05.06.2009 · Sie fällt auf. Vielleicht ist es der akkurate Schritt beim Einmarsch, vielleicht steht sie aufrechter in der Reihe. Auf jeden Fall ist es die Ausstrahlung: Kim Bui ist die erwachsene junge Frau inmitten kleiner Turnerinnen.
Von Christiane MoravetzSie fällt auf. Vielleicht ist es der so akkurate Schritt beim Einmarsch, auf den Takt der Musik genau, vielleicht steht sie einfach ein bisschen aufrechter in der Reihe der Mädchen. Möglicherweise ist es das Tempo, das sie anschlägt, wenn es ans Einturnen geht. Oder es sind jene für den flüchtigen Betrachter so seltsam zuckenden Bewegungen, scheinbar unkoordiniert, die sie am Rand der Bodenmatte vollführt, bevor sie das Startkommando der Kampfrichterinnen bekommt und mit denen sie vor ihrem geistigen Auge noch einmal die vor ihr liegende Übung simuliert. Auf jeden Fall aber ist es die Ausstrahlung: Kim Bui ist die erwachsene junge Frau inmitten kleiner Turnerinnen.
Sie ragt heraus, obwohl sie längst nicht die größte von ihnen ist. Ihre Haltung, ihr Gesicht, ihr entschlossener Gang signalisieren das Selbstbewusstsein, das Kim Bui zur erfolgreichsten Turnerin der deutschen Meisterschaften 2009 gemacht hat mit ihrem ersten Titel im Mehrkampf, mit den Siegen am Boden und im Sprung. Sie ist ganz oben angekommen. In Frankfurt hatte sie keine Oksana Chusovitina vor sich, keine Marie-Sophie Hindermann, die ihr die Aufmerksamkeit streitig machen konnten – beide Turnerinnen haben erst kürzlich nach Achillessehnen-Operationen wieder mit dem Training begonnen. Und so drückte sich in ihrer Haltung auch die Gewissheit aus, unumstritten zu sein.
„Schritt für Schritt gehe ich es an“
Sie hat die Rückschläge verkraftet, zweimal nicht für Großereignisse nominiert worden zu sein, bei den Weltmeisterschaften daheim in Stuttgart und bei den Olympischen Spielen in Peking zuschauen zu müssen. Schon für die Europameisterschaften Anfang April in Mailand hatte ihr Cheftrainerin Ulla Koch zugetraut, die Finals zu erreichen. Doch Kim Bui fehlt, so die Trainerin, der unbändige Wille, sich durchzusetzen. „Sie hat immer ihren Weg verfolgt“, sagt Ulla Koch über die Zwanzigjährige aus Ehningen bei Tübingen, die in Stuttgart bei Tamara Khokhlova trainiert. Sie habe sich auch im vergangenen Jahr enorm verbessert und durchaus das Zeug, bei großen internationalen Wettkämpfen zu überraschen. „Aber sie ist nicht eine, die sagt: ich will immer nur die Beste sein.“
Kim Bui, die Tochter einer Vietnamesin und eines Laoten, wird im Herbst ein naturwissenschaftliches Studium beginnen, an einer Universität in der Nähe ihrer Heimat. Da es voraussichtlich keine Partnerhochschule des Sports sein wird, könnte sich das Training schwieriger gestalten. „Man wird sehen, wie es läuft“, sagt sie, „Schritt für Schritt gehe ich es an.“ Das nächste Ziel sind die Weltmeisterschaften in London im Oktober. Und die Olympischen Spiele 2012? „Es ist noch eine sehr lange Zeit bis dorthin. Sie sind noch kein Ziel.“ Dass sie sich nicht festlegen wolle, heiße gar nichts – höchstens bedeutet es vielleicht: „Schließlich hängt alles davon ab, wie die Zukunft aussehen wird.“