11.03.2008 · Gebrselassies Verzicht auf den Marathon ist die erste große Niederlage für die Spiele in Peking. Ein einziger Satz des Weltrekordhalters genügt, um aus den Versprechungen der chinesischen Führung zum Thema Umweltschutz die propagandistische Luft herauszulassen.
Von Michael HoreniDicke Luft in Peking. Das ist nun wirklich nichts Neues. Aber wenn nun ein Star wie Haile Gebrselassie über die verdreckte Luft am Himmel über der chinesischen Hauptstadt nicht nur die Nase rümpft, sondern gleich seinen Start beim olympischen Marathon absagt, dann hüsteln auch die Chefs der chinesischen Umweltbehörde verlegen.
„Unsere Experten betonen, dass der Qualitätsstandard für die Luft garantiert werden kann und dass unsere Bemühungen erfolgreich sein werden“, sagte nur einen Tag später Zhang Lijun, der stellvertretende Chef der staatlichen Umweltschutzbehörde. Und auch der Leiter der Pekinger Umweltbehörde fühlt sich von Gebrselassie herausgefordert, die Verbesserungen beim Kampf um frische Luft über der Stadt zu preisen: „Wir verbessern die Qualität der Luft nicht nur für Olympia, das ist auch darüber hinaus ein wichtiges Ziel für uns.“
Vernichtendes Umwelturteil
Aber ein einziger in alle Welt verbreiteter klarer Satz des Weltrekordhalters genügt, um aus den Anstrengungen und Versprechungen der chinesischen Führung zum Thema Umweltschutz propagandistische Luft herauszulassen: „Die Luftverschmutzung ist eine Gefahr für meine Gesundheit.“ Gegen dieses vernichtende Umwelturteil helfen im Kampf um die globale Meinungsführerschaft keine chinesischen Statistiken, die seit Jahren das Blaue vom Himmel versprechen.
Gebrselassie leidet an Asthma. Seinen Weltrekordlauf hat das nicht verhindern können, wohl aber einen risikolosen Start in der 15-Millionen-Metropole. In Peking braut sich nämlich über den Läufern noch viel mehr zusammen als alleine die Luftverschmutzung, die sich immer wieder als Schleier über Stadt und Lungen legt. Die Marathonläufer werden bei den Spielen zudem noch gegen Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit ankämpfen müssen – dieser ganz spezielle Olympia-Cocktail kippte nun vorab einen der größten Läufer der Welt aus dem Rennen. Es ist die erste große Niederlage für die Spiele und den Sport in Peking.
Die Funktionäre vertrauen auf die Kraft der Statistik
Olympia gefährdet Ihre Gesundheit. Diesen Warnhinweis, nur etwas diplomatischer formuliert, hat schon vor über einem Jahr der Präsident des Internationen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, den Gastgebern ins schwachgrüne Gewissen geschrieben. Er hatte gefordert, einige Wettkämpfe zeitlich zu verlegen, wenn die Luftqualität nicht gut genug sei.
Aber von Verschiebung auf athletenfreundlichere Zeiten und Bedingungen ist bis jetzt noch nichts aus China zu hören. Die Funktionäre vertrauen stattdessen weiter auf die Kraft der Statistik. So lieferten sie jüngste Rekordzahlen, nach denen die Luft im Februar an 26 Tagen sauber gewesen sei. Der Grenzwert sei nur an drei Tagen überschritten worden. Gebrselassie und der Sport haben jetzt eine Grenze überschritten.