10.04.2008 · Weitgehend abgeschottet vom Großteil der Zuschauer und tausenden Demonstranten blieb es beim olympischen Fackellauf in San Francisco friedlich. Übergriffe wie in Paris und London blieben aus. Die olympische Bewegung werde sich von der „Krise“ beim Fackellauf erholen, sagt IOC-Präsident Rogge.
Weitgehend abgeschottet vom Großteil der Zuschauer und tausenden Demonstranten ist der olympische Fackellauf in San Francisco am Mittwoch ohne massive Störaktionen über die Bühne gegangen. Um eine Unterbrechung des Laufes wie zuvor in Paris zu verhindern, hatten die Behörden den Lauf praktisch um die Hälfte verkürzt und die Route kurzfristig geändert. Die Flamme wurde schließlich am Flughafen an Bord einer bereitstehenden Maschine gebracht, nachdem die Abschlusszeremonie abgesagt worden war. (Siehe auch: Fackellauf: Olympisches Versteckspiel in San Francisco)
Die chinesischen Medien bezeichneten den Lauf als Erfolg und lobten die in letzter Minute erfolgten Routenänderung als clevere Strategie, um die Pläne der „tibetischen Separatisten“ zu durchkreuzen. Jiang Xiayou vom Fackellauf-Organisationskomitee dankte den Verantwortlichen in San Francisco. Vielleicht hätten einige Zuschauer die Flamme nicht sehen können, sagte er bei der Verabschiedung am Flughafen. „Aber wir alle haben die Leidenschaft der olympischen Bewegung gespürt.“
„Nicht den Glauben an die olympische Bewegung verlieren“
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, bezeichnete den Verlauf des Fackellaufs in San Francisco als Fortschritt im Vergleich zu den tumultartigen Szenen in London und Paris an den Tagen zuvor. „Er war allerdings nicht das fröhliche Fest, dass wir uns gewünscht hätten“, sagte er.
Die olympische Bewegung werde sich von der „Krise“ beim Fackellauf vor den Spielen in Peking erholen, zeigt sich Rogge überzeugt. „Geht zurück in Eure Länder und macht Euren Athleten Mut, dass die Spiele sehr gut organisiert sein werden, egal was sie gesehen und gehört haben mögen“, rief der IOC-Präsident in Peking die Vertreter der 205 nationalen olympischen Komitees auf. „Dies werden ihre Spiele sein, und sie werden sie genießen. Sagt ihnen, dass sie nicht den Glauben an die olympische Bewegung verlieren sollen“, sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees zur Eröffnung einer Sitzung des IOC-Exekutivrats.
Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach nahm in Peking „mit großer Freude zur Kenntnis, dass in San Francisco nichts passiert ist.“ Auch der norwegische IOC-Marketing-Chef Gerhard Heiberg war „sehr zufrieden, weil es keine Verletzten gab“. Die schwedische IOC- Vizepräsidentin Gunilla Lindberg lobte die Entscheidung, den Fackellauf nicht abzubrechen: „Das war die richtige Entscheidung.“
Rogge äußerte am Donnerstag erneut „schwere Sorgen“ wegen der Lage in Tibet und rief zu einer „schnellen und friedlichen Lösung“ auf. „Die Athleten in vielen Ländern sind verwirrt, und wir müssen sie beruhigen“, sagte er. Die Spiele im August müssten von „Respekt für ethische Werte, keinem Doping, keinem Betrug und Respekt für die Menschenrechte“ getragen sein.
Nach San Francisco soll die Olympische Fackel noch nach Buenos Aires in Argentinien und dann in ein Dutzend weiterer Länder reisen, bevor sie am 4. Mai nach China kommt. Seit dem 24. März, als der Fackellauf im antiken Olympia begann, kam es immer wieder zu Protesten.
Abermalige Proteste auch in Tibet
Tibetische Mönche haben unterdessen abermals einen offiziell arrangierten Besuch einer Gruppe ausländischer Journalisten zu Protesten genutzt. Eine Gruppe junger Mönche habe am Mittwoch die Journalisten bei ihrer Ankunft im Kloster Labrang in der Provinz Gansu umringt und kulturelle Freiheit für Tibet gefordert, berichteten die Journalisten telefonisch nach Peking. Die Mönche hätten tibetische Flaggen getragen und in Tibetisch und Chinesisch weinend über die Unterdrückung Tibets geklagt.
