22.06.2009 · An diesem Montag beginnen die All England Lawn Tennis Championships in Wimbledon. Erstmals hat der Centre Court nun ein Dach. Im Interview mit FAZ.NET spricht Nicolas Kiefer über den neuen Regenschutz und die Bärenjagd von Scharapowas Vater.
An diesem Montag startet das alterwürdige Tennis-Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Erstmals wird nicht mehr nur unter freiem Himmel gespielt; der Centre Court hat ein transparentes Dach bekommen (siehe auch: Großes Tennis: Spiel, Kuss und Dach für Wimbledon). Der Deutsche Nicolas Kiefer ist an Nummer 33 gesetzt und trifft in der ersten Runde auf den Franzosen Fabrice Santoro. Im FAZ.NET-Interview spricht er über das neue Wimbledon-Dach, das längste Spiel seines Lebens und die Bärenjagd mit Scharapowas Vater.
In Wimbledon hat der Centre Court ein transparentes Dach bekommen, das bei Regen geschlossen wird. Wie gefällt Ihnen die Neuerung?
Etwas Neues ist immer gut im Tennis. Die Gerry Weber Open waren ja das erste Rasenturnier, das ein Dach hatte. Was dort in Halle erreicht wurde, ist gigantisch. Und ich glaube, darauf war Wimbledon neidisch. Jetzt können auch die Londoner den Fernsehsendern garantieren, dass sie immer Matches im Programm haben.
Sie meinen, Gerry Weber hat dazu beigetragen, dass das konservative Wimbledon moderner wird?
Ich glaube schon. Die Londoner wollten zeigen, wo der Hammer hängt.
Spielen Sie lieber unter freiem Himmel oder unter einem Dach?
Das ist mir eigentlich egal. Auf einem Centre Court zu spielen ist immer und überall ein Genuss. Wenn das Dach offen ist, dann sind die Bedingungen mit Sonne und Wind gar nicht so einfach. Außerdem fliegen die Bälle schneller. Wenn das Dach geschlossen ist, herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Hallenturnier, und es ist extrem laut. Außerdem werden die Bälle aufgrund der höheren Luftfeuchtigkeit größer, das Spiel wird langsamer. Darauf muss man sich vorbereiten, man muss die Schläger anders bespannen und ein wenig variieren.
Womöglich bleibt nach einigen Turniertagen unter erhöhter Luftfeuchtigkeit noch weniger vom Rasen übrig als sonst.
Ja. Ich könnte mir vorstellen, dass durch die ganze Feuchtigkeit drinnen der Rasen schnell kaputtgeht. Das war auch in Halle der Fall. Denn wenn es regnet, versuchen die Veranstalter, möglichst viele Matches auf diesem einen Platz anzusetzen, wenn die vorherigen schnell vorübergegangen sind. Das ist fürs Fernsehen top, aber dem Rasen tut es nicht gut.
Das heißt, eigentlich ist das Dach nur vorteilhaft fürs Fernsehen und für die Topspieler, die auf dem Centre Court antreten dürfen?
Natürlich sind vor allem die gesetzten Spieler im Vorteil, die wissen, dass sie auf jeden Fall auf dem Centre Court spielen. Wenn die anderen Spieler morgens aufstehen und es regnet, dann wissen sie zu achtzig Prozent, dass sie an diesem Tag nicht spielen werden. Aber Roger Federer und andere Top-Spieler können sich jetzt fest darauf einstellen, dass sie Montag, Mittwoch, Freitag spielen werden. Aber diese Bevorzugung haben sie sich auch erarbeitet und verdient.
Sie waren vor zwei Jahren ein Leidtragender der Wetterkapriolen. Ihr Drittrundenspiel gegen Novak Djokovic zog sich über vier Tage, manchmal standen Sie nur kurz auf dem Platz, ehe der nächste Regenschauer kam. Wie gehen Sie mit solchen Unterbrechungen um?
Das Match gegen Djokovic war durch die ganzen Unterbrechungen das längste Spiel, das ich jemals hatte. Das Anstrengende ist, dass man immer heiß sein muss. Wenn man morgens um neun auf die Anlage fährt, den ganzen Tag wartet und abends um viertel vor neun erfährt, alles wird abgesagt, erst dann kann man richtig durchatmen. Dann gehst du nach Hause, isst etwas Vernünftiges, lässt dich behandeln. Vor elf, halb zwölf kommt man nicht ins Bett. Am nächsten Tag spielt man vielleicht drei, vier Spiele, dann fängt es wieder an zu regnen. Dann wird das Match wieder abgesagt, dann geht man wieder in die Players Lounge und immer so weiter. Früher hatte ich in Wimbledon ein Haus neben der Anlage. Das kann ein Vorteil sein, denn wenn es regnet, brauche ich nur über die Straße zu gehen und kann mich dort ausruhen. Der Trainer bleibt auf der Anlage und ruft mich an, wenn ich spielen muss. Wenn ich im dritten oder vierten Match angesetzt bin und es fängt an zu regnen, dann muss ich ja nicht den ganzen Tag auf der Anlage bleiben.
