03.06.2009 · Netze ohne Ende: auf 36 Beachvolleyball-Feldern wird am Rebstock gebaggert, dass der Sand staubt. Das Herz des Turnfests riecht dagegen nach Teppichboden und Turnhalle. Früher war das anders: „Da haben manche auf Beton geturnt.“
Von Tobias Rösmann, FrankfurtDas Herz des Turnfests riecht nach Teppichboden und Turnhalle. „WWK Sprung männlich“ – darum geht es hier, in der Messehalle 4.1. Ein junger Mann im engen, schwarzen Oberteil läuft an, beschleunigt, drückt sich ab vom Sprungbrett, landet mit den Armen auf dem Sprungtisch, dreht sich einmal um die Längsachse und landet. Ein Wackler noch, dann steht er – etwas neben der Matte. Er verzieht kurz den Mund, dann lächelt er und hebt den rechten Arm.
Artion Rosenbach und Wolfgang Schmidt sitzen neben der Matte am Tischchen. Sie kommen vom MTV Ludwigsburg aus Schwaben und vom OSC 04 Rheinhausen aus Duisburg und sind Kampfrichter beim Wahlwettkampf P8/P9. Für den jungen Mann haben sie gerade 17,3 Punkte notiert: neun Punkte für den Schwierigkeitsgrad, 8,3 von maximal 10 Punkten für die Ausführung. Den ganzen Tag lang werden Rosenbach und Schmidt bei schönstem Sonnenschein in der Halle hocken, um „WWK Sprung männlich“ zu werten.
500 Turnmatten
WWK steht für Wahlwettkampf. Den absolvieren zirka 16.000 der 65.000 Turnfestteilnehmer. Die Schwierigkeitsstufen hängen vor allem vom Alter ab. Der Wettkampf, für den jeder am Ende eine Teilnehmermedaille bekommt, besteht aus vier Disziplinen, zu denen Bodenturnen, Reck, Barren, Mini-Trampolin und Schwebebalken genauso gehören wie Schwimm-Disziplinen und Leichtathletik. 500 Turnmatten aus Frankfurter Schulen und Vereinen haben die Organisatoren angeschleppt, um daraus 35 Turnflächen zu machen.
Wenn Wolfgang Schmidt an früher denkt, wird er sentimental. Beim Turnfest 1983 seien die Turner im Gänsemarsch durch die Frankfurter Hallen getippelt. „So voll war das da. Wo sind die alle geblieben?“, fragt er und zeigt mit beiden Armen in die Halle, die gegen 10.30 Uhr eher spärlich besucht ist. „Bei uns früher haben manche auf dem Beton geturnt. Aber das ist vorbei“, sagt Schmidt und guckt etwas traurig. „Wird schon noch voller“, tröstet Mitrichter Rosenbach.
Die Betreuer kümmerten sich „mütterlich“
Heiner Henzes Augen sind klein. Der Turnfest-Chef sitzt im Europasaal der Messe, gleich beginnt die tägliche Pressekonferenz. „Es läuft alles gut“, sagt er. „Ein paar Nickeligkeiten“ müsse sein Team noch lösen, aber das sei kein Problem. Die Rückmeldungen aus den Schulen, in denen mehrere zehntausend Turner untergebracht sind, seien positiv. Nur an einer Schule hätten sich 200 bis 300 Teilnehmer beschwert. Michael Damian vom Frankfurter Schuldezernat ist auch gekommen. Er sagt: „Die Organisation klappt reibungslos.“ Die Betreuer kümmerten sich „mütterlich“. An einer Schule sei das Toilettenpapier ausgegangen – „aber das war nach 30 Minuten behoben“.
Auf der Konferenzbühne sitzt Erfolgsturner Marcel Nguyen, Zweiter der neuen Serie „Champions Trophy“. Für den Einundzwanzigjährigen ist das alles etwas ungewohnt. „Ich habe fast einen optimalen Wettkampf erwischt“, sagt er leise und zieht vor dem Mikrofon ein bisschen die Nase hoch.
Überfüllte Busse
Mit dem Bus soll es von der Messe zur Rebstockanlage gehen. Doch leider gibt es keinen Shuttle, und die Busse der regulären Linie 50 sind um halb zwölf fast immer überfüllt. Sind sie es mal nicht, macht der grantige Busfahrer den Wartenden einfach die Tür vor der Nase zu, anstatt die Leute im Bus zu bitten, in die große Leere im Heck aufzurücken.
Am Center Court gibt’s Fritten. 36 Felder plus Hauptplatz sind am Rebstock entstanden: Netze ohne Ende. Der Blick auf die Beach-Volleyball-Anlage entschädigt für den Fußmarsch. Bis zu 600 Spieler kommen jeden Tag her, um die Sieger ihrer Altersklasse zu finden. Heute ist „Mädchen Ü19“. Eben schmettert eine in Lila den Ball ins Feld, dass der Sand nur so staubt. Die Mädchen müssen Nerven aus Stahl haben. Kaum Fehler, obwohl sie mit „Wir sind Helden“ beschallt werden.