02.06.2009 · „Eine Mischung aus Tischtennis und Volleyball“, sagt Dennis Völker immer, wenn er seinen Sport erklären muss. Er spielt Prellball - mit seinem Bruder Thomas bei der TG Bornheim und beim Turnfest.
Von Alex WesthoffDie Reserve-T-Shirts haben sie schon in der Vorrunde verbraucht. Die blaue Einheitsmontur der TG Bornheim an ihren Körpern ist nicht nur verschwitzt, sie ist regelrecht aufgeweicht. Die Sporthalle der Otto-Hahn-Schule in Nieder-Eschbach hat ihre beste Zeit schon hinter sich - und so ist auch die Versorgung mit Sauerstoff. Dennis und Thomas Völker kämpfen, sie rackern, sie schmeißen sich den Bällen hinterher, sie fluchen, sie feuern sich an und sinken auf die Knie, wenn es nicht klappt. Die beiden Brüder kämpfen beim Internationalen Deutschen Turnfest um die Krone im Zweier-Prellball. Prellball? Wie? Hä? Was? Das sind die typischen Fragen - oder besser Laute -, die den Völkers entgegenschlagen, wenn sie über ihre Sportart reden.
„Ich sage mal so“, erklärt Dennis, „Prellball ist eine Mischung aus Tischtennis und Volleyball. Der Ball muss immer erst auf der eigenen Seite und dann auf der des Gegners aufkommen.“ Der eine Spieler nehme den Ball mit der flachen Hand an, der Partner bugsiere ihn dann mit der Faust wieder über das Netz. „Ich fange mit meiner Spielerklärung immer damit an, dass unser Spielfeld ungefähr dem eines Badmintonplatzes entspricht“, sagt Thomas. „Dann haben die Leute schon mal eine konkretere Vorstellung davon.“ Das Netz ist beim Prellball dagegen nur 35 Zentimeter hoch, die Spielzeit beträgt 2 mal 5 Minuten. Wer dann führt, hat das Match gewonnen.
Man bekommt immer wieder eine neue Chance
Wenn gute Spieler aufeinandertreffen, gerät Prellball zu einem intensiven, dynamischen Schlagabtausch, bei dem der klobige Ball unerwartete Beschleunigung erfährt. Im Zwischenrundenduell beim Turnfest gegen das favorisierte Team vom TV Eschersheim behakeln sich die Brüder Völker mit ihren Gegnern bis zur letzten Sekunde. Der Anhang von der TG Bornheim bibbert mit seinen Jungs in der Halle. Wenige Sekunden vor Schluss ist der Ausgleich zum Greifen nahe, doch dann versemmeln die kräftigen Brüder den Return - 32:34.
Doch das Schöne an Prellball-Wettkämpfen ist: Man bekommt immer wieder eine neue Chance. Bis zu zwölf Matches bestreiten die Besten bis zum Finale. „Solange Dennis tut, was ich sage, ist alles okay“, sagt Thomas Völker, mit 27 Jahren der Ältere, und lacht. Sie seien selten böse miteinander als spielendes Brüderpaar. Die Frankfurter haben indes nicht immer gemeinsam auf dem Court gestanden. Viele Partner seien aber nach und nach von Bord gegangen, sagt der 22 Jahre alte Dennis Völker, der beim letzten Turnfest in Berlin 2005 Turnfestsieger in der männlichen Jugend wurde. „Prellball ist halt kein Sport, der sich regen Zuwachses erfreut.“
Wie der Vater, so die Söhne
Dafür ist Zweier-Prellball beinahe ein rein hessischer Sport. 186 Teams aus 26 Vereinen sind in den hessischen Ligen gemeldet, etwa 1000 Aktive gibt es insgesamt. Die meisten davon im Rhein-Main-Gebiet. Nur im Raum Duisburg und in Wien gibt es noch weitere Enklaven dieses Sports. „Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn beim Turnfest nicht alle Titel nach Hessen gehen“, sagt Holger Schweig vom Hessischen Turnverband. Prellball ist daher auch nicht ganz überraschend die einzige Sportart, die zum Frankfurter Turnfest mehr Meldungen vorliegen hatte im Vergleich zu Berlin 2005.
Dennis und Thomas Völker kämpfen um ihre letzte Chance um den Einzug ins Halbfinale. Nur noch ein Sieg gegen Harheim. Doch das Glück ist den beiden heute nicht hold - Unentschieden, 24:24. Im Spiel um Platz fünf ist die Luft dann raus bei Thomas, dem Bankkaufmann, und Dennis, dem angehenden Bankkaufmann. Nicht nur sportlich, sondern auch beruflich treten die beiden in die Fußstapfen ihres Vaters Peter Völker. Der Volksbank-Vorstand ist auch Vorsitzender der TG Bornheim.
„Gegen den Ball schlagen kann jeder“
Als Peter Völker 1982 den Bornheimer Verein übernahm, gab es nur Prellballer und eine Frauen-Gymnastikgruppe. Prellball ist sozusagen die Keimzelle des heute mit über 18 000 Mitgliedern größten Sportvereins Hessens. Die Prellballabteilung sei noch ein „richtiger, typischer Verein“, sagt Peter Völker. Im Training spiele jeder mit jedem, von den Jüngsten bis zum über Achtzigjährigen; und einmal im Jahr unternehme man noch einen gemeinsamen Ausflug.
„Gegen den Ball schlagen kann jeder“, wirbt Dennis für seinen so wenig bekannten Sport. „Prellball ist sehr schnell zu lernen.“ Der Frust über das unglückliche Abschneiden an der Seite des Bruders war da schon wieder verraucht. „Dicke Luft verfliegt bei uns immer schnell“, sagt Dennis. Und was den Brüdern Völker verwehrt blieb, schafften schließlich noch die Frauen der TG Bornheim. Claudia Kulke und Kerstin Schlidt wurden Turnfestmeisterinnen. Da mussten die Bornheimer noch nicht mal nach einem Grund zum Feiern suchen.