“
Eine Frage des Vertrauens
Nicht aufgegeben hat vor allem Yunus, der den Friedensnobelpreis für die wirksame Vergabe sogenannter Mikrokredite an Kleinstunternehmer in Entwicklungsländern erhalten hat, die Menschen in seinem Heimatland Bangladesch: „Man kann den Menschen in armen Ländern auch helfen, ohne dafür Geld auszugeben, dass man nie mehr wiedersieht“, sagte Yunus. So habe der französische Lebensmittelkonzern Danone gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank ein Gemeinschaftsunternehmen in Bangladesch aufgebaut, das mit Nährstoffen angereicherten Joghurt für Kinder produziere. „Damit lösen wir ein wichtiges Ernährungsproblem der Kinder in Bangladesch, und Danone hat eine sinnvolle Investition getätigt, obwohl die Joghurts sehr preiswert verkauft werden“, sagte Yunus. Ein ähnliches Projekt für den Verkauf sauberen Wassers habe er mit dem französischen Wasserkonzern Veolia umgesetzt. „Wenn man helfen will, kann man sein Geld auch in ein Geschäftsmodell investieren“, ist Yunus' Botschaft für krisengeschüttelte Unternehmen, die ihre soziale Ader deshalb nicht abtrennen wollen.
Der bekannte chinesische Filmschauspieler Jet Li (“Lethal Weapon 4, Romeo must die, Kiss oft the Dragon, Hero“) ist unterdessen optimistisch, mehr reiche Chinesen dazu zu bringen, Geld für wohltätige Zwecke einzusetzen. Ihm geht es unter anderem darum, ein Informationssystem aufzubauen. Mit dessen Hilfe sollen sich potentielle Spender zunächst darüber informieren können, welche wohltätigen Organisationen in China überhaupt vertrauenswürdig sind. Denn am Ende sei das Spenden doch eine Frage des Vertrauens - und damit stünden die Stiftung vor derselben Herausforderung wie die Unternehmen der Finanzwirtschaft, die die Krise mit ausgelöst haben.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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