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Olympische Spiele Zähneklappern der Sponsoren in Peking

11.04.2008 ·  Sie haben Millionen in Sponsorenverträge für die Olympischen Spiele gesteckt. Nun aber fürchten die ausländischen Unternehmen in China, dass die politischen Wirren auf sie durchschlagen.

Von Christoph Hein
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„Genieß die Reise nach Peking“, wirbt Volkswagen für sein Engagement als einer der Hauptsponsoren der Olympischen Spiele in China. Die Verantwortlichen selber genießen sie derzeit wohl kaum. Denn wie die anderen Sponsoren, die zwei- und dreistellige Millionenbeträge für ihr Engagement zahlen mussten, ist auch Volkswagen mit hoher Geschwindigkeit in das Dilemma der Spiele in der Volksrepublik gefahren. Während in Europa und Amerika der politische Druck auf Peking wegen dessen Politik in Tibet, in Burma, im sudanesischen Darfur und gegen die Uiguren im eigenen Land wächst, feiern die Chinesen „ihre“ Spiele unbeirrt - und China ist immerhin der zweitgrößte Markt für den deutschen Automobilhersteller.

Was aber, wenn die Gegner von Olympia in China in ihren Heimatländern beginnen, die Sponsoren unter Druck zu setzen? Selten zuvor wurden Angst und Hilflosigkeit der Konzerne so offensichtlich wie derzeit. Vom „großen Zähneklappern in Peking“ spricht der China-Chef eines deutschen Dax-Konzerns in der chinesischen Hauptstadt, der ungenannt bleiben will. Beispiel Siemens: Ein fest vereinbartes Interview mit Länderpräsident Richard Hausmann? Über Nacht gestrichen. „Unsere Leitung in München will derzeit keine Öffentlichkeit im Zusammenhang mit China“, heißt es bei Siemens in Peking nebulös. Ein Besuch der Siemens Medizintechnik im gut tausend Kilometer entfernten Schanghai? Zwei Tage vorher abgesagt. Eine Reise deutscher Journalisten auf Einladung von Siemens, die so prekäre Programmpunkte wie den Besuch des Schwimmstadions enthält? Findet nicht mehr statt.

Niemand will als Unterstützer einer Diktatur gelten

Dabei sind die Münchner nicht einmal Sponsoren, sondern haben sich nur in einigen Bereichen, wie etwa der Gebäudetechnik beim Stadionbau, als Auftragnehmer engagiert. Auch der Präsident der Volkswagen Group China, Winfried Vahland, mag sich dieser Zeitung gegenüber zu Olympia nicht äußern. Der koreanische Elektronikkonzern Samsung, einer der Hauptsponsoren von Olympia, sagte seine geplante Olympia-Pressekonferenz in Peking ab.

Die Angst, in den Topf der Unterstützer einer Ein-Parteien-Diktatur geworfen zu werden, sitzt von Wolfsburg bis München tief. "Einige unserer Mitglieder haben ausgesprochenen Kommunikationsbedarf", sagt Jörg Wuttke, Präsident der Handelskammer der Europäischen Union in Peking. Er spricht von "Kontaktangst" und "Abtauchen". Dann sagt Wuttke: "Niemand hat die Entwicklung so vorausgesehen, wie sie nun gekommen ist. Die Sponsoren haben vor Jahren beschlossen, Geld in Olympia zu investieren. Nun finden sie sich wieder als Geisel der Politik."

