28.07.2008 · Über „Schlächter“ auf dem Feld, seine Aufgabe bei Olympia und Bundestrainer Brand, der ihn nach Peking von der Kaderliste streichen soll, spricht Handball-Senior Christian Schwarzer bei FAZ.NET. Bleibt abzuwarten, ob letzteres tatsächlich passiert.
Kreisläufer Christian Schwarzer scheint unentbehrlich für den deutschen Handball. Bundestrainer Heiner Brand holt ihn für die Olympischen Spiele in Peking nicht zum ersten Mal zurück ins Team. Im Interview spricht er über seine Karriere, Peking und wie es weiter gehen soll.
Herr Schwarzer, wie muss man sich das vorstellen? Sie heben den Hörer ab, und am anderen Ende der Leitung sagt jemand: „Hallo, Christian, ich bin's, der Heiner. Wie wär's mit Olympia?"
Der Bundestrainer und ich waren ja schon lange vorher in Kontakt. Der Anruf von Heiner Brand kam dann aber doch überraschend. Deshalb brauchte ich auch ein bisschen Bedenkzeit.
Was hat Ihre Frau gesagt?
Die war erst nicht so begeistert. Aber Olympia ist noch mal eine einmalige Gelegenheit, meine internationale Karriere zu krönen. Die WM 2007 in Deutschland war schon der absolute Hammer. Aber meine bisher drei Olympischen Spiele haben mir in meinem Leben so viel gegeben - das kannst du mit keinem Geld der Welt bezahlen. Das wollte mir meine Familie nicht verbauen.
Schon während der WM 2007 sind Sie vom Kommentatorenposten aufs Spielfeld beordert worden. Nun wurden Sie für Peking mit 38 Jahren wieder kurzfristig reaktiviert. Warum sind Sie so unentbehrlich für die Nationalmannschaft?
Ich versuche einfach immer, alles zu geben. Ich habe immer noch meine Qualitäten, und die werden vom Bundestrainer geschätzt. Deshalb hat er mich so gerne dabei. Bei der WM war es ja eine ganz andere Situation.
Inwiefern?
Da war es ja so: Zwei Spiele beim Fernsehen gearbeitet, und dann zack den Schalter umgelegt und von null auf hundert. Jetzt brauchte ich einfach mehr Zeit, um mich wieder in die Mannschaft hineinzufinden.
Sind Sie nur als Kreisläufer oder vor allem auch als Führungsspieler und Instanz abseits des Spielfelds zurückgeholt worden?
Das eine schließt das andere ja nicht aus. Durch den Olympia-Verzicht von Markus Baur ist eine neue Situation für den Bundestrainer entstanden. Ich muss nun versuchen, meine Rolle so gut wie möglich auszufüllen, und der Mannschaft so weiterhelfen.
Worauf können Sie während eines solchen Turniers einwirken?
Auf die Disziplin, die Eigenverantwortung. Bei einer EM oder WM hast du ein Hotel, einen Bus und eine Halle. Bei Olympia bist du mit 11.000 anderen Topsportlern auf engstem Raum eingepfercht. Da ist die Ablenkungsgefahr dermaßen groß, dass es nicht einfach ist, sich vollends auf seinen Sport zu konzentrieren. Das kann durchaus zum Problem werden.
Das klingt nach einer beinahe väterlichen Rolle.
Manche Spieler in der Mannschaft könnten ja auch meine Söhne sein.
Denken Sie als Elder Statesman des deutschen Handballs schon wie ein Trainer?
Nein. Ich bin bei den Spielen ein Mosaikstein dieser Mannschaft. Jeder muss seinen Stein einbringen, und damit können wir ein Haus bauen, wo dann am Ende das Dach . . .
. . . golden schimmert?
Wenn Sie so wollen. Wenn man sagt, dass man Fünfter werden will, dann wird man auch nur Fünfter.
Sie haben gesagt: „Ich will eine Medaille“ Die silberne, aus Athen 2004, haben Sie schon. Die bronzene haben Sie nicht gemeint, oder?
