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Sabine Lisicki Kaum mehr einzufangen

30.06.2009 ·  Als unbekanntes „Dark Horse“ gestartet, steht Sabine Lisicki nun in Wimbledon im Blickpunkt. Am Dienstag spielt sie ab 14 Uhr gegen Dinara Safina um den Sprung ins Halbfinale. Nicht auszuschließen, dass sie sogar den ganzen Weg bis zum Titel geht.

Von Peter Penders, London
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Fast in jedem Jahr gibt es in Wimbledon diesen Spieler oder diese Spielerin, mit der absolut niemand gerechnet hat - ein „Dark Horse“. Der Begriff stammt, wie man sich denken kann, aus dem Pferderennsport, und er bezeichnet ein Pferd, dass den Wettern vorher gänzlich unbekannt war. Nun kann man schwerlich behaupten, dass Sabine Lisicki niemandem ein Begriff war, als sie sich vor etwas mehr als einer Woche auf den Weg in den Londoner Südwesten machte, schließlich hatte sie im April ihr erstes WTA-Turnier in Charleston gewonnen. Trotzdem aber ist sie nun das „Dark Horse“, denn wer hat schon damit rechnen können, was da im All England Lawn Tennis and Croquet Club mit der 19 Jahre alten Deutschen passieren würde? In ihrer noch jungen Karriere hatte sie vorher schließlich noch kein einziges Rasenspiel gewonnen - und nun steht sie nach ihrem souverän 6:4- und 6:4-Erfolg über die Weltranglistenneunte Caroline Wozniacki im Viertelfinale.

Viel hätte nicht gefehlt, und auch das Jahr 2009 hätte die Rasenbilanz der Berlinerin mit Wohnsitz in Florida nicht wesentlich verändert, sondern ihre Negativserie nur verlängert. Beim Vorbereitungsturnier in Eastbourne hatte sie 1:6 und 2:6 gegen die Australierin Samantha Stosur verloren, und in der ersten Runde in Wimbledon war sie nur zwei Punkte von einer weiteren Niederlage entfernt, diesmal gegen die an Position 32 gesetzte Russin Anna Tschakwetadze. Kampfgeist aber ist etwas, was die Deutsche vermutlich nur in Versalien schreibt, und tatsächlich drehte sie diese Partie noch und gewann in drei Sätzen. „Das ist vielleicht der Schlüssel zu allem“, sagt sie.

Manchmal kann ein „Dark Horse“ nicht mehr eingefangen werden

Da ist nicht nur deshalb etwas dran, weil sie sonst ja schon irgendwo in ihrer Wahlheimat für die bevorstehende Hartplatzsaison trainieren würde. Aber dieser Erstrundenerfolg stattete ihr Spiel mit dem entscheidenden Detail aus, das im Sport im Allgemeinen und im Damentennis im Besonderen enorm weiterhilft: Selbstvertrauen. Angst vor großen Namen, bekundet Sabine Lisicki, habe sie ohnehin nicht, nun kommt plötzlich noch hinzu, dass sie selber daran glaubt, auch auf Rasen gut Tennis spielen zu können. Trotz einer Allergie gegen alles, was blühen kann, die im Moment aber keine Rolle mehr spielt - stattdessen blühen plötzlich die großen Träume.

Natürlich nicht bei ihr, aber die Fragen, die an sie gestellt werden, ändern sich. Ein „Dark Horse“ kann manchmal nicht mehr eingefangen werden, wenn es erst einmal ins Laufen gekommen ist - ob sie sich etwa vorstellen kann, den ganzen Weg bis zum Ende zu gehen? Vermutlich kann sie das, sie ist schließlich in Florida beim Trainerguru Nick Bollettieri für ihr Profileben vorbereitet worden und ist deshalb mit diesem positiven Gedankengut ausgestattet, mit dem amerikanische Sportler stets an ihr Tagwerk gehen.

Step by Step, Schritt für Schritt, Runde für Runde

Aber sagen würde sie das sicher nicht, sie hat nicht nur ihre Lektionen auf dem Tennisplatz gelernt. Step by Step, Schritt für Schritt, Runde für Runde - Sabine Lisicki denkt natürlich nur an den nächsten Punkt und maximal von Spiel zu Spiel. Das Nächste an diesem Dienstag wird dabei schwer genug, und glaubt man der Weltrangliste, dann ist es sogar der Schwierigste überhaupt: Sie trifft nun auf die Weltranglistenerste Dinara Safina (Dienstag, 14 Uhr, Center Court), die nach ihrem Achtelfinale gegen Amelie Mauresmo wegen des zwischendurch einsetzenden Regens die historische Ehre hatte, Teilnehmerin des ersten Turnierspiels in Wimbledon zu sein, bei dem das neue Dach auf dem Centre Court geschlossen wurde.

Nicht nur für das prestigeträchtigste Turnier der Welt hat aber die Neuzeit begonnen, offenbar auch für die Deutsche. Mit ihrem bisherigen Abschneiden wird sie in der Weltrangliste dicht an die besten zwanzig Spielerinnen heranrücken, das Ende aber ist noch nicht absehbar. Die letzte Strecke hat sie gerade in Siebenmeilenstiefeln zurückgelegt, wie ihre Achtelfinalgegnerin Caroline Wozniacki zu spüren bekam. Die Dänin hatte das Vorbereitungsturnier in Eastbourne gewonnen, durfte sich gut vorbereitet fühlen und verlor dennoch glatt. Dass da eine kommt, die künftig nicht bereitwillig Platz machen wird, zeigte eine kleine Episode beim letzten Seitenwechsel: Beim kleinen Nadelöhr am Netz, an dem eine der anderen den Vortritt lassen muss, stießen die beiden zusammen.

Aber nicht nur die Körpersprache hinterlässt Wirkung in Wimbledon - in erster Linie sind dafür ihre Aufschläge verantwortlich. Nur Venus Williams schlägt noch härter auf als Sabine Lisicki, und ihre stärkste Waffe ließ sie auch im bislang größten Spiel ihrer Karriere nicht im Stich. Es werden, da darf man langsam sicher sein, noch einige große Partien kommen. Nur ein „Dark Horse“ wird sie nie wieder sein.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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