26.01.2008 · Feuer, Kampfgeist, Leidenschaft - die deutschen Handballspieler zeigen bei der EM wieder ihr Weltmeister-Gesicht. Den Heimvorteil brauchen sie nicht, um noch ein großes Turnier zu gewinnen. Nun geht es um den Einzug ins Finale.
Von Rainer Seele, LillehammerHeiner Brand sprach plötzlich ein bisschen Englisch und sogar ein wenig Französisch. Brand vertraut bei Pressekonferenzen sonst nur seiner Muttersprache, aber diesmal machte er sich einen kleinen Spaß daraus, seine Zuhörer zu verblüffen. Das verdeutlichte, wie aufgekratzt er war und wie erleichtert auch. Der Donnerstag war eine Erlösung auch für ihn, Brand machte keinen Hehl daraus. „Durch das heutige Spiel bin ich versöhnt worden“, sagte der Bundestrainer. Er hatte seine Mannschaft endlich wieder so erlebt, dass er schließlich kaum Einschränkungen machen musste in seinem Urteil über sie.
Als es darauf angekommen war in Trondheim, im dritten und entscheidenden Teil der Hauptrunde der Europameisterschaft, zeigte sie wieder vieles von dem, was im vergangenen Jahr auf heimischem Terrain ihr Gesicht geprägt hatte, womit sie rauschende Handballfeste inszeniert hatte: Behauptungswillen und Kampfgeist vor allem. Und nach dieser bewegenden Aufführung, nach einem Duell voller Emotionen und Hektik und Härten, machten sich die Deutschen mit frischem Mut auf den Weg nach Lillehammer. Kaum dass sie Schweden 31:29 bezwungen und das Halbfinale gegen Dänemark (Samstag, 18 Uhr / FAZ.NET-Liveticker) erreicht hatten, sagte Oliver Roggisch schon: „Jetzt bin ich mal gespannt, ob uns jemand schlagen kann.“
„Ich habe mir keine Diagnose am Spielfeldrand angehört“
Für ihn war es aber auch eine traurige Stunde. Denn an einem Abend, an dem auf deutscher und auf schwedischer Seite auch Blut floss, hatte Roggisch sich einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Der Weltmeister wird damit in Lillehammer auf den Verteidigungsspezialisten verzichten müssen, auf einen Mann, der sich dem Gegner besonders energisch entgegenstemmt und der seine Mitstreiter lautstark und gestenreich antreiben kann. Brand reagierte auf den personellen Rückschlag prompt: Er nominierte Frank von Behren nach, der am Freitag zum deutschen Tross stieß. Von Behren soll sich hauptsächlich in der Deckung bewähren.
Bei anderen hatte die nervenaufreibende Auseinandersetzung mit den Schweden ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Michael Kraus, der junge Lemgoer, beispielsweise war ebenso angeschlagen wie Kreisläufer Sebastian Preiß. Man konnte fast den Überblick verlieren bei all den Deutschen, die in Trondheim behandelt werden mussten. Brand griff zu einer speziellen Methode, um mit der Ausnahmesituation zurechtzukommen. „Ich habe mir keine Diagnose mehr am Spielfeldrand angehört.“ Als die Schlacht geschlagen war, sagte er, dass man zunächst „alles mal ordnen“ müsse. Und Brand klagte auch über den Modus der EM, der den Teams drei Hauptrundenspiele in direkter Folge abverlangt hatte. Eine zu große Belastung, wie Brand findet, weswegen er forderte, dass diese Regelung schnell geändert werden müsse.
Heiner Brand: „Diese Zweifel waren sicherlich berechtigt“
Große Sorgen um den Zustand seines Ensembles schien er sich gleichwohl nicht zu machen. Wie er der nächsten Aufgabe an diesem Samstag entgegenblickt, schilderte der Bundestrainer jedenfalls so: „Gutgelaunt und optimistisch.“ So gelöst hatte Brand sich nicht immer gegeben in den vergangenen Tagen in Norwegen, denn manches war nicht nach Wunsch gelaufen bei den Deutschen. Ihr Spiel hatte unter der Schwäche des Angriffs gelitten, und dass mancher dem Weltmeister deshalb zuletzt eine gewisse Skepsis entgegenbrachte, konnte Brand gut verstehen. „Diese Zweifel waren sicherlich berechtigt.“
Auch seine Gefolgsleute sahen das so, da ihnen einiges nicht so leicht von der Hand gegangen war wie noch vor einem Jahr. „Das ganze Turnier war eine Achterbahnfahrt“, sagte Roggisch. Diesmal jedoch konnte Brand zufrieden darauf hinweisen, dass endlich auch die offensiven Kräfte den Erwartungen gerecht wurden, dass der Rückraum einen wesentlichen Anteil am Erfolg hatte. Das traf auf den Hamburger Pascal Hens zu und auf den Nordhorner Holger Glandorf, beide erzielten jeweils sieben Tore gegen die Schweden.
„Ein paar Leuten ist das Herz kurz stehengeblieben“
Auch Christian Zeitz war zur Stelle bei seinem kurzen Einsatz. Der Kieler ist zwar nicht in bester Verfassung, trotzdem sorgte er gegen Schweden für Belebung; seine beiden Treffer in der spannenden Schlussphase halfen, die Skandinavier auf Distanz zu halten. Zeitz agiert häufig unberechenbar, er kann einen Trainer damit zur Weißglut treiben. Auch am Donnerstag offenbarte er seinen Hang zu riskantem Vorgehen. „Ein paar Leuten“, sagte Brand dazu, „ist das Herz kurz stehengeblieben.“
Auf welch schmalem Grat die Deutschen wandelten, belegt dies: Hätten sie gegen Schweden verloren, wäre bestenfalls noch Platz neun möglich gewesen. Für den Weltmeister war der Donnerstag somit die letzte Gelegenheit, „das Turnier vernünftig hinzukriegen“, wie Brand es formulierte. Wie der Champion das bewerkstelligte, wie er sich aufbäumte und allen Fährnissen trotzte, wie Torhüter Johannes Bitter etwa trotz eines Kopftreffers in der Halbzeitpause zu einem großen Rückhalt wurde, beeindruckte die Beobachter und die Protagonisten selbst.
„Das wird sicherlich ein schöner Fight werden“
Kapitän Markus Baur pries die Einstellung des Teams überschwänglich. Der Lemgoer, sozusagen die rechte Hand des Bundestrainers, attestierte Brands Team einen „unheimlichen Charakter“. Und Baur glaubt auch, nun all jene Kritiker widerlegt zu haben, die den Deutschen vorgehalten hatten, ihren WM-Triumph allein durch den Heimvorteil errungen zu haben. Solche Äußerungen ärgerten auch Brand. Wer so etwas behaupte, sagte der Gummersbacher, sei ein „Dummschwätzer“.
Die vermeintlich unbeugsamen Deutschen haben jedenfalls bewiesen, dass sie auch in der Fremde in der Lage sind, Feuer und Leidenschaft zu entfachen. Eine Geschichte mit Fortsetzung? Brand rechnet gegen Dänemark zumindest wieder mit Handgreiflichkeiten en masse: „Das wird sicherlich ein schöner Fight werden.“