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Brand greift hart durch Verbannung in die Denkpause

28.01.2008 ·  Heiner Brand hat nach dem bitteren Abschluss der Handball-EM reagiert und Michael Kraus sowie zwei weitere Lemgoer aus dem Kader gestrichen. „Ich bin konsterniert, dass drei Sündenböcke ausgesucht und an den Pranger gestellt werden“, sagte Lemgos Manager Volker Zerbe.

Von Rainer Seele, Lillehammer
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So leicht vergisst Heiner Brand nicht, er hatte über diesen Wesenszug auch in Norwegen gesprochen. In dem Moment, als er sich darüber ausließ, als er über seinen Dickschädel redete, hatte dies schon wie eine Drohung verstanden werden können. Just zuvor nämlich hatte ihm seine Mannschaft eine herbe Enttäuschung bereitet, und vermutlich war der Bundestrainer Brand seit langem nicht mehr so verärgert wie in diesem Augenblick.

Und er handelte danach prompt: Am letzten Tag der Europameisterschaft, nicht lange nach dem letzten Spiel in Lillehammer, strich Brand drei Spieler aus seinem Kader: Die Lemgoer Michael Kraus, Lars Kaufmann und Rolf Hermann werden vorläufig nicht mehr von Brand berücksichtigt. Sie vor allem hatten sich bei dem Debakel gegen Frankreich, durch das der Handball-Weltmeister die Bronzemedaille verpasste, den Zorn des Handball-Lehrers aus Gummersbach zugezogen.

Kraus fehlt der Blick für das Wesentliche

„Das war einfach zu wenig. Ich habe bei ihren Einsätzen nicht erkennen können, dass sie ihre Chance beim Schopf packen wollen“, begründete Brand seine Maßnahme. Er ging in erster Linie mit Kraus, dem einstigen „Bravo Boy“, hart ins Gericht. Kraus zählt zur aufstrebenden Generation im deutschen Handball, und seit den rauschenden Handballfesten vor einem Jahr auf deutschem Boden wird er von jugendlichen Fans wie ein Popstar gefeiert. Doch Kraus, der nebenbei als Unterwäsche-Model auftritt, gilt auch als Luftikus.

Unmittelbar vor der EM hatte der Sportpädagoge Brand schon gesagt, er wünschte sich, dass Kraus sich mit manchen Dingen ernsthafter auseinandersetzte. „Er macht sich nicht immer über alles Gedanken.“ Kraus gelobte zwar Besserung, und er wollte dabei sogar ein rasantes Tempo anschlagen: „Ich weiß, was Brand meint“, behauptete er und kündigte an, dies auf jeden Fall „zu 200 Prozent“ abzustellen. In Norwegen aber hatte Brand davon nichts erkannt. Er klagte, dass Kraus in der Mitte des Rückraums, also auf der strategisch wichtigsten Position im Handball, lediglich 30 Prozent seiner Möglichkeiten ausschöpfe. Dazu kritisierte Brand, dass Kraus ein Typ sei, der sich leicht ablenken lasse - und dadurch den Blick für das Wesentliche verliere. So hatte Brand auch im Duell gegen Frankreich, bei dem die Deutschen 26:36 geschlagen wurden, nach der Verletzung von Markus Baur dem Team keine Impulse geben können.

Scharfe Kritik an Kaufmann und Hermann

Selbstredend hegt Brand die Hoffnung, dass Kraus lernt, sich auf seine Aufgaben als Handballspieler zu besinnen. Er könne wesentlich mehr, als er zuletzt gezeigt habe, sagte der Bundestrainer. „Das muss er abrufen. Dann ist es okay.“ Brand setzt dabei nicht zuletzt auf die Hilfe von Baur, der in Lemgo jetzt als Trainer in der sportlichen Verantwortung steht. Baur, der noch die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking anstrebt, soll Kraus nun in der Bundesliga Beine machen.

Kaufmann und Hermann hätten sich gegen die Franzosen bewähren sollen, da Brand auf einige angeschlagene Stützen hatte verzichten müssen. Doch für Wirbel sorgten die beiden Lemgoer keineswegs. Noch nicht einmal an ihren Gesichtern hatte Brand ablesen können, „dass sie unbedingt wollen“. So trugen Kaufmann und Hermann seiner Ansicht nach dazu bei, dass der positive Eindruck, den die Deutschen trotz mancher Schwächen zumindest bis zum Samstag in Norwegen hinterlassen hatten, angekratzt worden sei. Brand sah sich danach gezwungen, zu reagieren. „Es bestand Handlungsbedarf.“

Kritik an Brand: „Drei Sündenböcke an den Pranger gestellt“

Der Gummersbacher spricht allerdings nicht von einem Rauswurf. Kraus, Kaufmann und Hermann sollen ihre Verbannung als Denkpause begreifen. Sie könnten sich, sagte Brand am Montag, in ihren Vereinen wieder für höhere Aufgaben empfehlen. Zumindest im Februar, wenn die Deutschen auf die Schweiz treffen, werden die drei Lemgoer jedoch fehlen. Brand will diese Gelegenheit ohnehin zu Testzwecken nutzen.

Kraus, Kaufmann und Hermann sollen sehr ruhig gewesen sein, als Brand ihnen bei der Abschlussbesprechung in Lillehammer seinen Schritt erläuterte. Am Montag wurde der Bundestrainer hingegen wegen seines Vorgehens von den Lemgoer Handball-Funktionären angegriffen. „Ich bin konsterniert darüber, dass da drei Sündenböcke ausgesucht und an den Pranger gestellt werden“, sagte Manager Volker Zerbe, einst Nationalspieler unter Brand. „Nach so einem Spiel wie gegen Frankreich, wo gar nichts läuft, drei Leute rauszupicken, halte ich für nicht okay“, monierte Zerbe. Zudem sei Kaufmann vor der Europameisterschaft fünf Monate verletzt gewesen. „Das wusste der Bundestrainer, und er hat ihn trotzdem mitgenommen. Da hätte er ihn ja auch gleich zu Hause lassen können.“

Dass Undiszipliniertheit abseits des Feldes zu den Sanktionen geführt haben könnte, glaubt Zerbe nicht. Der Lemgoer Sportdirektor Daniel Stephan sagte: „Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sich keiner von ihnen neben dem Spielfeld etwas hat zuschulden kommen lassen.“ Dass sie auf dem Feld schluderten, war für Brand indes schon Grund genug, hart durchzugreifen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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