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Handball-EM Charaktertest in der Zwischenrunde

21.01.2008 ·  Nach der Schlappe gegen Spanien war die Stimmung gereizt im deutschen Lager. Um die erhoffte EM-Medaille noch zu erreichen, müssen sich Heiner Brands Handball-Weltmeister gegen Isländer, Schweden und die „eigentlich unschlagbaren“ Franzosen enorm steigern.

Von Rainer Seele, Trondheim
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So gereizt war die Stimmung, dass Heiner Brand den Kieler Christian Zeitz vorsichtshalber zur Seite schob. Der Bundestrainer versuchte, Zeitz damit ein wenig aus der Schusslinie zu nehmen – schließlich hatte sich Oliver Roggisch, einer der Anführer der deutschen Handballspieler, sehr über seinen Kollegen echauffiert. Weil Zeitz im Duell mit Spanien in Bergen wieder einmal überhastet geworfen hatte – und auch mit diesem Vorhaben gescheitert war.

Weil überhaupt vieles schiefgegangen war an diesem Tag, steht der Weltmeister nun unter gehörigem Druck bei der Europameisterschaft in Norwegen. Zwar hatten die Deutschen die Hauptrunde in Trondheim vorzeitig erreicht, doch der Kampf um das Halbfinale wird härter werden, als mancher von ihnen wohl gedacht hatte. Und mehr noch: Auf Brands Team kommt nach dem Desaster von Bergen ein Charaktertest zu.

„Es ist ja nichts passiert“

Der Bundestrainer hatte schon unmittelbar nach dem 22:30 gegen Spanien deutlich gemacht, was er von seinen Gefolgsleuten verlangt. Sie sollen jetzt zeigen, „dass wir tatsächlich eine Mannschaft sind“. Die Deutschen verfügen nur über ein kleines Hab und Gut zu Beginn der zweiten EM-Woche: Sie haben lediglich zwei Punkte mit nach Trondheim genommen, sie resultieren aus dem Sieg über Ungarn. Gern hätte Brand natürlich auf einen doppelt so hohen Ertrag gebaut – er hätte damit den Aufgaben in Trondheim deutlich ruhiger entgegenblicken können. Jetzt müssen die Deutschen sich auf einen steinigen Weg einstellen bei Gegnern, die Island, Frankreich und Schweden heißen (Siehe: Handball: Ergebnisse und Tabellen).

Es sind Widersacher von beträchtlichem Format, Brand hatte noch am Sonntagabend auf ihre Stärken hingewiesen. Er pries die „gute Ausbildung“ der isländischen Handballspieler, er wähnt die Schweden „auf dem Weg zurück in die Spitze“ – und Frankreich hob er sogar schon mal auf den Gipfel: „Die sind eigentlich unschlagbar.“ Wie soll Deutschland gegen solche Konkurrenten bestehen? Brand bemühte sich natürlich, trotz des Rückschlags gegen Spanien Zuversicht zu demonstrieren. Er behauptete: „Es ist ja nichts passiert.“

„Wir haben ja keine Krisenzeit“

Damit wollte er ausdrücken, dass bei bedeutenden Turnieren eine Niederlage noch nicht gleich das Ende aller Hoffnungen bedeuten muss. Die Deutschen hatten dies bei der Weltmeisterschaft 2007 im eigenen Land erlebt: Da verloren sie in der Vorrunde gegen Polen, danach aber gaben sie sich keine Blöße mehr. Brand erwähnte auch das Beispiel Frankreich: Das Team hatte bei der EM 2006 in der Schweiz klar gegen Spanien verloren und errang doch den Titel. An solchen Geschehnissen orientieren sich die Deutschen jetzt, sie sollen gewissermaßen als Muntermacher dienen.

Der Bundestrainer setzt darauf, dass seine Spieler inzwischen genau wissen, dass eine EM auch für einen Weltmeister nur mit ganzer Kraft zu bewältigen ist. Womöglich, sagte Brand, sei das 22:30 gegen Spanien deswegen sogar ein bisschen hilfreich gewesen. Er wünschte sich, dass es die Spieler wachrüttelt, dass sie spätestens jetzt erkennen, „dass die Dinge nicht von allein gehen, dass man über sich selbst nachdenkt und nicht irgendwelchen Hirngespinsten nachjagt“. Käme es tatsächlich so, „hätten wir schon viel gelernt“.

„So ein Video kann Wunder bewirken“

Die große Schwäche der Deutschen ist bisher der Angriff gewesen; der Rückraum vor allem, das Herz des Teams, enttäuschte sehr. Pascal Hens in erster Linie hatte eine miserable Trefferquote. Brand nahm den Hamburger zwar ein bisschen in Schutz mit der Bemerkung, dass speziell er viel einstecken müsse. „Er wird häufig gefoult“, sagte Brand, „und es wird nicht gepfiffen. Pommes kriegt immer einen Stoß von der Seite.“ Doch der Gummersbacher musste auch einräumen, dass Hens „so ein bisschen die Dynamik fehlt“.

Das freilich ist generell das Manko des deutschen Rückraums: Brand vermisst die Laufbereitschaft, die Flexibilität. Er hatte auch am Sonntag eindringlich diese Unzulänglichkeiten angesprochen, er hatte den Spielern zugerufen: „Reißt euch zusammen, bewegt euch“ – doch auch damit konnte er Hens und dessen Mitstreitern keine Beine machen. Eine Alternative zu Hens hat Brand nach dem frühen Ausfall von Oleg Velyky kaum.

„Wir werden nicht auseinander fallen“

Im linken Rückraum kann nur noch Lars Kaufmann Posten beziehen, dem Lemgoer mangelt es jedoch an Variabilität. Auch im rechten Rückraum sind die Möglichkeiten für Brand begrenzt: Holger Glandorf kommt derzeit nicht wie erwartet zum Zuge, der unberechenbare Zeitz ist alles andere als eine verlässliche Größe. Aber auch bei diesem Problemfall lässt Brand noch Milde walten: „Er war häufig verletzt in letzter Zeit.“ Der Bundestrainer wird jedoch für diese Position den Lemgoer Rolf Hermann nachmelden; Hermann saß bisher bei der EM nur auf der Tribüne.

Am Sonntagabend hatten die Deutschen sich noch einmal intensiv mit dem Debakel gegen Spanien befassen müssen – eine Aufarbeitung der Misere. „So ein Video“, sagte Brand, „kann Wunder bewirken.“ Er ist überzeugt davon, dass sein Team sich wieder stabilisieren kann, dass auf alle Fälle der Zusammenhalt, der die deutschen Handwerker in der Regel auszeichnet, nicht eingebüßt wird: „Wir haben ja keine Krisenzeit“, betonte der Bundestrainer am Montag kurz vor dem Flug nach Trondheim. „Wir werden sicherlich nicht auseinander fallen.“ So gab sich beispielsweise der Kieler Dominik Klein am Montag auch schon wieder sehr forsch. Die Isländer, auf die die Deutschen an diesem Dienstag treffen, bezeichnete der Linksaußen salopp als „Kampfschweine“ und kündigte an: „Wir werden uns auf sie stürzen.“ Eine andere Wahl hat der angeschlagene Weltmeister auch nicht.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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