09.04.2008 · In San Francisco sind die Sicherheitsmaßnahmen erheblich verschärft worden. Auch dort wird wie schon in Paris und London mit heftigen Protesten gegen die chinesische Tibetpolitik gerechnet. Das IOC spricht sich weiter gegen einen Abbruch des Fackellaufs aus.
Ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften hat sich am Mittwoch in San Francisco auf den olympischen Fackellauf vorbereitet. Die Behörden rechneten wegen der chinesischen Politik in Tibet wie zuvor in London und Paris mit heftigen Protesten. Entlang der 9,6 Kilometer langen Route des Fackellaufs in San Francisco wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft.
Der Zugang zur symbolträchtigen Golden Gate Bridge wurde ebenfalls erschwert, Aktivisten hatten sie zuvor für Protestaktionen gegen China genutzt. Gleichzeitig hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich gegen einen vorzeitigen Abbruch des olympischen Fackellaufs ausgesprochen.
Das änderte sich auch nicht nach einem Treffen von IOC-Präsident Jacques Rogge mit den NOK-Präsidenten am Mittwoch in Peking. „Die Botschaft ist, dass die Tour nicht geändert wird“, sagte Hongkongs IOC-Mitglied Timothy Fok anschließend.
Bereits am Vortag hatte Rogge Meldungen über einen Abbruch der internationalen Route als „falsche Gerüchte“ bezeichnet. Auch IOC-Vize Thomas Bach lehnte Änderungen ab: „Das wäre ein Zurückweichen vor der Gewalt.“ Gunilla Lindberg, IOC-Vizepräsidentin Gunilla Lindberg sagte: „Wir sollten genauso weitermachen wie geplant. Der Fackellauf muss die internationale Route beenden.“
Rogge trifft Wen Jiabao
Das Olympische Feuer soll am Mittwochmittag (ab 22 Uhr MESZ) durch San Francisco getragen werden, als nächste Station ist am Freitag Buenos Aires geplant. Es folgen zwölf weitere Städte in Afrika, Australien und Asien, ehe über Hongkong und Macao am 4. Mai wieder Festland-China erreicht wird. Tibet steht vom 19. bis 21. Juni auf dem Programm. Bereits zuvor soll eine zweite Flamme im Mai auf den Mount Everest getragen werden. Seit dem 24. März, als der Fackellauf im antiken Olympia begann, kam es immer wieder zu Protesten.
Rogge wird an diesem Mittwoch in Peking mit Chinas Premierminister Wen Jiabao über den Stand der Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele sprechen. Bereits am Dienstagabend hatt Rogge im französischen Fernsehen Gerüchte in verschiedenen Medien zurückgewiesen, es werde ein frühzeitiges Ende des Fackellaufs in Erwägung gezogen. „Es ist ein Gerücht, das falsch ist. Es gibt keine Diskussion in diese Richtung.“
Mönche protestieren in China
In China haben tibetische Mönche abermals einen offiziell arrangierten Besuch einer Gruppe ausländischer Journalisten zu Protesten genutzt. Eine Gruppe junger Mönche habe am Mittwoch die Journalisten bei ihrer Ankunft im Kloster Labrang der Provinz Gansu umringt und kulturelle Freiheit für Tibet gefordert, berichteten die Journalisten telefonisch nach Peking. Die Mönche hätten tibetische Flaggen getragen und in Tibetisch und Chinesisch weinend über die Unterdrückung Tibets geklagt. Nach einer Weile sei die Gruppe von älteren Mönchen abgedrängt worden. Die Sicherheitskräfte hätten nicht eingegriffen und das Besuchsprogramm sei danach wie geplant weiter gegangen.
Das chinesische Außenministerium hatte nur elf Korrespondenten aus verschiedenen Ländern zu der Reise eingeladen. Bereits bei der von der chinesischen Regierung organisierten Reise ausländischer Journalisten nach Lhasa vor zehn Tagen hatten sich Mönche in die Pressekonferenz gedrängt, um ihre Meinung und Kritik zu äußern.
Fast tausend Festnahmen, Hunderte Haftbefehle
Die chinesische Polizei gab am Mittwoch bekannt, dass insgesamt 953 Personen wegen der Ausschreitungen in Lhasa verhaftet worden seien. Von den 93 als Hauptverdächtigen gesuchten seien 13 verhaftet worden. Gegen 403 Personen sei offiziell ein Haftbefehl erlassen worden. In den chinesischen Medien wird die Kampagne gegen den Dalai Lama fortgesetzt.
Einige Gruppen wollten die feudalistische Leibeigenschaft in Tibet wieder herstellen und sie versuchten Tibet in einen Sumpf des Terrorismus wie in Irak oder Afghanistan zu ziehen, hieß es in einem Kommentar der „China Daily“ vom Mittwoch.
Der australische Ministerpräsident Rudd hat bei seinem Besuch in China Menschenrechtsprobleme in Tibet kritisiert. In einer Rede vor der Peking Universität, der Rudd in Chinesisch hielt, rief er alle Parteien dazu auf auf Gewalt zu verzichten und ein friedliche Lösung zu suchen. Rudd sprach sich aber gegen einen Boykott dr Olympischen Spiele aus. Die Olympischen Spiele seien wichtig für Chinas Bindung an die Welt, sagte Rudd.
Route in San Francisco aus Sicherheitsgründen verkürzt
In San Franciso hatten mehrere hundert Menschen hatten am Dienstag abend friedlich gegen die chinesische Tibet-Politik demonstriert. Sie marschierten durch die Straßen zum chinesischen Konsulat, viele mit tibetischen Flaggen. „Es geht hier nicht darum, gegen die Fackelläufer zu kämpfen“, sagte ein Student, „sondern um die chinesische Regierung, die den Fackellauf für politische Propaganda nutzt“, sagte er.
Bei einer Abendveranstaltung forderten der amerikanische Schauspieler und Tibet-Aktivist Richard Gere und der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu den amerikanischen Präsidenten George W. Bush auf, die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren.
Einer der Träger des Fackellaufs in San Francisco sagte seine Teilnahme aus Sorge um seine Sicherheit ab, wie die Behörden in der Westküstenmetropole mitteilten. Die geplante Route sei aus Sicherheitsgründen bereits verkürzt worden und werde möglicherweise auch noch verändert, erklärte der Bürgermeister von San Francisco, Gavin Newsom. Die Entscheidung liege bei der Polizei. Es müsse darum gehen, sowohl einen ordentlichen Ablauf als auch das Recht auf Demonstrationen zu gewährleisten, sagte Newsom.
Vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen war die Fackel erstmals auf Welttour geschickt. Die Organisatoren der Peking-Spiele veranstalten den als „Reise der Harmonie“ angepriesenen Fackellauf sogar über 137.000 Kilometer durch 19 Städte außerhalb Chinas. Bei den kommenden Winterspielen 2010 in Vancouver ist geplant, dass die Fackel zwar im griechischen Olympia entzündet, aber danach nur noch in Kanada laufend zur Schau gestellt wird.