Nach einer Weile sei die Gruppe von älteren Mönchen abgedrängt worden. Die Sicherheitskräfte hätten nicht eingegriffen, und das Besuchsprogramm sei danach wie geplant weitergegangen. Bereits bei der von der chinesischen Regierung organisierten Reise ausländischer Journalisten nach Lhasa vor zehn Tagen hatten sich Mönche in die Pressekonferenz gedrängt, um ihre Meinung und Kritik zu äußern.
„Zum Wohl der Spiele und der Athleten“
Während IOC-Präsident Rogge sich am Mittwoch in Peking eine Stunde mit Chinas Premierminister Wen Jiabao traf, machte die Vereinigung der 205 Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) einen Rückzieher: Die am Montag verabschiedete Anoc-Absichtserklärung zur Unterstützung der Sommerspiele wird der IOC-Exekutive nur in einer veränderten Form ohne Erwähnung Tibets vorgelegt.
„Wir vertrauen darauf, dass China eine faire und vernünftige Lösung der internen Konflikte finden wird, zum Wohl der Spiele und der Athleten“, heißt es in dem neuen Papier. Zwei Tage vorher hatte der Passus noch gelautet: „Wir vertrauen darauf, dass die VR China eine faire und vernünftige Lösung des internen Konflikts finden wird, der die Tibet-Region betrifft.“
Kampagne gegen den Dalai Lama fortgesetzt
Die chinesische Polizei hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass seit Mitte März insgesamt 953 Personen wegen der Ausschreitungen in Lhasa verhaftet worden seien. Von den 93 als Hauptverdächtige Gesuchten seien 13 verhaftet worden. Gegen 403 Personen sei offiziell ein Haftbefehl erlassen worden.
In den chinesischen Medien wird die Kampagne gegen den Dalai Lama fortgesetzt. Einige Gruppen versuchten, Tibet in einen Sumpf des Terrorismus wie in Irak oder Afghanistan zu ziehen, hieß es in einem Kommentar der „China Daily“ vom Mittwoch.
Das olympische Feuer wurde in der Antike als Zeichen des olympischen Friedens nach dem ersten Wettbewerb vom Sieger des Stadionlaufes am Tempel der Göttermutter Hera entzündet und brannte bis zur Schlusszeremonie.
Der olympische Fackellauf ist eine Erfindung Carl Diems, des Generalsekretärs der Sommerspiele 1936 in Berlin. Nachdem das olympische Feuer im griechischen Ort Olympia durch einen Brennspiegel entzündet worden war, wurde sie über 3187 Kilometer von 3331 Läufern, die zusammen die Stafette bildeten, in zwölf Tagen und elf Nächten von Griechenland nach Berlin getragen. Schon damals gab es Störungen: Die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Griechenlands wollte verhindern, dass die Fackel nach Deutschland gelangte. Das Vorhaben misslang. Proteste gab es auch in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei. Fackellauf und Entzündung des olympischen Feuers wurden als Teil jeder Eröffnung von Olympischen Sommerspielen nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt. Bei der Welttournee wird eine „Ur-Flamme“ in einem gesicherten Begleitfahrzeug mitgeführt, von der ein Läufer die Flamme wieder übernehmen kann, sollte die Fackel erlöschen.
Seit den neunziger Jahren ist der Fackellauf auch ein kommerzielles Ereignis. Weltbekannte Unternehmen (wie 2008 Volkswagen) nutzen den Lauf für ihre Werbung. In diesem Jahr führt die Route durch 21 Länder und ist die längste der Geschichte. Der Lauf wird vom Veranstalter der Spiele ausgerichtet, in diesem Fall vom Pekinger Organisationskomitee, das dafür einen Vertrag mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schließt. Deshalb begleiten chinesische Sicherheitskräfte den internationalen Teil des Laufs. Das IOC könnte den Vertrag kündigen, aber nicht unmittelbar den Lauf stoppen. Das könnte der jeweilige Staat, in dem der Fackellauf stattfindet (zum Beispiel aus Sicherheitsgründen). (jöh.)