27.06.2009 · Nach fünf Sätzen und einer Übernachtung steht Thomas Haas im Achtelfinale von Wimbledon. Auch in der Nachspielzeit am Samstag behielt er gegen Marin Cilic die Oberhand - und wandelt sich immer mehr zum großen Kämpfer.
Von Peter Penders, LondonWie lange würden sie jetzt wohl weiterspielen? Fünf Minuten, eine Stunde? Alles war möglich, als Thomas Haas und der Kroate Marin Cilic am Samstagnachmittag ihre Partie fortsetzten, die am Abend zuvor zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt wegen der längst eingebrochenen Dunkelheit nach vier Stunden und zwei Minuten Spielzeit unterbrochen worden war. 7:5, 7:5, 1:6, 6:7 (3:7) und 6:6 stand es da aus der Sicht des Deutschen, und beide hatten jeweils zwei Matchbälle vergeben.
Haas im vierten Satz beim Stand von 5:4, Cilic eine Stunde später im fünften Satz beim Stand von 6:5. Gut geschlafen wird keiner der beiden haben, besser schlafen wird in jedem Fall Thomas Haas in der nächsten Nacht. 26 Minuten am Samstag genügten ihm in der Verlängerung, um die Partie letztlich mit 10:8 im fünften Satz für sich zu entscheiden. „Am freien Tag morgen werde ich mich ausruhen, gut essen und mich massieren lassen. Sonst nichts“, sagte Haas, nachdem er den Platz verlassen hatte. Und er mokierte sich über die Regel, dass es im All England Club keinen Tiebreak im fünften Satz gibt. „Das sollte geändert werden, so wie bei den US Open.“
Der größte Reiz für die Fans
Wann immer von der Krise im Tennis die Rede ist – allerdings nur, wenn in Deutschland diskutiert wird – dann wird die Unberechenbarkeit des Spiels vor allem für die übertragenden Fernsehsender ins Spiel gebracht. Fünf Sätze, und niemand weiß, wie lange es dauern könnte, das scheint nicht mehr zeitgemäß. Fünf Sätze, und niemand weiß, wie lange es dauern könnte – darin liegt aber für die Fans der größte Reiz.
Fast alle Spiele, an die man sich Jahre später noch erinnert, sind Begegnungen, die über die volle Strecke gingen, die das ganz große Drama boten und Wendungen nahmen, mit denen niemand mehr gerechnet hatte. Und in dieser Partie von Haas gegen den Weltranglisten-Dreizehnten war alles präsentiert worden, was sich Tennisfans von ihren Stars erhoffen. Als die beiden am Freitagabend beim Stand von 6:6 vom Platz gingen, hatten sich die Zuschauer von den Plätzen erhoben und die beiden Hauptdarsteller mit Ovationen verabschiedet.
Im Spätherbst seiner Karriere
In Deutschland ist Haas nicht immer der Respekt entgegengebracht worden, den er im Grunde verdient gehabt hätte. Zu kontrovers ist seine Karriere verlaufen, die einst mit der Unterstützung eines Sponsorenkreises im Alter von zwölf Jahren im Tenniscamp von Nick Bollettieri in Florida begann und ihn zwischenzeitlich bis auf den zweiten Platz der Weltrangliste führte. Doch der Liebling in der Heimat wurde Haas nie, vielleicht auch, weil es nie so aussah, als ließe er sein Herz auf dem Platz.
Nun, im Spätherbst seiner Karriere, wandelt sich der gebürtige Hamburger zum großen Kämpfer. Nach drei Schulteroperationen war lange fraglich, ob er überhaupt wieder auf die Profitour würde zurückkehren können, aber wenn am Montag nächster Woche die neue Weltrangliste veröffentlicht wird, ist er vermutlich wieder der beste deutsche Tennisspieler. Allerdings einer, auf den der deutsche Daviscup-Teamchef Patrik Kühnen beim Viertelfinale Mitte Juli in Spanien verzichten muss. Haas hat das letzte Mal für Deutschland beim Halbfinale vor zwei Jahren in Moskau gespielt, und solange es auf Sand geht, wird es auch kein Comeback geben. Das versteht nicht jeder, das ist aber angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit verständlich.
Nervenstark die Rückschläge weggesteckt
In Wimbledon hat der Deutsche mit Wohnsitz Florida schon viel erlebt. Er musste schon aufgeben wegen eines verdorbenen Magens (2001), dann trat er beim Warmspielen auf einen Ball und zog sich einen Bänderriss zu (2005), vor zwei Jahren erreichte er wie diesmal die vierte Runde, konnte dann aber wegen einer Bauchmuskelzerrung nicht gegen Roger Federer antreten. Auch 2009 verläuft alles andere als normal: Die erste Partie gegen Alexander Peya war wegen Dunkelheit unterbrochen worden, die nächste Runde gegen Michael Llodra verlief kurz: Beim Stand von 4:3 für Haas war der Franzose gegen den Schiedsrichterstuhl geprallt und musste verletzt aufgegeben.
Und nun dieser Krimi gegen den in der Weltrangliste 21 Plätze vor Haas (Rang 34) plazierten Kroaten, in der er wieder seine große Klasse zeigte. Taktisch perfekt hatte er den zunächst überlegenen 1,98 Meter großen kroatischen Aufschlagriesen nach anfänglichen Schwierigkeiten in den ersten beiden Sätzen beherrscht. Und nervenstark hatte er die Rückschläge weggesteckt, die dann folgten, die beiden vergebenen Matchbälle im vierten Satz, den 0:3 und 3:5-Rückstand im fünften Satz, danach die beiden Matchbälle für Cilic, als man kaum noch etwas sehen konnte.
„Ich bin froh, dass ich hier durchgekommen bin“
Bei der Fortsetzung am Samstag war Haas der bessere Spieler, aber glatt lief auch diesmal nichts. Ihm gelang zwar das Break zum 9:8, und er lag auch 30:0 im nächsten Aufschlagspiel vorne und hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Punkt bei eigenem Aufschlag abgegeben – dann aber kam Cilic doch noch zu zwei Breakbällen. Wenig später nutzte er dann seinen dritten Matchball in dieser Partie – 19 Stunden, nachdem er die anderen beiden vergeben hatte. „Ich bin froh, dass ich hier durchgekommen bin“, sagte Haas, der nun auf den Russen Igor Andrejew trifft; jenen Spieler, der ihn damals beim Daviscup in Moskau wie einen Anfänger hatte aussehen lassen.