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Im Gespräch: Fabian Hambüchen und Lil Ceng „Ich glaube, ich könnte Fabian etwas beibringen“

03.06.2009 ·  Einer der Stars des Turnfests in Frankfurt ist der Kunstturner Fabian Hambüchen. Mit dem Breakdancer Lil Ceng spricht er über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, über Training und Wettkämpfe, Akrobatik und Improvisation.

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Am Samstag hat in Frankfurt das Deutsche Turnfest begonnen. Einer der Stars der Großveranstaltung ist der Kunstturner Fabian Hambüchen. Mit dem Breakdancer Lil Ceng spricht er über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, über Training und Wettkämpfe, Akrobatik und Improvisation.

Herr Hambüchen, Sie haben sich ein Breakdance-Video von Lil Ceng angeschaut. Wie fanden Sie es?

Fabian Hambüchen: Das ist wirklich geil. Diese Air Flares! Bei uns im Turnen wurde der Air Flare ins Regelwerk aufgenommen. Ich versuche gerade, ihn zu trainieren – das ist wirklich ein verflixtes Teil.

Lil Ceng: Ich habe gehört, dass dieses Teil bei euch ins Programm kommt. Es ist sehr schwer. Mir konnte es keiner erklären. Ich musste es selbst lernen, musste verschiedene Techniken versuchen, es ist wirklich sehr schwer.

Hambüchen: Ich habe es probiert, bisher erfolglos.

Der sogenannte Thomas Flare, also der Thomas-Kreisel, ist ursprünglich vom Turnen in den Breakdance gekommen . . .

Ceng: . . . den haben die Turner zuerst gemacht, wir haben ihn uns abgeguckt, weiterentwickelt, und jetzt kommt der Air Flare zurück zu den Turnern.

Mit welchem Wert ist der Air Flare in den Code de Pointage, ins Regelwerk, aufgenommen?

Hambüchen: Als D-Teil. Die Übungsteile sind von A bis G eingeteilt, für ein D-Teil bekommt man schon gut Punkte.

Kann man sagen, Breakdance ist Hochleistungssport?

Hambüchen: Absolut.

Was beeindruckt Sie an Lil Ceng?

Hambüchen: Das Video sagt alles. Ich bin so begeistert, wie Sportler von anderen Sportlern begeistert sein können. Wenn ich seine Leistung sehe: Das ist phantastisch. Ich könnte, was er kann, auch gern ein bisschen besser – nicht, um in der Disco zu imponieren. Aber einfach für mich, um zu wissen: Du kannst noch ein bisschen mehr als turnen.

Wie könnten Sie Breakdance-Elemente einbauen?

Hambüchen: Ich würde saugern diesen Air Flare machen, dann vielleicht noch eine Drehung auf dem Rücken und anschließend gleich wieder in den Liegestütz, um weiterzumachen. Das kostet vielleicht ein, zwei Sekunden. Aber diesen Effekt zu haben, den kein anderer hat – das wäre richtig klasse.

Wie lernt man eine Figur im Breakdancen?

Ceng: Ich gehe auf die Matte und übe einfach. Manchmal kommt etwas ganz anderes dabei heraus als geplant, dann hat man etwas Neues erfunden. Das ist das Gute am Üben. Am Ende ist manchmal etwas Krasses, das noch keiner gesehen hat.

Passiert das im Turntraining auch?

Hambüchen: Es gibt fest vorgeschriebene Übungsteile, es ist schwer, etwas Neues zu erfinden. Da müsste man sich ganz schön ranhalten.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Bodentraining?

Hambüchen: Ich trainiere etwa viermal die Woche Bodenturnen, zweimal davon sehr intensiv, mindestens eine Stunde, die beiden anderen Male eine halbe Stunde. Wenn es klappt, macht es Spaß – wenn es nicht klappt, ist es einfach nur harte Arbeit. Das kennst du wahrscheinlich auch . . .

Ceng: Natürlich. Ich trainiere jeden Tag, mindestens zwei, drei Stunden, für mich allein, aber auch Showtraining mit der Gruppe. Wenn man mit mehreren Leuten zusammen ist, versucht man sie zu „batteln“, sie zu übertreffen – das macht Spaß. Ich habe angefangen, weil ich gegen meinen Bruder gewinnen wollte. Das hat mir die Kraft gegeben, immer mehr zu trainieren.

Was unterscheidet Turnen und Breakdance außer der Musik?

Hambüchen: Bei uns sind die Bewegungen recht klar und eindeutig. Bei den Breakdancern sind die Bewegungen extremer. Bei uns ist alles klar definiert, die Breakdancer hauen alles rein, was geht.