Sponsoren haben die Brisanz des Themas unterschätzt

Dabei liege der Unterschied der Wahrnehmung der Sponsoren innerhalb und außerhalb Chinas auf der Hand: „Das Engagement etwa von Volkswagen wird in China extrem positiv aufgenommen“, sagt der Kammerchef. „Im Ausland aber kann das jetzt in beide Richtungen gehen.“ Schon der Empfang des geistigen Oberhaupts der Tibeter, des Dalai Lama, im September im Kanzleramt - statt etwa, wie nun in London, in einem kirchlichen Umfeld - hat bei den deutschen Unternehmen in China Ängste geschürt und Kopfschütteln hervorgerufen. Seitdem waren sie bemüht, Schaden zu begrenzen. Deutsche Automobilhersteller berichten, seit dem Besuch des tibetischen Führers sei es schwieriger geworden, Einfuhrlizenzen für Wagen der Oberklasse zu erhalten. Nun aber ist die Lage noch wesentlich komplizierter, denn die Fronten sind zusätzlich verhärtet durch die Aggressivität Pekings. „Die chinesische Regierung hat eine Tonart vorgelegt, die den Dialog nicht eben fördert“, kritisiert Wuttke.

Nicht nur der Kammerchef deutet darauf hin, dass die Sponsoren die Brisanz des Themas China unterschätzt haben könnten. "Die Unternehmen müssen sich fragen, ob sie die richtige Risikoprüfung gemacht haben. Niemand scheint mit dieser Dynamik der Ereignisse gerechnet zu haben", sagt Christopher Renner, Präsident der Marketing Agentur Helios Partners in Peking, die seit Jahren Sportsponsoren berät. „Nach Investitionen im dreistelligen Millionenbereich steht aber nicht zu erwarten, dass einer der Förderer nun abspringt.“ Auch die teuren Werbefilme im Fernsehen sind längst vertraglich gebucht. „Da gibt es überhaupt nicht die Chance, noch herauszukommen.“ Fachleute schätzen, die Spiele in Peking und die Winterspiele in Turin hätten mehr als 4,5 Milliarden Dollar an Sponsorgeldern eingebracht. „Allerdings müssen alle sehr behutsam vorgehen imHinblick auf das, was sie derzeit sagen“, sagt Renner, der Olympia-Förderer wie Volkswagen, Lenovo oder den Rohstoffkonzern BHP Billiton berät.

Sorge vor Aufsichtsgremien und Steuerfahndern

Schon zeigt das vergiftete Klima Wirkung: Die Absagen von Politikern für die Eröffnungsfeier etwa dürfte auch mehr und mehr Unternehmenschefs unter Entscheidungsdruck bringen. Hinzu kommt: Die wachsende Sorge vor Aufsichtsgremien und Steuerfahndern lässt es den Firmen immer schwerer werden, ihr Einladungsprogramm wie vor Jahren geplant umzusetzen. „Heute kann sich doch kaum noch einer erlauben, einen geschenkten Flug nach Peking und eine Eintrittkarte anzunehmen“, sagt der Vertreter eines Dax-Konzerns in Peking. „Und wenn das eigene Unternehmen zahlt, wird der Vorstandschef in seinem Heimatmarkt als Förderer von Chinas Politik hingestellt.“

Auch für die Fluglinien könnte sich das Olympia-Geschäft anders entwickeln als erhofft. Das Hauptproblem ist nicht die drohende Absage geplanter Reisen von Spitzenmanagern - dies wären eh nur relativ wenige Plätze gewesen. Negativ aber wird sich auswirken, sollte Peking aufgrund der politischen Krise seinen lokalen und regionalen Parteihierarchen und Managern der Staatskonzerne für die kommenden Monate alle Auslandsreisen streichen. Denn sie fliegen gerne mit europäischen Fluggesellschaften, sie fliegen oft, und sie fliegen mindestens Business Class. „Wir versuchen jetzt schon, Ersatzgeschäft bei Unternehmen in China zu generieren, um etwaige Ausfälle sofort ausgleichen zu können“, heißt es bei einer großen europäischen Fluggesellschaft.

Zu allem Überfluss erschwert die Volksrepublik nun auch noch die Einreise von Geschäftsleuten. Denn derzeit stellen die Botschaften die bislang üblichen Mehrfach-Visa kaum noch aus. Der Grund liegt wohl in der Sorge, dass damit auch potentielle Störenfriede einreisen könnten. Die neue Regelung aber lässt es gerade für in Asien ansässige Geschäftsleute sehr aufwendig werden, in den kommenden Monaten noch ihre Termine in der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft wahrzunehmen.

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