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San Francisco Eigenartige Spannung vor dem Fackellauf

09.04.2008 ·  Mehr als 500 Polizisten sollen den Weg des olympischen Feuers durch die Straßen von San Francisco begleiten. Aus den Protesten in London und Paris habe man gelernt, sagt Bürgermeister Newsom. In Amerikas „Hauptstadt des Protestes“ sind Überraschungen aber nicht auszuschließen.

Von Horst Rademacher, San Francisco
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Sie kam im Schutz der Dunkelheit lange vor dem Morgengrauen, ein kleines Flämmchen nur, das müde in einem vergoldeten Leuchter brannte, der an eine Grubenlampe erinnerte. Ihr fahles Licht ging im Blitzlichtgewitter der vielen Fotografen unter, die sich um halb vier Uhr morgens zur Ankunft des Olympischen Feuers mit einem Sonderflugzeug aus Paris am Flugsteig 94 auf dem Flughafen von San Francisco eingefunden hatten. Schon wenige Minuten nach der Ankunft - und der unumgänglichen Zollabfertigung - verschwand Jiang Xiaoyu, der stellvertretende Leiter des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Peking mit der Flamme durch einen Seitenausgang des Flughafens.

Nach den turbulenten Staffelläufen durch London und Paris und dem langen Flug an die amerikanische Westküste, gönnte man dem Olympischen Feuer nun 33 Stunden Ruhe an einem „sicheren Ort“, bevor es am Mittwochnachmittag (Ortszeit) von 80 Läufern insgesamt zehn Kilometer weit durch San Francisco getragen wird.

„Wir haben aus Paris und London gelernt“

In dieser frühen Morgenstunde waren mehr Polizisten als Fotografen und olympische Offizielle am Flughafen zu sehen. Von Demonstranten gab es weit und breit überhaupt keine Spur. Dabei hatte der Protest gegen den ersten olympischen Fackellauf auf nordamerikanischem Boden am Montag mit einer aufsehenerregenden Aktion begonnen: Drei Mitglieder der Gruppe „Studenten für ein freies Tibet“ hatten die Golden-Gate-Brücke erklommen und Transparente entfaltet. Sie waren den Sicherheitskräften auf der Brücke nicht aufgefallen, denn ihre Plakate und Kletterausrüstungen hatten sie in einem Kinderwagen versteckt, den sie wie viele andere Spaziergänger auch vor sich her schoben. (Siehe auch: IOC denkt an Abbruch der „internationale Route“)

Während Mitglieder verschiedener Gruppen am Dienstag vor dem Rathaus von San Francisco und dem Generalkonsulat Chinas lautstark aber friedlich gegen Pekings Politik in Tibet und Burma, die Verletzung der Menschenrechte und die chinesischen Verwicklungen im Sudan protestierten, ließ sich der Botschafter der Volksrepublik in den Vereinigten Staaten, Zhou Wenzhong, von Bürgermeister Gavin Newsom über die Sicherheitsvorkehrungen unterrichten. Man habe aus den Protesten in London und Paris gelernt, sagte Newsom.

Mehr als 500 Polizisten werden den Fackellauf begleiten. Die ursprünglich geplante Route wurde gekürzt und führt nun ausschließlich über die Uferpromenade vom Baseballstadion zum Touristenzentrum an der Fishermen's Wharf. Die Straßenschluchten zwischen den Wolkenkratzern im Finanzviertel werden ebenso gemieden wie die engen Gassen von Chinatown, dem größten chinesisch geprägten Viertel an der amerikanischen Westküste.

Dort merkte der zufällige Besucher am Dienstag nichts davon, dass jene Flamme in der Stadt weilte, mit der in 120 Tagen die ersten Olympischen Spiele im Heimatland der meisten Einwohner von Chinatown eröffnet werden. Wie an jedem Tag spielten alte Männer im Portsmouth-Park unbeeindruckt vom Geschehen um sie herum Mah-Jongg. Touristen wurden in den Geschäften wie gewöhnlich beim Kauf von Jadeschmuck übers Ohr gehauen und Hausfrauen kehrten mit Körben voll frischen Gemüses und exotischer Früchte vom Chinesenmarkt zurück. Aber Sam Ng, der einflussreiche Vorsitzende der in San Francisco ansässigen Wohlfahrtseinrichtung „Chinese Six Company“, sagte auf einer Pressekonferenz, die Kalifornier chinesischer Abstammung, seien stolz darauf, dass die Olympischen Spiele in Peking ausgetragen würden. Der Fackellauf durch San Francisco müsse friedlich verlaufen.

Keiner ist völlig unkritisch

Auch einige Hundert chinesische Studenten, die an den berühmten Hochschulen in der Umgebung San Franciscos wie Stanford und Berkeley studieren, wollen am Mittwoch Olympia in ihrer Heimat unterstützen. Sie werden den Fackelläufern entlang der Route kräftig zujubeln.

Trotz der scheinbaren Gleichgültigkeit in Chinatown und den positiven Bemerkungen der Lokalpolitiker chinesischer Abstammung, war eine eigenartige Spannung in der Stadt zu spüren. Zwar will niemand, dass es während des Fackellaufes zu Ausschreitungen kommt, aber weder der Bürgermeister noch die anderen Lokalpolitiker stehen dem Ereignis völlig unkritisch gegenüber. Nicht umsonst gilt San Francisco als die „Hauptstadt des Protestes“ in den Vereinigten Staaten.

Gerade Chinas Politik in Tibet stand immer wieder im Zeichen friedlicher Demonstrationen in der Stadt. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses in Washington hat hier ihren Wahlkreis. Sie sprach vielen ihrer Wähler aus dem Herzen, als sie vor einigen Wochen demonstrativ den Dalai Lama in Indien besuchte, während es in Lhasa zu gewaltsamen Protesten kam.

Aufgrund der vielen Protestmärsche in San Francisco haben aber auch die örtlichen Demonstrationen ihre eigene Etikette. Dass sie versuchen wollen, die olympische Flamme zu löschen, steht außer Frage. Aber das hat für sie nur dann den richtigen Symbolwert, wenn es unter politisch korrekten Methoden geschieht. So zeigte sich eine Gruppe von Demonstranten am Dienstag darüber erbost, dass in Paris einem behinderten Fackelträger, der im Rollstuhl an der Stafette teilnahm, die Fackel aus der Hand gerissen wurde. So etwas, versicherte man dem Besucher, werde es in San Francisco nicht geben.

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