Ceng: So ist es. Die Turner müssen einen Flare machen, wie er im Regelwerk steht, mit gestreckten Beinen. Bei uns hat jeder einen anderen Stil. Wie man tanzt, zeigt, wie der Charakter ist. Du bist frei, kannst machen, was du willst – auch mit dem Fuß hinter dem Kopf.

Sind Breakdance und Turnen so etwas wie ungleiche Brüder in der Sportfamilie?

Hambüchen: Viele Turner wünschen sich, Breakdance zu können, und viele Breakdancer wünschen sich sicher, mehr turnerische Bewegungen zu können. Da es bei euch Breakdancern ja ohne Regeln geht, könnt ihr es locker anbringen. Aber wenn wir mal zwanzig Sekunden Breakdance anbringen, denken die Kampfrichter, wir sind bekloppt. Das ist schade. Wir können uns nur herausheben durch perfekte Stände nach den Sprüngen. Ansonsten haben wir keine Möglichkeit, unseren persönlichen Stil zu zeigen. Man sieht zwar, ob einer eher schüchtern oder offensiv ist, aber erst an den Emotionen nach dem Wettkampf kann man ablesen, was für ein Typ einer ist. Heute geht es im Bodenturnen nur darum, in der Kürze der Zeit möglichst viele Sprünge zu machen.

Würden Sie auch lieber improvisieren dürfen?

Hambüchen: Ich hätte viel mehr Spaß, wenn ich machen könnte, was gut aussieht, was eine Show bringt. Aber das bringt nichts für die Wertung, das kann ich nur in Show-Auftritten machen.

Bei den Breakdancern geht es im Gegensatz viel mehr darum, immer wieder Neues zu zeigen?

Ceng: Es geht darum, dass man sich messen will. Wenn zwei das Gleiche machen, kann man sich nicht messen. Den Thomas Flare haben wir auch weiterentwickelt. Es gibt Leute bei uns, die machen ihn auf den Ellenbogen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch andere akrobatische Teile aus dem Bodenturnen zu übernehmen?

Ceng: Ja, Sprünge und Schrauben. Ich übe sie, und manchmal schaffe ich sie schon.

Was beeindruckt Sie am meisten bei den Turnern?

Ceng: Die Schrauben, vor allem die zweifachen Salti mit Schrauben. Machst du viel von diesen Salti im Training?

Hambüchen: Du musst erst einmal die Bewegung probieren, dann einen Doppelsalto ohne Schraube machen, und schließlich ein oder zwei Schrauben einbauen. Man macht das auf ganz weichen Matten oder auf dem Trampolin. Da muss man aber täglich ran.

Könnten Sie beide voneinander lernen?

Ceng: Ich glaube, ich könnte Fabian schon etwas beibringen. Aber die Turner haben ja ihren festen Weg. Du kannst ja nicht so viel einbauen.

Hambüchen: Den Air Flare könnte ich einbauen, aber wir haben nur 1:10 Minuten für die Boden-Übung.

Haben Breakdance-Übungen auch definierte Schwierigkeiten und Werte?

Ceng: Wir haben kein Punktsystem, aber man weiß: Das und das ist schwer. Die Jury besteht meistens aus erfahrenen Tänzern. Das Komplizierte ist, dass die einzelnen Breakdancer unterschiedliche Stärken haben, im Tänzerischen oder in der Akrobatik.

Wo liegen Ihre Stärken?

Ceng: Ich bin offen für alles, will vieles lernen. Wenn Fabian mir etwas zeigen würde, würde ich es aufnehmen. Ich bin der Typ, der alles versucht.

Haben Sie einen Trainer?

Ceng: Nein. Früher habe ich die Leute gefragt, die etwas konnten. Bei der Weltmeistergruppe Flying Steps zeigen sie mir, was ich trainieren könnte. Für die WM im vergangenen Jahr war das sehr hilfreich, dieses Jahr versuchen wir, mit einem noch besseren Plan hinzufahren.

Machen Sie Krafttraining, Ausdauertraining? Waren Sie jemals in einem Sportverein?

Ceng: Nein, ich war nie in einem Sportverein, ich war in einem Jugendzentrum. Ich will jetzt anfangen zu joggen – damit ich mehr Kondition bekomme. Krafttraining war noch nie mein Ding. Machst du Krafttraining, Fabian?

Hambüchen: Jeden Tag. Ganz konzentriert. Aber ich muss zwischendurch auch noch Technik trainieren, mich bewegen. Wenn ich nur im Kraftraum hängen würde, würde ich durchdrehen.

Wie steht es um Ihre tänzerischen Fähigkeiten?

Hambüchen: Ich kann überhaupt nicht tanzen. Das sieht bei mir aus wie bei einem Pinguin. Aber diese „Battles“ reizen mich auch. Im Trainingslager mache ich oft Wettbewerbe – zum Beispiel, wer die meisten Abgänge in den Stand hinbekommt.

