Home
http://www.faz.net/-gad-12ya9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Stützpunkt gegen Verband Unharmonische Sportgymnastinnen

03.06.2009 ·  Eigentlich geht es in dieser Disziplin um Anmut und Schönheit. Doch auch beim Turnfest in Frankfurt wurde hinter der Fassade wieder einmal gezickt. Wie so oft, wenn es um die Rhythmische Sportgymnastik geht.

Von Christiane Moravetz
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

„Das Formblatt von Schmiden fehlt noch.“ Erst klang der Hinweis der Oberkampfrichterin über das Hallenmikrofon bittend, dann drohend – ohne Formblatt keine Teilnahme an den Gerätefinals. Das Blatt kam nicht, denn Schmiden und Karolina Raskina hatten längst entschieden, dass die Gerätefinals ohne eine der Besten stattfinden würden. „Wenn Deutschland so eine Gymnastin nicht braucht, dann muss sie auch nicht im Finale starten“, sagte ihre Trainerin Galina Krilenko mit einem Seitenhieb auf die Entscheidung wenige Minuten zuvor. Denn für Karolina Raskina war die deutsche Mehrkampf-Meisterschaft im Rahmen des deutschen Turnfestes nicht zum erwarteten Triumphzug geworden, sie musste sich mit Platz zwei hinter der schon 23 Jahre alten Annika Rejek aus Leverkusen zufriedengeben – und natürlich waren anschließend die Wertungsrichterinnen schuld. Es wurde gezickt, wie so oft, wenn es um die Rhythmische Sportgymnastik geht.

Einzel-Wettkämpfe werden international erst einmal nicht besetzt

Dabei hätte Karolina Raskina, wäre es nach dem Willen des Deutschen Turner-Bundes (DTB) gegangen, am Dienstagabend gar nicht auf der Matte stehen sollen. Seit ein paar Monaten ist sie nämlich Mitglied der Nationalmannschaftsgruppe, auf die der DTB im Hinblick auf die Olympischen Spiele in London 2012 seine ganzen Hoffnungen und Anstrengungen setzt.

Einzel-Wettkämpfe werden international in den nächsten Jahren erst einmal nicht besetzt, die Gymnastinnen sind nicht konkurrenzfähig. Karolina Raskina aber trat bei den deutschen Meisterschaften an beiden Tagen an. „Der Ehrgeiz des Stützpunktes Schmiden widerspricht zum Teil unserer Strategie“, sagte dazu Rosemarie Napp, die für den olympischen Spitzensport zuständige Vizepräsidentin. Man habe den Schmidenern empfohlen, ihre Gruppen-Gymnastinnen nicht der Doppelbelastung auszusetzen.

Nach vier Monaten war die Gruppe geplatzt

Schmiden, ein Ortsteil von Fellbach bei Stuttgart, ist das Zentrum der Rhythmischen Sportgymnastik in Deutschland. Im September vergangenen Jahres hatte mit großem Engagement und großer Begeisterung das Projekt Gruppe begonnen. Sieben Mädchen waren versammelt worden, um sich bei Cheftrainerin Katja Kotelnikova für höhere Aufgaben zu trimmen, neben den Schmidenerinnen auch Gymnastinnen aus Bremen und Halle.

Vier Monate später war die Gruppe bereits wieder geplatzt: Neele Bösche und Aleksandra Zapekina aus Bremen erschienen nach ein paar Tagen Heimaturlaub in Bremen am 2. Januar nicht mehr zum Training – ohne sich abzumelden, ein paar Wochen kam auch Laure-Tabea Marx aus Halle einfach nicht mehr zurück. Schulische und familiäre Probleme gaben offiziell bei Aleksandra Zapekina den Ausschlag; Neele Bösche wollte dann nicht die einzige Bremerin in Schmiden sein; Laure-Tabea Marx erklärte, sie habe keine sportliche Entwicklung in der Gruppe gesehen.

Die National-Gruppe turnte außer Konkurrenz

Da waren’s nur noch vier, aber fünf Gymnastinnen müssen es sein, und es wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen. Die Übriggebliebenen waren drauf und dran, das Projekt fallenzulassen. Doch „Schmiden hat noch nie aufgegeben“, sagte Monika Bauer-Bürkle, seit Jahrzehnten die gute Seele des Stützpunktes. So gesellte sich schließlich zu Camilla Pfeffer, Sara Radmann, Maike Deutschle und Karolina Raskina sogar noch Johanna Gabor, die bereits als Trainerin in Schmiden gearbeitet hatte. Und als eingeschworene schwäbische Gemeinschaft starteten die Mädchen durch. In Lauerstellung steht eine zweite Gruppe: Auch die Juniorinnen des DTB kommen aus Schmiden.

In Frankfurt turnte die National-Gruppe außer Konkurrenz bei den deutschen Meisterschaften – und lag vier Punkte vor der Meister-Gruppe des TSV Bayer 04 Leverkusen. Da zeige sich der Vorteil des gemeinsamen Trainings, vielleicht sogar der gleichen Ausbildung, sagte Rosemarie Napp. „Da haben alle die gleiche Schrittlänge, das gleiche Drehmoment, die gleiche Wurfhöhe.“ Die Ansätze sind vielversprechend – und so kann aus der Not schließlich doch noch eine Tugend werden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel