18.01.2008 · Für den verletzten Oleg Velyky ist die EM schon beendet. Johannes Bitter und Henning Fritz indes spielen sich wieder erfolgreich die Bälle zu. Konkurrenzdenken gibt es bei den Torhütern nicht - auch wenn nur einer auf dem Platz stehen kann.
Von Rainer Seele, BergenEigentlich, sagt Johannes Bitter, sei er kein selbstloser Typ. Es gibt ja auch keinen Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Bitter genießt großes Ansehen im Handball, und mancher sieht in ihm derzeit sogar den besten Torhüter der Bundesliga. Daraus allerdings besondere Ansprüche abzuleiten, kommt Bitter nicht in den Sinn - und so akzeptiert der Mann vom HSV Hamburg auch klaglos die bestehende Hierarchie in der deutschen Nationalmannschaft.
Zur Europameisterschaft in Norwegen, die am Donnerstag für die Deutschen mit einem am Ende souveränen 34:26-Sieg über Weißrussland begann, reiste der Weltmeister mit einer klaren Rangordnung: Henning Fritz ist immer noch die „Nummer eins“ im Tor, Bitter trat als zweiter Mann an. So zählte Fritz nun auch in Bergen zur Startformation, einige Male offenbarte er gegen die Weißrussen sein Können, ohne jedoch zu überragen (Siehe auch: Handball-EM: Deutscher Auftaktsieg, aber neue Verletzungssorgen).
„Ich bin zufrieden mit dem, was ich gemacht habe“
Die Deutschen hatten vor spärlicher Kulisse in Bergen zu Beginn einige Mühe mit ihrem Gegner, ihnen unterliefen viele Fehler - und sie haben seit Donnerstag auch wieder Verletzungssorgen. Oleg Velyky musste bereits nach vier Minuten das Feld wieder verlassen. Er hatte eine schwere Blessur am rechten Knie erlitten; einen Einriss am rechten Außenmeniskus. Dies ergab eine eingehende Untersuchung am Donnerstagabend im Krankenhaus in Bergen. Damit ist schon bei der Premiere das EM-Ende für Velyky gekommen, in den Bundestrainer Heiner Brand große Erwartungen gesetzt hatte. Schon bei der Weltmeisterschaft hatte der gebürtige Ukrainer, weil körperlich angeschlagen, nicht eingesetzt werden können. „Das tut uns sehr weh“, sagte Brand, der nun den Lemgoer Lars Kaufmann nachnominieren wird.
Ein bisschen kennt auch Fritz sich mit solchen Rückschlägen aus. Er hatte während des WM-Finales beispielsweise seinen Platz räumen müssen - und Bitter bestätigte danach prompt, dass auch auf ihn Verlass ist. Derzeit ist Fritz am kleinen Finger der rechten Hand lädiert, er trägt eine Schiene. An der Konstellation im Tor hatte Brand dennoch nichts ändern wollen. Obwohl Bitter vor der EM exzellent pariert hatte. Er selbst sagte dieser Tage in Bergen: „Ich bin ganz relaxed. Ich bin zufrieden mit dem, was ich gemacht habe.“
„Bei uns ist es harmonisch. Wir verstehen uns prächtig“
Vier Hände für Deutschland also - aber keine handfeste Auseinandersetzung um einen bedeutenden Posten im deutschen Team: Fritz und Bitter gehen sehr freundschaftlich miteinander um. Konflikte, wie es sie etwa im Fußball zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann gab, sind den beiden Handballprofis fremd. „Bei uns ist es mit Sicherheit harmonisch“, sagt Bitter, „wir verstehen uns prächtig.“ Handball-Torleute müssen schließlich auch anderen Anforderungen gerecht werden als Torhüter im Fußball, im Handball gibt es zwischen den Männern in der hintersten Reihe ein ständiges Zusammenspiel - und häufig auch einen kurzfristigen Wechsel.
Ein Team ist darauf angewiesen, dass ein Torwart den anderen auf die Schnelle möglichst gleichwertig ersetzen kann. Das ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal im Handball. Weil Bitter es in der Regel erfüllt, erzählte Fritz vor kurzem lobend: „Er kann sich richtig reinbeißen in ein Spiel. Das macht ihn sehr wertvoll.“ Bitter bewies dies auch in der zweiten Halbzeit des Duells mit den Weißrussen eindrucksvoll.
„Unglaubliche WM“ ohne erste Wahl gewesen zu sein
So spielen sich die deutschen Torhüter die Bälle zu, Hand in Hand gewissermaßen versuchen sie sich für den deutschen Handball ins Zeug zu legen. „Wir können nur als gesamtes Team funktionieren“, sagt Bitter, „wir arbeiten zusammen für ein großes Ziel.“ Und er wird nicht müde, die gute Beziehung zu Fritz zu preisen - sie sei genau so, „wie ich es mir vorstelle“. Es gehe vor allem darum, sagt Bitter, „dass man sich komplett vertraut“. Er kennt die Eigenarten seines Kompagnons genau, und umgekehrt ist das ebenfalls so. Und vermutlich würde Bitter sich tatsächlich niemals dazu hinreißen lassen, Fritz zu attackieren. Dagegen spräche wohl schon sein Respekt vor dem „handballerischen Lebenswerk“ des 33 Jahre alten Teamkameraden.
Er bewundere an Fritz, sagt der acht Jahre jüngere Bitter, dass er seinem Beruf bereits seit langem auf Weltklasseniveau nachgehe - und dass er auch stark genug gewesen sei, ein Tief zu bewältigen. Eine Anspielung auf die Situation von Fritz vor der WM auf heimischem Terrain: In Kiel war er nicht mehr erste Wahl gewesen, und trotzdem, so Bitter, habe Fritz, der inzwischen bei den Rhein-Neckar-Löwen unter Vertrag steht, eine „unglaubliche WM“ bestritten. Bitter findet, dass das eine „ziemlich einmalige Geschichte“ ist. Und er macht deutlich, dass er niemanden verdrängen wolle, „der es verdient hat, zu spielen“.
„Ich hoffe, dass meine Zeit irgendwann kommt“
So nahe fühlt er sich Fritz, aber auch anderen Torhütern, dass Bitter die Darbietungen anderer inzwischen aus einer speziellen Sicht beurteilt: „Ich kann mich über jeden Ball, den ein Kollege hält, so freuen, als wäre es mein eigener.“ Bitter räumt jedoch ein, dass dies nicht immer so gewesen sei. Er hat sich das aber im Laufe der Jahre angeeignet, das Geschehen bei der WM 2007 brachte ihn dabei in erster Linie voran. „Das ist schwer zu lernen“, sagt Bitter, „aber das gehört dazu.“
Selbstredend strebt der Hamburger danach, eines Tages doch vorzurücken - und Fritz zu beerben. „Ich hoffe, dass meine Zeit irgendwann kommt.“ Bitter erwähnt den Altersunterschied und sagt: „Er hört vielleicht mal auf, und ich bin noch dabei.“ Von zwei auf eins: Bitter, 2,04 Meter groß, würde dann gewiss sehr energisch zupacken. Mit besten Referenzen, nicht nur sportlich.