25.01.2008 · Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat in einem dramatischen Gruppen-Endspiel mit 31:29 gegen Schweden gewonnen, und damit doch noch den Einzug ins EM-Halbfinale geschafft, in dem sie auf Dänemark trifft.
Von Rainer Seele, TrondheimMit den Deutschen ist immer zu rechnen, auch im Handball. Am Donnerstagabend, bei seinem letzten Auftritt in Trondheim, stand der Weltmeister unter Zugzwang, doch er behielt die Nerven. An einem Abend voller Emotionen, voller Hektik schlug die deutsche Handball-Nationalmannschaft Schweden in Trondheim 31:29 - die Deutschen, wieder einmal von ihrem Teamgeist getragen, stehen damit am Samstag gegen Dänemark (18.00 Uhr/ARD/Liveticker Handball-EM) im Halbfinale der Europameisterschaft. Sie hatten auch am Donnerstag einigen Fährnissen trotzen müssen - doch sie präsentierten sich schließlich aufs neue als eine schlagkräftige Einheit. Der Weg führt nun nach Lillehammer - und vielleicht auch zu einer neuen Erfolgsgeschichte.
„Das Spiel hat mich eine Menge Nerven gekostet. Aber der Sieg war verdient. Vom Angriff war das das beste Spiel für uns. Es wäre sehr bitter gewesen, wenn wir heute ausgeschieden wären. Bis zur letzten Minute fighten gehört im Sport dazu“, sagte Bundestrainer Heiner Brand. „Zuletzt haben wir ganz gut gegen Dänemark ausgesehen. Ich denke, wir kommen mit ihnen besser zurecht als mit den Franzosen“, sagte er über den Gegner, der dem Endspiel noch im Weg steht. Im anderen Halbfinale treffen die Franzosen auf Kroatien, das sich durch ein 23:23 gegen Norwegen in der entscheidenden Partie qualifizierte.
Baur mit den wichtigen Toren
Die Schweden hatten bis dahin bei der EM eine kleine Renaissance erlebt, sie sind dabei. Die Skandinavier, die zuletzt nicht mehr an bedeutenden Turnieren teilgenommen hatten, setzen inzwischen auf jüngere Kräfte - sie fahren, wie jüngst bei der EM gegen Spanien zeigte, gut damit. Dieses Ergebnis dürfte auch die Deutschen beeindruckt haben - aber sie selbst hatten am Mittwoch noch einmal Mut geschöpft durch ihre beherzte Darbietung gegen Frankreich. Der Titelverteidiger hatte durch das 26:23 gegen Deutschland vorzeitig das Halbfinale erreicht, er konnte somit das 28:31 am Donnerstag gegen Ungarn leicht verschmerzen. Für Deutschland war es ein großes Glück, dass die Isländer die Ungarn am Mittwoch geschlagen hatten - sie hätten sonst die Halbfinalteilnahme bereits vor dem ersten Wurf gegen Schweden abschreiben können.
Die Deutschen hatten am Donnerstag zunächst noch um Torsten Jansen bangen müssen, der Hamburger leidet unter einer Rippenprellung. Schließlich stellte sich der Linksaußen, der laut Bundestrainer für die „soliden Tore“ zuständig ist, doch zur Verfügung. Jansen und seine Mitstreiter bekamen die neue Stabilität der Schweden gleich zu spüren, sie gerieten umgehend in Rückstand und benötigten einige Minuten, ehe sie wenigstens für einen Gleichstand sorgen konnten. Das schaffte erstmals Kapitän Markus Baur, der per Siebenmeter zum 4:4 traf.
Fritz und Bitter als Rückhalt
Die Deutschen führten ihre Angriffe zwar nicht immer sehr präzise aus, ihnen unterliefen einige Fehler, aber sie verstehen ja zu kämpfen, was ihnen dann einen auch Vorsprung einbrachte. Er war jedoch klein, die Deutschen konnten ihren Gegner höchstens um zwei Tore distanzieren. Das warf die Schweden keineswegs aus der Bahn, sie stemmten sich weiter mit Elan gegen den Weltmeister, sie brachten ihn sogar ziemlich in Bedrängnis.
Die Schweden waren bald wieder obenauf - und wäre ihnen Torhüter Henning Fritz nicht einige Male reaktionsschnell in die Parade gefahren, hätte das deutsche Team schon früh in eine sehr bedrohliche Situation geraten können. Dass dies abgewendet werden konnte, lag auch an Holger Glandorf: Der Nordhorner brachte es allein im ersten Teil dieses Handballabends in Trondheim auf fünf Treffer. Die Schweden stellten zwischenzeitlich einen Sonderbewacher für ihn ab. Glandorf war auch an der letzten Aktion der ersten Halbzeit maßgeblich beteiligt: Er trat beim Stand von 16:18 zum Freiwurf an, scheiterte damit aber an der schwedischen Deckung. Für Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt nur vier Feldspieler im Einsatz, da Oliver Roggisch und Andrej Klimovets nach allzu ungestümem Zupacken Zweiminutenstrafen erhalten hatten.
Handball-Deutschland darf auf den nächsten Coup hoffen
Einer der Deutschen, Tormann Johannes Bitter, hatte sogar in der Pause Grund zum Hadern: Bei Wurfübungen seiner Kollegen musste er einen Kopftreffer einstecken, der Hamburger machte danach einen sehr benommenen Eindruck. Kaum war das deutsch-schwedische Duell fortgesetzt worden, präsentierte sich Bitter aber doch von seiner besten Seite: Er parierte einen Siebenmeter. Bitter konnte trotz seines Malheurs also mitmischen, er offenbarte auch einige Proben seines Könnens.
Roggisch hingegen musste wegen einer Wadenverletzung - vermutlich handelt es sich um einen Muskelfaserriss - endgültig den Dienst quittieren. Später lief auch der Lemgoer Michael Kraus angeschlagen zur deutschen Bank: Die spannungsgeladene, hart umkämpfte Begegnung forderte ihren Tribut. Auch von den Schweden: Kim Andersson holte sich eine blutende Wunde am Ohr.
Der Weltmeister setzte sich tapfer zur Wehr gegen die agilen Skandinavier, er konnte sich nicht zuletzt immer wieder an Bitter aufrichten. Und an Toren, die in der Schlussphase etwa der Kieler Christian Zeitz erzielte. Zehn Sekunden vor Schluss führte der Weltmeister mit einem Tor Vorsprung, ein Unentschieden wäre zu wenig gewesen. Brand nahm eine Auszeit - danach erzielte Kapitän Markus Baur den entscheidenden Treffer. Mochte auch manches schieflaufen: Der Behauptungswille von Brands Team erlahmte nie - und so kann Handball-Deutschland weiter auf den nächsten großen Coup hoffen.