Verfolgen Sie und die anderen Profis die Wettervorhersagen?
Wir haben in den Kabinen Computer, und dort wird immer angekündigt, dass die Regenwahrscheinlichkeit bei achtzig Prozent liegt oder dass es gegen 15 Uhr aufhört zu regnen. Ich glaube, in London kann man sich auf diese Wetterberichte verlassen. Wenn nicht in England – wo dann? Aber über die ganzen Jahre hinweg kann ich ungefähr einschätzen, wie lange die Unterbrechung dauert: ungefähr zwei Stunden, bis die ganzen Plätze abgedeckt sind und anschließend die Feuchtigkeit weg ist. Im Kopf muss man hart bleiben, das ist das Wichtigste.
Gibt es auch Profis, die von den Wartezeiten genervt sind und die Konzentration verlieren?
Es gibt Typen, die den Regen hassen. Das muss man eiskalt ausnutzen.
Und Sie nervt die Warterei nicht?
Grundsätzlich gehöre ich zu jenen Menschen, die es lieben, als Erster zu spielen. Dann komme ich morgens auf die Anlage, trainiere, mache mich warm und weiß, um elf Uhr geht’s los, und um zwei Uhr bin ich wieder weg. Das ist für mich ein perfekter Tag.
Und wenn der Tag nicht perfekt läuft – wie überbrücken Sie die Pausen auf der Anlage?
Wir spielen viel Karten, Backgammon, Schach. Man isst ständig Bananen oder Sandwiches, und wenn ich weiß, dass ich in zwei Stunden spiele, dann kann ich auch eine Portion Nudeln essen. Und man macht sich warm, gefühlte zehn Mal am Tag. Denn es kann ja sein, dass die Turnierleitung sagt, demnächst geht’s weiter.
Während Ihres Spiels gegen Djokovic vor zwei Jahren haben Sie behauptet, in der Kabine gehe es zu wie im Zoo.
Es ist ein Zirkus in den Kabinen und in der Players Lounge. Es wimmelt von Leuten, die viel erzählen. Das raubt viel Energie, das unterschätzt man leicht. Es ist immer Action da unten. Jeder Spieler erzählt irgendwas, ob es ein Federer ist oder ein Nadal. Dann wird mal Fußball gespielt in der Kabine, oder die Engländer fangen an mit ihrem Cricket. Deshalb versuche ich, mich auch mal zurückzuziehen. Es gibt zwei Kabinen, eine davon ist reserviert für diejenigen Spieler, die gesetzt sind oder in Wimbledon schon mal im Viertelfinale standen. Dort ist es ruhiger, darum halte ich mich dort auf, höre Musik oder lege mich für eine halbe Stunde schlafen.
In den Regenunterbrechungen vor zwei Jahren sind Sie in der Kabine zwangsläufig auf Ihren Gegner Djokovic getroffen. Wie sind Sie miteinander umgegangen?
Wenn wir morgens um neun ankommen und merken, dass es regnet und sich alles verzögert, dann unterhalten wir uns ganz normal. Es ist ja nicht so, dass man verfeindet ist. Wenn aber absehbar ist, dass wir uns eine Stunde später auf dem Platz gegenüberstehen, dann konzentriert man sich ganz auf sich selbst. Vorher ist also alles normal, dann spielt man sein Match, und danach ist es auch wieder okay. Man darf sich nicht vorstellen, dass wir in der Kabine nicht miteinander sprechen.
Worüber unterhält man sich denn unter Tennisspielern?
Natürlich sprechen wir viel über Fußball, über die internationalen Ligen. Als ich vor zwei Jahren in der Kabine neben Maria Scharapowa saß, fing ihr Vater an zu erklären, wie er in Russland Bären jagt. Eine völlig verrückte Sache. Das ist ja gerade der interessante und witzige Teil am Tenniszirkus, dass man immer wieder neue Typen, neue Sitten und neue Geschichten kennenlernt. Wo auf der Welt bekomme ich sonst so etwas geboten?