Leistungssportler müssen sich einem Doping-Reglement unterwerfen. Wie ist das bei Breakdance?

Ceng: Das gibt es bei uns nicht, aber das wäre kein Problem für mich. Doping spielt keine Rolle bei uns, aber es gibt viele Breakdancer, die irgendwelche Drogen nehmen. Aber ich mag das nicht, ich bin nicht der Typ dafür.

Könnten Sie sich vorstellen zu turnen?

Ceng: Nicht als Wettkampf, aber ich würde die Übungen gern können.

Was wird im Breakdance höher bewertet: der Tanz oder die Akrobatik?

Ceng: Das ist unterschiedlich. Die eine Jury mag diesen Stil, die andere jenen.

Hambüchen: Subjektive Wertungen gibt es leider auch bei uns.

Muss man sich erst einmal einen Namen machen?

Hambüchen: Das hilft manchmal. Aber man darf sich nicht darauf ausruhen.

Ceng: Das ist beim Breakdance auch so. Aber ich habe auch einmal gegen einen Koreaner gewonnen, als ich 14 war. Er war ein Star, und mich hat damals keiner gekannt. Ich kam aus Saarbrücken – und keiner hat je von Saarbrücken gehört. Ich habe trotzdem gewonnen, und am nächsten Tag wusste es die ganze Breakdance-Welt.

Da haben Sie, Herr Hambüchen, ja ähnliches erlebt in Athen 2004.

Hambüchen: Da war ich bei den Junioren schon bekannt, aber bei den Senioren überhaupt noch nicht. Und dann kam ich ins Finale bei den Olympischen Spielen – und von heute auf morgen ging es los.

Wie geht ein Breakdancer mit seinem Gegner um? Es ist ja immer ein Kampf eins gegen eins.

Ceng: Du musst ihn zerstören. Es ist ein Zweikampf. Die Battle ist Teil der Show.

Hambüchen: Bei mir ist das anders. Ich muss mich in erster Linie auf meine Übung konzentrieren. Und wenn einer gut war vor mir, dann freue ich mich für ihn. Ich habe dann höchstens die Motivation, noch einen draufzusetzen, eine superperfekte Leistung zu zeigen. Wenn man immer das direkte Duell hat, denkt man wahrscheinlich anders. Aber wir halten uns immer in einer Riesengruppe von Turnern auf, deshalb ist das Verhältnis bei den meisten eher familiär.

Ceng: Das gibt es bei uns auch. Wenn es vorbei ist, gibt man sich die Hand – bis auf die Leute, die eingeschnappt sind, wenn sie verlieren.

Wie wichtig ist für Sie das Publikum?

Ceng: Es gibt mir Kraft, wenn ich die Leute auf meiner Seite habe, so wie letztes Jahr beim Red Bull BC-1, der WM in Paris.

Hambüchen: Stuttgart! Bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart waren 8000 Zuschauer, fast nur Deutsche, da ging es ab. Wenn du das Publikum hinter dir hast, wenn die mitgehen bei allem, was du tust, wenn sie jubeln, wirst du immer schneller, immer besser.

Fabian Hambüchen ist einer der erfolgreichsten deutschen Kunstturner. Seine Titelsammlung ist beeindruckend, obwohl er erst 21 Jahre alt ist. Er ist amtierender Europameister am Boden und - als erster Deutscher - auch im Mehrkampf. An seinem Spezialgerät, dem Reck, gewann er 2007 die Weltmeisterschaft und bei den Olympischen Spielen in Peking die Bronzemedaille. Die große Sportbühne betrat Hambüchen bereits im Alter von 16 Jahren, als er bei Olympia in Athen den siebten Rang am Reck belegte. Hambüchen, der von seinem Vater Wolfgang trainiert wird, lebt in Wetzlar.

Lil Ceng, „der kleine Ceng“, ist 17 Jahre alt und heißt im normalen Leben Gengis Ademoski. Er wurde während des Krieges in Mazedonien geboren, kam kurz nach seiner Geburt mit seiner Familie nach Saarbrücken und begann als Zehnjähriger mit Breakdancen. Mit 15 wurde er mit der Berliner Gruppe „Flying Steps“ Weltmeister in der Gruppe. Im vergangenen Jahr erreichte er bei der Einzel-WM in Paris das Halbfinale. In die kommende Weltmeisterschaft im November in New York geht er als Favorit. Er gilt weltweit als bester Akrobat unter den Breakdancern, aber auch als überragender Tänzer.

Das Gespräch führten Christiane Moravetz und Michael Eder.

Quelle: F.A.Z.
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