Die Weltspitze ist so dicht beisammen. Da sind sechs bis acht Mannschaften, die Olympiasieger werden können. Das Viertelfinale sehe ich als Schlüsselspiel an, wie die Vergangenheit gezeigt hat: In Sydney 2000 springt der letzte Wurf von Kretzschmar von der Unterkante der Latte wieder raus, in Athen 2004 gewinnen wir gegen Spanien nach zweimaliger Verlängerung im Siebenmeterwerfen. Wenn wir im Halbfinale stehen, wollen wir natürlich auch nach ganz oben greifen.
Sehen Sie diese deutsche Mannschaft derzeit auf Augenhöhe mit den besten drei Teams, oder sind die Probleme, speziell im Rückraum, zu groß?
Wir sind noch nicht richtig eingespielt. Aber ein bisschen Zeit bleibt noch. Bedingungsloser Einsatz, Leidenschaft, Spaß - das müssen unsere Attribute sein, um eventuelle spielerische und individuelle Defizite auszugleichen. Die Nationalmannschaft hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie es damit weit bringen kann.
Seit knapp 20 Jahren spielen Sie auf höchstem Niveau auf der brutalsten Position in einer der härtesten Sportarten: Kreisläufer. Der frühere Bundestrainer Simon Schobel sprach mal von „Galeerendienst“. Wie hat Ihr Körper dem standgehalten?
Toi, toi, toi! Ich habe sehr viel Glück gehabt, was Verletzungen angeht. Wenn ich da viele meiner Mitstreiter sehe, was denen widerfahren ist. Da kann man sich nur freuen, dass man so gesund geblieben ist. Sicher, mit 38 Jahren merke ich es ein bisschen mehr.
Zwei Hände klammern oder rupfen während des Spiels immer an einem Kreisläufer herum. Werden Sie international härter angegangen als in der Bundesliga?
Es wird anders gespielt, die Schiedsrichter pfeifen auch etwas anders als in der Bundesliga. Früher hatte jede Mannschaft ein, zwei Abwehrspezialisten in ihren Reihen, die mit Fairness nichts am Hut hatten. Heute weiß jeder Gegenspieler, dass unsere Körper unser Kapital sind. Die sogenannten „Schlächter“ sind eigentlich ausgestorben.
Was sind die schmutzigsten Tricks am Kreis?
Schmutziges Spiel ist im internationalen Handball nicht mehr gang und gäbe. Früher wurde schon mal gekniffen, auf den Fuß gestellt - und was es noch alles gab.
Spüren Sie ob Ihrer Statur und Ihrer Erfolge Respekt bei den Gegnern? Nach dem Motto: Oh, oh, jetzt kommt der Schwarzer.
In gewissen Situationen merkt man das schon. Das habe ich mir über Jahre erarbeitet. Das ist eine positive Sache.
Wie teilen Sie aus, wenn Ihnen einer richtig dumm kommt?
Ich versuche mich über den sportlichen Weg zu wehren. Das hat mich in der Vergangenheit mehr nach vorne gebracht als schmutzige Fouls.
Aber eine aufwallende Aggression, die in einer Kurzschlussaktion münden kann, kennt doch jeder Kreisligawerfer. Ist man davor als erfahrener Kämpe gefeit?
Das kann mir vielleicht noch passieren, wenn einer versucht, mich massiv und absichtlich zu verletzen. Man kann das natürlich auch lernen, nicht die Beherrschung zu verlieren. Wer auf alles vorbereitet ist, den kann man nur schwer aus der Bahn werfen.
Bei Olympia 2012 in London wären Sie 42 Jahre alt . . .
. . . ich spiele nur noch eine Saison lang bei den Rhein-Neckar Löwen in der Bundesliga.
Sie haben schon oft gesagt, dass es zu 99,9 Prozent kein Zurück in die Nationalmannschaft gibt.
Ich bin mit Heiner Brand so verblieben, dass er mich nach Peking von allen Kaderlisten streicht. Dann kommt er gar nicht mehr in Versuchung, da noch mal was zu unternehmen.